Nachruf

»Abbild des jüdischen 20. Jahrhunderts«

Rabbiner Henry G. Brandt (1927–2022) Foto: © Gregor Zielke

Nachruf

»Abbild des jüdischen 20. Jahrhunderts«

Persönliche Erinnerungen an Rabbiner Henry G. Brandt sel. A., der vergangene Woche mit 94 Jahren starb

von Charlotte Knobloch  17.02.2022 08:28 Uhr

Henry G. Brandt sel. A. war ein ganz besonderer Mensch: eine Neschume, wie man sie in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland kaum ein zweites Mal finden konnte. Zwar hat ein Jegliches seine Zeit, und ebenso auch jeder Mensch. Aber Henry Brandt wirkte nie wie jemand, dessen Zeit gekommen war. Wer ihn erlebte, der war im Gegenteil überwältigt von seinem Tatendrang und von seiner unerschöpflichen Energie – auch und besonders im hohen Alter.

Umso schmerzlicher ist der Abschied, den wir von ihm nehmen müssen. Als rabbinischer Gelehrter von außerordentlichem Ansehen, als Zeitzeuge der NS-Verfolgung und als prägende Figur der jüdischen Gemeinschaft in unserem Land hat er zeit seines Lebens Spuren hinterlassen, die niemand übersehen kann. Sein Leben war dabei ein Abbild des jüdischen 20. Jahrhunderts.

geburtsstadt Geboren 1927 als Heinz Georg Brandt in München, verlebte er eine – wie er selbst sagte – nur zum Teil beschwerte Kindheit in seiner Geburtsstadt; unter Mühen gelang es seinen Eltern lange Zeit, die schlimmsten Auswüchse des Hasses von ihren beiden Söhnen fernzuhalten.

Umso erschreckender waren für ihn die Ereignisse des Jahres 1938, als im Juni die Hauptsynagoge abgebrochen wurde und im November die orthodoxe Synagoge zerstört wurde. Einen besonders tiefen Einschnitt bedeutete es, als im Morgengrauen des 10. November sein Vater nach Dachau verschleppt wurde. Erst Wochen später kam er frei.

Die Familie konnte über England nach Tel Aviv fliehen. Henry Brandt diente in der neu gegründeten Marine und kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Doch dann entschied er sich für eine Ausbildung zum Rabbiner in London. Auf seinen weiteren Lebensstationen wurde er Landesrabbiner für Niedersachsen in Hannover, später Rabbiner in Augsburg.

gedächtnis Als langjähriger Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) war er ein Gesicht des jüdischen Lebens in unserem Land. In seiner Geburtsstadt München bleibt er uns vor allem als prägendes Gesicht unserer Nachbarn in der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben im Gedächtnis.

Er kam immer wieder in seine Geburtsstadt, nicht zuletzt, um seine Mutter zu besuchen, die hier im Altenheim lebte. Dabei traf er auch Henny Seidemann sel. A., die langjährige Vorsitzende der Münchner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, in der Henry Brandt sich ebenfalls engagierte.

Am 10. Februar fand er seine Ruhestätte auf dem Neuen Jüdischen Friedhof an der Garchinger Straße, wo sich auch das Grab seiner Mutter befindet. Die Trauer um den Verlust wird bleiben, aber auch die guten Erinnerungen, die großartigen Leistungen und die zahlreichen Errungenschaften eines langen, reichen Lebens.

Möge seine Seele eingebunden sein in den Bund des ewigen Lebens.

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Zeitreise

Historische Frankfurter Judengasse wird virtuell erlebbar

In den Alltag von Jüdinnen und Juden im Jahr 1864 in Frankfurt am Main eintauchen, sich als Passant in der historischen Judengasse bewegen und mit Bewohnern sprechen: Das Jüdische Museum Frankfurt hat eine internetbasierte Zeitmaschine entwickelt

von Jens Bayer-Grimm  29.05.2026

Nordhausen

Ausstellung zeigt Lebensgeschichten von jüdischen Kindern

Im April 1945 befreite die Rote Armee bei Tröbitz 2.300 Häftlinge aus einem abgestellten Zug des »Verlorenen Transports«. Eine Ausstellung dokumentiert mit Fotos das Schicksal von acht überlebenden Kindern

 27.05.2026

Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Ein Zwischenruf von dem Holocaust-Überlebenden Roman Haller

von Roman Haller  27.05.2026

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026

Führung

Open-Air-Ausstellung zum jüdischen Leben in Erfurt

Ab Freitag führt ein Rundgang auf 19 Stationen durch das historische jüdische Viertel Erfurts und verbindet Geschichte mit digitalen Angeboten

 26.05.2026

Dresden

Wegen Betrugs und Geldwäsche: Bewährungsstrafe für Rabbiner

Das Amtsgericht Dresden hat sein Urteil gesprochen: Ein 41-jähriger Rabbiner wurde der Beihilfe zum Betrug für schuldig befunden

 26.05.2026