9. November

Wo überall neue Synagogen entstehen

Das neue jüdische Gemeindehaus mitten in der Regensburger Altstadt Foto: dpa

Ein Tallit dient, über Kopf und Schulter gezogen, zur Konzentration auf das Gebet. Vielleicht vermittelt er auch das Gefühl von Geborgenheit, schützt vor neugierigen Blicken. Die horizontalen Linien, die die Außenwand der neuen Synagoge von Dessau umfassen sollen, erinnern jedenfalls ganz bewusst an ebensolche Streifen in dem rechteckigen Mantel.

»Eine Idee von unserem Architekten Alfred Jacoby«, sagt Alexander Wassermann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dessau. So habe man als Besucher das Gefühl, im Raum von einem Gebetsmantel umschlossen zu werden.

BRAND 81 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge in Dessau wird am Freitag der symbolische Grundstein für eine neue Synagoge gelegt. Diese entsteht in der Askanischen Straße als Anbau zum Gemeindehaus, wo sie auch stand, bis sie am 9. November 1938 geplündert und in Brand gesteckt wurde.

Ein Haus zum Beten, zum Feiern, zum Lernen und Lehren. Bis Ende 2020 soll der Bau fertig sein, der 1,7 Millionen Euro kostet. 700.000 Euro kommen vom Bund, der Rest wird durch Lotto Toto, Gelder der Stadt und private Spenden finanziert.

81 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge in Dessau wird am Freitag der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt.

101 Synagogen und 31 Betsäle gibt es laut Statistischem Jahrbuch (Stand: 2018) zur Zeit in Deutschland. Mehr als 3000 waren es vor 1933, ein Großteil wurde in den Pogromen 1938 zerstört, später zweckentfremdet oder abgerissen.

BAUSTART Jahrzehnte später wird – quer durch die Republik – kräftig gebaut: In Regensburg wurde in diesem Jahr ein Synagogenneubau eingeweiht, ebenso in Unna, wo eine frühere evangelische Kirche umgebaut wurde. In Berlin werden die Pläne für die Neuerrichtung der alten Kreuzberger Synagoge am Fraenkelufer immer konkreter. Und schließlich nimmt im Osten Deutschlands der Bau von gleich drei Synagogen Formen an: Neben Dessau ist auch in Potsdam und Magdeburg spätestens für 2021 der Baustart geplant.

Hinzu kommt, dass – ausgelöst durch den Anschlag von Halle – die Bereitschaft seitens der Politik zunimmt, den Bau von jüdischen Gebetshäusern mehr zu unterstützen. Der diese Woche von den Hamburger Grünen eingebrachte Vorschlag, die einst größte Synagoge Norddeutschlands wieder aufzubauen, bekam quer durch alle Parteien positive Resonanz. Auch die Bundesregierung hat die Mittel für das Hamburger Bauvorhaben erhöht.

»Bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Synagogen in Städten unsichtbar«, sagt der Wissenschaftler.

Typisch für die neuen Synagogenbauten sei, dass es sich »um Gemeindezentren handelt, nicht allein um einen Raum für den Gottesdienst«, sagt Ulrich Knufinke, der die bundesweite Forschungsstelle für jüdische Architektur »Bet Tfila« leitet. Weil es nicht in kleine Einheiten parzelliert werde, habe das Gebäude »mehr Kraft«.

»Bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Synagogen in Städten unsichtbar, existierten – gleich den heutigen Moscheen – eher in Hinterhöfen«, sagt der Wissenschaftler. »In Berlin gab es etwa die Auflage, dass nicht-protestantische Gotteshäuser im Stadtbild nicht in Erscheinung treten durften – was genauso für katholische Kirchen galt«.

KONTRAST Erst im Zuge der Aufklärung änderte es sich das. Prachtvolle Synagogen wurden gebaut, oft mit Kuppel, als »Ausdruck bürgerlicher Repräsentation« und auch als Kontrast zu den Glockentürmen der christlichen Kirchen.

Wichtig beim Bau einer Synagoge sei, so Knufinke, dass die unterschiedlichen Strömungen in den jüdischen Gemeinden berücksichtigt werden. Ihre religiösen Bedürfnisse müssten in den Bauentwürfen Beachtung finden. Neben der Finanzierung ist auch dies mit ein Grund dafür, dass in Magdeburg oder Potsdam seit Jahren um die Realisierung gerungen wurde.

Die Gemeinde in Dessau bekommt immer wieder »schlimme Briefe«, wie Gemeindechef Wassermann erzählt.

TRAUM »In der Regel baut man in so einem Fall am besten für die Bedürfnisse einer orthodoxen Gemeinde«, erklärt Knufinke. »Die Liberalen können bei den Orthodoxen beten, umgekehrt ist das schwieriger.«

Als Beispiel nennt er die Frauenempore in einer orthodoxen Synagoge, die die Frauen von den Männern trennt – liberale Juden können den Hauptraum dann einfach für beide Geschlechter nutzen. Wenn aber etwa die Synagoge im dritten Obergeschoss des neuen Gemeindehauses ihren Platz haben soll, ist die Nutzung für orthodoxe Juden unmöglich – sie dürfen am Schabbat keinen Aufzug betreten.

Es gibt auch Menschen, die nicht wollen, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder Normalität wird. Die Gemeinde in Dessau etwa bekommt immer wieder »schlimme Briefe«, wie Wassermann erzählt. »Die Stadt soll judenfrei sein«, steht da etwa. Auch ein Hakenkreuz wurde schon auf die Eingangstür zum Gemeindehaus geschmiert.

Für den 65-Jährigen, dessen Vorfahren ursprünglich aus Deutschland stammen und der in den 90er-Jahren aus Taschkent in die Bundesrepublik emigrierte, geht am Freitag gerade deshalb »ein Traum in Erfüllung«, sagt er. »Das ist so wichtig für unsere Geschichte. Es ist ja nicht unsere Schuld, dass die Synagoge zerstört wurde.«

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