Charosset

Zur Erinnerung an den Apfelbaum

Warum wir zur Pessachmahlzeit süßen Fruchtbrei essen

von Yizhak Ahren  18.04.2019 10:26 Uhr

Ort der Niederkunft: unter den Apfelbäumen Foto: Getty Images

Warum wir zur Pessachmahlzeit süßen Fruchtbrei essen

von Yizhak Ahren  18.04.2019 10:26 Uhr

Gerade weil es für uns selbstverständlich ist, dass Charosset auf die Sederschüssel gehört, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, was es mit diesem Fruchtbrei eigentlich auf sich hat. In der Tora ist von Charosset nicht die Rede.

Wie kam dann das Mus aus Früchten, Gewürzen und Rotwein auf den Sedertisch? Aus den Untersuchungen des israelischen Talmudforschers David Henshke geht hervor, dass Charosset erst in der Zeit nach der Zerstörung des Zweiten Tempels in den Ablauf der Pessachmahlzeit eingeführt wurde.

Rabbi Jochanan und Rabbi Levi haben die Symbolik des Fruchtbreis verschieden gedeutet.

Fleisch Als der Tempel in Jerusalem noch existierte, hat man beim Seder vom Pessachopfer gegessen. In der Tora heißt es: »Mit ungesäuertem Brote und Bitterkraut sollen sie es (das Pessachopfer) essen« (4. Buch Mose 9,11; vgl. auch 2. Buch Mose 12,8). Mazza und Maror waren also Beilagen zum Fleisch, das vom Pessachopfer gegessen wurde.

Als man kein Pessachopfer mehr bringen konnte, wurden die Beilagen zum gebratenen Fleisch nicht einfach weggelassen; sie rückten vielmehr in den Vordergrund. Mazza ist, wie Rabbiner Mosche Sofer einmal bemerkte, die einzige von allen in der Tora vorgeschriebenen Speisen, die uns geblieben ist. Die früheren Beilagen bekamen nun ihrerseits eine Beilage, den Fruchtbrei, den wir Charosset nennen.

Die jemenitischen Juden bezeichnen das Mus als »Ducha«. Moses Maimonides schreibt in seinem halachischen Kodex, dass man sowohl die Mazza als auch das Bitterkraut in Charosset eintauchen soll (Hilchot Chametz Umazza 8,8). Freilich hat schon Rabbiner Abraham Ben David in einer Glosse zu dieser Stelle angemerkt, dass man nur das Bitterkraut in Charosset eintauchen soll, und so ist der heutige Brauch.

In der Mischna (Pessachim 10,3) gibt es bezüglich Charosset eine Meinungsverschiedenheit: »Man setzt ihm Ungesäuertes, Bitterkraut und Charosset vor, wiewohl Charosset kein Gebot ist. Rabbi Elazar Ben Zadok sagt: Charosset ist ein Gebot.«

Mazza ist die einzige von allen in der Tora vorgeschriebenen Speisen, die uns geblieben ist.

Symbol Da, wie bereits erwähnt, Charosset in der Tora nicht vorkommt, ist in der zitierten Mischna ein rabbinisches Gebot gemeint.Im Talmud (Pessachim 116a) werden die Ansichten der zwei Tannaiten diskutiert. Die erste Auffassung erfordert eine Erklärung: »Wozu ist der Fruchtbrei nötig, wenn er nicht ein Gebot ist? Rabbi Ami erwiderte: Wegen der Giftigkeit (des Bitterkrautes).« Charosset ist nach dieser Auffassung also keine symbolische Speise, sondern wird nur zur Abwehr von »Giftigkeit« benutzt. Auch die Ansicht von Rabbi Elazar Ben Zadok befragt der Talmud: »Was ist dies für ein Gebot? Rabbi Levi sagte: zur Erinnerung an den Apfelbaum.

Rabbi Jochanan sagte: zur Erinnerung an den Lehm. Abajje sagte: Daher (um beiden Meinungen zu entsprechen) muss Charosset herb und dick sein; herb zur Erinnerung an den Apfelbaum und dick zur Erinnerung an den Lehm. Übereinstimmend mit Rabbi Jochanan wird gelehrt: Die Gewürze sind zur Erinnerung an das Stroh, und der Fruchtbrei ist zur Erinnerung an den Lehm.«

Nach Rabbi Elazar Ben Zadok ist Charosset nicht nur ein Gegenmittel, sondern eine Speise, welche die Sklavenzeit in Ägypten in Erinnerung bringt. Rabbi Jochanan und Rabbi Levi haben die Symbolik des Fruchtbreis verschieden gedeutet. Rabbi Jochanans Deutung ist leicht zu verstehen: Stroh und Lehmziegel sind in der Tora erwähnt (2. Buch Mose 5).

Segensspruch Rabbi Levis Deutung jedoch ist erklärungsbedürftig: In welcher Geschichte kommt ein Apfelbaum vor? Rabbi Schmuel Ben Meir (der Raschbam) verweist auf folgende Talmudstelle (Sota 11b): »Als die Zeit ihrer Niederkunft kam, gingen die hebräischen Frauen aufs Feld und gebaren unter den Apfelbäumen.«

Äpfel im Fruchtbrei sollen also an das wundersame Geschehen erinnern, als hebräische Frauen in der Verfolgungszeit viele Kinder unter Apfelbäumen gebaren. In seinem Kommentar zur Mischna schreibt Maimonides, dass man nach der Meinung von Rabbi Elazar Ben Zadok eine bestimmte Menge Charosset (groß wie eine Olive) verzehren soll, und vor dem Essen muss man einen entsprechenden Segensspruch sagen. Jedoch, so bemerkt Maimonides, folgt die Halacha nicht der Ansicht von Rabbi Elazar Ben Zadok.

Heute sagen wir beim Seder keinen Segensspruch über Charosset.

In der Tat sagen wir heute beim Seder keinen Segensspruch über Charosset. In seinem später verfassten halachischen Kodex Mischne Tora stellt Maimonides fest, Charosset sei ein rabbinisches Gebot zur Erinnerung an die Sklavenarbeit in Ägypten (Hilchot Chametz Umazza 7,11). Jedoch erwähnt Maimonides weder eine Mindestquantität, die man essen sollte, noch den entsprechenden Segensspruch. Seine Kommentatoren bemerkten, dass Maimonides offensichtlich seine Meinung geändert hatte.

Gebot Hatte er früher die Ansicht vertreten, dass man am Sedertisch Charosset essen müsse, so gelangte er später zu der Auffassung, dass das rabbinische Gebot darin besteht, dass die symbolische Speise Charosset auf dem Sedertisch steht. Nicht mit dem Eintauchen des Bitterkrauts in Charosset erfüllen wir das rabbinische Gebot; das Eintunken ist lediglich die Art und Weise, wie wir Charosset in die Mahlzeit einfügen. Charosset ist demnach kein Essgebot, sondern ein Sehgebot am Sedertisch!

Talmudisches

Alles ist zum Besten

Warum viele Dinge aus einem bestimmten Grund geschehen

von Noemi Berger  13.12.2019

Wajischlach

Gottesdiener im rauen Leben

Warum ausgerechnet Jakow zum Vater der zwölf Stämme wurde und nicht Awraham oder Jizchak

von Beni Frenkel  13.12.2019

Diskussion

Mit und ohne Kippa

Beim Jubiläum des Rabbinerseminars ging es um Religionsfreiheit, Urlaubstage und Beerdigungen

von Ayala Goldmann  12.12.2019

»Bal Teschaktzu«

Sei nicht widerlich!

Das jüdische Religionsgesetz verbietet, in der Öffentlichkeit zu spucken oder in der Nase zu bohren. Was noch?

von Rabbiner Avraham Radbil  12.12.2019

Shopping

Was man nicht kaufen kann

Warum es etwas Befreiendes hat, sich gerade jetzt dem Konsumrausch zu entziehen

von Rabbiner Andrew Aryeh Steiman  12.12.2019

Berlin

Bundesregierung gibt Zustimmung für Militärrabbiner

Ein entsprechender Staatsvertrag soll auf dem Gemeindetag des Zentralrats der Juden geschlossen werden

 10.12.2019 Aktualisiert