Trauerzeit

Zwischen den Katastrophen

Wir können nicht um den Tempel trauern wie um einen geliebten Menschen. Aber wir können aus den Unglücken der Geschichte lernen. Foto: Thinkstock

Die Zeit zwischen dem 17. Tamus, der dieses Jahr auf den 25. Juni fällt, und dem 9. Aw (Tischa beAw – dem Tag, an dem der erste und der zweite Tempel in Jerusalem zerstört wurden) nennt man im Judentum »bejn haMezarim«. Das bedeutet auf Hebräisch: »Die Zeit zwischen den Bedrängnissen«.

Unsere Weisen lehren, dass der Zeitraum zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Aw von der Vergangenheit bis zum heutigen Tag mit Unglücken behaftet ist. Auf diesen Tagen liegt jedes Jahr ein negatives Potenzial. So steht es auch in der Rolle Echa, die an Tischa beAw in der Synagoge gelesen wird. Im ersten Kapitel heißt es über das Land Juda: »Kol Rodfeha hisiguha bejn haMezarim« – «Alle seine Verfolger holten es ein – zwischen den Bedrängnissen«.

In den Büchern der Halacha finden wir allerdings kaum Anweisungen für diese Zeit. Auch Maimonides, der Rambam, macht keine Vorschriften, was in dieser Zeit zu tun sei. Im Schulchan Aruch gibt es jedoch eine einzige Halacha, die Folgendes besagt: Man soll sich genau in diesem Zeitraum vor Gefahren hüten. Und im Umgang zwischen Lehrer und Schüler, Vater und Sohn soll nicht zu starke Strenge walten.

Alle Sitten und Gebräuche, die wir heutzutage für die dreiwöchige Trauerperiode kennen und einhalten – wie zum Beispiel, weniger Freude zu zeigen, sich nicht die Haare zu schneiden und neun Tage vor Tischa beAw kein Fleisch zu verzehren (Schabbat ausgenommen) – sind Gebräuche, die erst viel später entstanden sind.

Verlust Die 21 Tage sind Tage der tiefen Trauer, vergleichbar mit der Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen. Es stellt sich aber nun die Frage: Sind wir Juden denn fast 2000 Jahre später überhaupt in der Lage, intensiv den Verlust des Tempels zu betrauern – und diese Trauer sogar mit der Trauer um einen verlorenen Menschen gleichzusetzten? Zumal wir weder im Schulchan Aruch noch bei Rambam dazu Trauerverschriften finden.

Schließlich sind doch auch weitere Unglücke viel später nach der Tempelzerstörung gerade in diesem Zeitraum geschehen. In welcher Verbindung steht dazu »der Umgang zwischen Lehrer und Schüler, Vater und Sohn«? Warum sollen wir gerade diese Vorschrift beachten, damit wir in Zukunft zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Aw vor Unglück geschützt sind?

Talmud Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, müssen wir in rabbinischen Quellen forschen. Im Talmud finden wir eine Auflistung aller traurigen Begebenheiten an beiden Daten. Dort werden fünf Ereignisse am 17. Tamus fünf Ereignissen des 9. Aw gegenübergestellt. Für den 17. Tamus steht geschrieben: Die Gesetzestafeln wurden an diesem Tag zerbrochen; die Stadtmauern Jerusalems wurden (zur Zeit des zweiten Tempels) durch Titus durchbrochen; Apostomus (dessen historische Identität umstritten ist) verbrannte die Tora; während der Herrschaft des Königs Menasche wurde ein Götzenbild im Tempel aufgestellt; und schließlich hörte die Opfergabe an diesem Tage auf.

Für den 9. Aw wird Folgendes aufgezählt: Mosche schickte an diesem Tag Kundschafter nach Kanaan – nach ihrer Rückkehr berichteten diese nur Negatives; der erste Tempel wurde 586 vor der Zeitrechnung durch die Babylonier zerstört; der zweite Tempel wurde 70 nach der Zeitrechnung durch die Römer zerstört; Kaiser Hadrian benannte im Jahr 130 das zerstörte Jerusalem in Aelia Capitolina um, und die Stadt Betar wurde durch Hadrian im Jahr 135 während des Bar Kochba‐Aufstandes erobert.

Vergleich Wenn wir diese vergleichende Aufstellung von insgesamt zehn tragischen Ereignissen betrachten, finden wir einen gemeinsamen Nenner. Schauen wir uns alle Unglücke am 17. Tamus an, so erkennen wir, dass sie alle im Zusammenhang mit der Tora stehen, also einen religiösen Aspekt haben. Demgegenüber sind alle Vergehen und Unglücke des 9. Aw ausschließlich politischer Natur und führten zu totaler Zerstörung. So gesehen sind die Ereignisse des 17. Tamus die Urheber des Unglücks – und die des 9. Aws das Resultat.

Wir müssen diese beiden Daten nicht nur deswegen eingehend unter die Lupe nehmen, weil genau an diesen Tagen Unglücke geschahen. Denn diese Tragödien dauerten sicherlich nicht nur drei Wochen, sondern viel länger. Wir sind deshalb gezwungen, die Gegenüberstellung von Ursachen (17. Tamus) und Auswirkungen (9. Aw) zu verstehen, weil religiöse Vergehen zur Zerstörung der Nation führten.

Es beginnt mit dem ersten Punkt am 17. Tamus. Die Gesetzestafeln wurden zerbrochen. Warum? Die Antwort steht in der Tora – das Vergehen war es, das Goldene Kalb errichtet zu haben. Als die Israeliten am Berge Sinai die Zehn Gebote empfingen, sagten sie: »Na’- asse we nischma« – »Wir werden es hören und tun«. Obwohl die gesagten Worte der Tora nicht für alle verständlich waren, gaben alle ihren Zuspruch, sie bestätigten die Tora durch ihre Worte. Wie konnte es dann geschehen, dass sie trotzdem wenige Zeit später ein Goldenes Kalb errichteten?

Raschi erklärt dies so: Obwohl jeder Anwesende eine freie Entscheidungsmöglichkeit hatte, entstand die Zustimmung des Volkes Israels unter g’ttlichem Druck. Aus dieser Erklärung lernen wir: Um die Tora für lange Zeit zu behalten und zu verinnerlichen, muss das Lernen ohne Druck geschehen.

Verständnis Unter Druck laufen wir Gefahr, wieder ein Goldenes Kalb zu errichten. Und deshalb gibt es die Anweisung im Schulchan Aruch, dass das Lehren und Lernen der Tora zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Vater und Sohn ohne Druck und die Lehre nur mit Verständnis vermittelt werden soll. Unsere Trauer über die Tempelzerstörung ist natürlich nicht die gleiche, die wir fühlen, wenn ein Mensch gestorben ist. Aber wir können aus der Geschichte lernen, was zur Zerstörung geführt hat. Genau das verinnerlichen wir – wir rüsten uns für unsere Zukunft, um weitere Zerstörungen zu vermeiden.

Es ist heute wichtig, nicht genauso zu trauern wie vor 2000 Jahren, sondern vielmehr das Torastudium richtig anzugehen. Bei der Lehre der Tora geht es nicht um Strenge, Druck oder Gewalt, sondern freier Wille, Verständnis und Güte sind entscheidend und führen uns an das Ziel, uns G’tt zu nähern – und nicht einem Götzen wie dem Goldenen Kalb.

Heutzutage haben die Schüler der Jeschiwot in den drei Trauerwochen Ferien. Wahrscheinlich deshalb, weil sie sich genau in der Zeit zwischen dem 17. Tamus und 9. Aw darauf besinnen sollen, die Tora aus freien Stücken zu lernen. Ziel ist die Freude am Studium der Tora – ein Leben lang. Denn nur das ist die Garantie dafür, eine weitere Zerstörung zu verhindern.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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