Talmudisches

Zur Ader lassen

Mit dem modernen Fortschritt in der Medizin ist der Aderlass im Laufe des 19. Jahrhunderts außer Gebrauch gekommen. Foto: Getty Images

»Wer zur Ader lässt und unmittelbar danach Kinder zeugt, bekommt schwache Nachfahren. Wenn beide Partner zur Ader gelassen haben, werden ihre Kinder sogar den Zitterausschlag bekommen« (Ketubbot 72b).

Diese drastische Aussage unserer Weisen ist eine deutliche Warnung: Aderlass und Kinderzeugen passen nicht zusammen. Was genau ist dieser Aderlass, von dem hier die Rede ist?

BLUT Nach den üblichen Vorstellungen der antiken Heilkunde konnte ein Überfluss an Blut oder eine Verschmutzung des Blutes die Ursache verschiedener Krankheiten sein.

Durch die Entwicklung der griechischen Vier-Säfte-Lehre durch Galen und andere Ärzte des 2. Jahrhunderts n.d.Z. wurde diese Vorstellung noch bekräftigt. Die empfohlene Behandlungsmethode bestand darin, eine gewisse Menge Blut aus dem Körper zu lassen, sodass der Organismus neue, »gesunde« Blutreserven herstellen könne.

In der Folge war diese etablierte medizinische Praxis auch unter den Juden des Perser- und des Römischen Reiches üblich. Und so mussten sich bald auch die talmudischen Weisen mit dem Aderlass auseinandersetzen.

HALACHA Das halachische Leitprinzip bestand darin, in medizinischen Angelegenheiten dem Rat der Experten, also der Ärzte, zu folgen. Daher wurde auch der Aderlass von den Rabbinen nicht grundsätzlich als schlecht angesehen.

Dennoch warnen unsere Weisen öfter und ganz ausdrücklich vor den Gefahren, die mit dem Aderlass einhergehen können. So verbieten sie, direkt nach dem Aderlass aufzustehen oder anderweitigen körperlichen Aktivitäten nachzugehen.

Vielmehr solle man, nachdem man zur Ader gelassen wurde, eine Mahlzeit einnehmen oder sich bei Bedarf wärmen (Schabbat 129a). Auch führe man den Aderlass höchstens alle 30 Tage durch (129b).

Die spätere jüdische Tradition schränkte den Aderlass dann noch weiter ein. Maimonides, der Rambam (1138–1204), der nicht nur Toragelehrter und Philosoph, sondern auch Arzt war, riet in seiner Mischne Tora deutlich vom übermäßigen Aderlass ab: »Man gewöhne sich nicht an, stetig Blut zu lassen, sondern tue dies nur, wenn man es im Besonderen benötigt … Auch lasse man nicht (zu beliebigen Zeiten) zur Ader, sondern nur, und wenig, im (Frühlingsmonat) Nissan und im (Herbstmonat) Tischrei. Menschen über 50 Jahre sollten überhaupt niemals zur Ader lassen« (Hilchot Deot 4,18).

FORTSCHRITT Mit dem modernen Fortschritt in der Medizin und ihren Behandlungsmethoden ist der Aderlass im Laufe des 19. Jahrhunderts außer Gebrauch gekommen, so auch im Judentum.

Doch könnte man fragen: Da wir von der fortlaufenden Inspiration unserer Tra­dition durch den Ewigen ausgehen und der Aderlass ein über Jahrhunderte hinweg verbreitetes Heilmittel auch unter Juden war, können wir ihn da aus der Überlieferung so einfach als »überholt« entfernen?

Ich denke: Ja. Denn bereits unsere Weisen standen der Medizin ihrer Zeit kritisch gegenüber. So erzählen sie etwa, dass König Chiskija (8. Jahrhundert v.d.Z.) das in seiner Zeit übliche Standardwerk der Medizin aus Jehuda verbannen ließ (Pessachim 56a).

Wie man am Aderlass sieht, konnte man nicht sicher sein, ob die damaligen Behandlungsmethoden wirklich hilfreich waren oder nicht eher schadeten. Oder mit den Worten unserer Weisen: »Sogar der beste unter den Ärzten kommt in die Hölle« (Mischna Kidduschin 4,14).

Insofern sollten wir den Aderlass auch nicht als inhärenten Teil unserer Tradition ansehen. Will man ihm aber etwas Positives abgewinnen, so kann man ihn als Vorläufer des modernen Blutspendens zum Wohle anderer sehen.

Möge der Ewige uns allen dauerhafte Gesundheit schenken!

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