Die zwei zentralen Ereignisse im Wochenabschnitt Ki Tissa sind die Spenden der Israeliten zur Einweihung des Mischkan, des Zeltes der Zusammenkunft, sowie die Schaffung des Goldenen Kalbs und die Konsequenzen, die daraus folgen.
Diese beiden Ereignisse haben viel miteinander zu tun. Thematisch sind sie durch den Aufbau von Ritual und Heiligtum miteinander verbunden. In beiden Geschichten sind Gott, Mosche und das Volk Israel die Hauptfiguren. Diese Ähnlichkeiten lehren uns, dass Kreativität und Gestaltungswille nicht das eigentliche Problem waren. Der Impuls, etwas zu erschaffen, ist nicht nur menschlich und notwendig, sondern kann uns auch näher zu Gott bringen.
Das Problem lag vielmehr darin, dass die Israeliten Gott mit dem Goldenen Kalb ersetzen wollten. Sie machten aus Metall ein Götzenbild, das sie dann »Götter« nannten (2. Buch Mose 32,4). Sie gingen sogar noch einen Schritt weiter und beteten das Kalb an (32,6). Damit verstießen sie gegen mindestens zwei der Zehn Gebote.
Die Israeliten wollten Gott mit dem Goldenen Kalb ersetzen
Vielleicht hatten sie die Zehn Gebote noch nicht verinnerlicht. Obwohl die Israeliten die Gebote bereits im Wochenabschnitt Jitro erhalten hatten, der vor vier Wochen gelesen wurde, folgen die Ereignisse von Ki Tissa unmittelbar darauf. Laut den Rabbinen sind die Wochenabschnitte im 2. Buch Mose nicht notwendigerweise in chronologischer Reihenfolge angeordnet. Dieses rabbinische Prinzip heißt »Ein mukdam u’meuchar baTora« (Es gibt kein Früher oder Später in der Tora).
Chronologisch findet die Schaffung des Goldenen Kalbs also direkt nach der Offenbarung, der Gabe der Zehn Gebote, statt.
Es stimmt daher, dass die Israeliten gegen die Gebote verstießen, denn sie hatten sie bereits gehört. Doch obwohl die Worte der Gebote in der Tora klar formuliert sind, waren die Israeliten damals überfordert. Sie hörten den Donner nicht nur, sie sahen ihn auch (2. Buch Mose 20,15). Dieser Wechsel der Sinne bedeutet nicht, dass sie nicht zugehört hätten. Vielmehr war die Begegnung mit Gott überwältigend und zugleich beängstigend. Sie muss als Anfang und nicht als Endpunkt verstanden werden.
Ab diesem Moment veränderte sich die Gesellschaft der Israeliten, da sie nun eine klare Ordnung hatte. Wie viel Zeit braucht es, um Gesetze zu internalisieren und ihnen zu folgen? Diese Frage stellt sich im Blick auf die Israeliten – sie bleibt aber bis heute aktuell.
Wie viel Zeit braucht es, um Gesetze zu internalisieren und ihnen zu folgen?
Ki Tissa zeigt, dass die Bedeutung der Zehn Gebote noch nicht vollständig verstanden war. Erst in diesem Wochenabschnitt gab Gott den Israeliten die zwei steinernen Tafeln des Bundes. Zuvor existierten die Gebote nur als abstrakte Ideen.
In einem Wochenabschnitt, in dem die Baumaterialien sowohl für den Mischkan als auch für das Goldene Kalb eine zentrale Rolle spielen, erscheint das Material des Dekalogs zunächst unwichtig. Gold, Silber und Kupfer, die für den Mischkan und das Kalb verwendet wurden, kommen für die Tafeln nicht infrage. Laut einem Midrasch bestanden die Tafeln nicht aus einfachem Stein, sondern aus einem Saphir (Wajikra Rabba 32,2).
Ein Saphir ist zwar wertvoll, aber kein Metall. Meiner Meinung nach ist dieses Detail kein Zufall. Erstens wurden die Tafeln zerbrochen – Stein zerbricht leichter als Metall. Zweitens war es wichtig, dass die Tafeln weder die Form des Kalbes noch die des Mischkans annahmen. Die Gebote als grundlegende Gesetze der israelitischen Gesellschaft waren verbindlich und zentral. Dennoch sollten sie selbst nicht zu einem Götzen werden. Ein zerbrechliches Material dient diesem Zweck.
Ein absolutes Gesetz ist auch eine Art Götze
Aber gleichzeitig müssen die Gebote flexibel und veränderbar sein. Ein absolutes Gesetz ist auch eine Art Götze. Selbst wenn die Gesetze von Gott stammen, sind es Menschen, die sich mit ihnen auseinandersetzen und sie einhalten.
Zweimal trug Mosche die Tafeln des Zeugnisses vom Gipfel des Sinais hinab zum Lager der Israeliten. Er war der Vermittler zwischen Gott und dem Volk. Als er die ersten Tafeln erhielt, wusste Gott bereits, dass sich die Israeliten falsch verhielten. Mosche drängte Gott, das Volk nicht zu vernichten. Dieser Mann, der in der Tora für seine Sprachprobleme bekannt ist, hatte die Kraft, Gott gegenüber zu argumentieren – und ihn sogar zu überzeugen.
Als Mosche mit den Tafeln vom Berg herabstieg, waren diese nicht nur »ein Werk Gottes«, sondern die Tora schreibt, es sei Gottes Schrift gewesen (2. Buch Mose 32,16). Nachdem Joschua ihm begegnet war, verlor Mosche die Geduld und zerbrach die Tafeln vor den Augen der Israeliten (32,19). Unmittelbar danach zerstörte er das Goldene Kalb.
Schöpfung und Zerstörung sind Gegensätze, treten aber oft gemeinsam auf
Schöpfung und Zerstörung sind Gegensätze, treten aber oft gemeinsam auf. An dieser Stelle entschied Gott aus Barmherzigkeit, dass die Geschichte der Israeliten weitergeht. Sie erhielten eine zweite Chance, die Zehn Gebote anzunehmen.
Der Anfang war ähnlich: Mosche verließ die Israeliten erneut, um Gott auf dem Gipfel des Sinais zu begegnen. Wieder blieb er dort 40 Tage und Nächte.
Vielleicht erwartete Mosche, dass die Israeliten erneut einen Götzen erschaffen würden. Doch das geschah nicht. Die Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel hatte sich bereits weiterentwickelt.
Auch die Beziehung zwischen Gott und Mosche war nun eine andere. Diesmal arbeiteten sie zusammen. Sie schufen einen neuen Bund zwischen Gott und den Israeliten sowie neue Tafeln des Zeugnisses. Diese ähnelten den ersten Tafeln, waren aber nicht identisch. Auf den neuen Tafeln standen die Worte des Bundes, sie wurden von Mosche geschrieben – nicht von Gott.
Diese Zusammenarbeit und Partnerschaft prägen die zweiten Tafeln. Gerade dadurch sind sie ein Tikkun, eine Nachbesserung der ersten Tafeln. Mosches Mitwirkung an den Tafeln ist ein Zeichen dafür, dass die Israeliten die Zehn Gebote als Gesetz annahmen und begannen, ihre Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Im Vergleich zum Beginn des Wochenabschnitts endet Ki Tissa mit kreativen Impulsen, die Gott ehren, statt gegen ihn zu verstoßen.
Die Autorin studiert am Abraham J. Heschel Seminar in Potsdam.
Inhalt
Zu Beginn des Wochenabschnitts Ki Tissa wird Mosche damit beauftragt, die wehrfähigen Männer zu zählen. Es folgen Anordnungen für das Stiftszelt. Die Gesetze des Schabbats werden mitgeteilt, und es wird die Bedeutung des wöchentlichen Ruhetags als Bund zwischen dem Ewigen und Israel betont. Der Ewige gibt Mosche zwei Steintafeln, mit denen er ins Lager der Israeliten zurückkehrt. Dort haben sich die Wartenden in der Zwischenzeit ein Goldenes Kalb gegossen, dem sie Opfer darbringen. Im Zorn darüber zerbricht Mosche die Steintafeln, und der Ewige bestraft die Israeliten mit einer Plage. Später steigt Mosche auf den Berg und erhält neue Bundestafeln.
2. Buch Mose 30,11 – 34,35