Ruth Westheimer

»Weil ich so jüdisch bin«

Sexualtherapeutin Ruth Westheimer (hier beim Gemeindetag 2016 in Berlin) Foto: Marco Limberg

Ich komme aus einer orthodoxen jüdischen Familie, ich bin sehr jüdisch, ich bin nicht orthodox»: Die deutsch-amerikanische Sexualtherapeutin Ruth Westheimer, bekannt als «Dr. Ruth», war einer der Stars des Gemeindetags 2016 in Berlin. Bei ihrer Keynote vor dem Mittagessen am vergangenen Freitag nahm die gebürtige Hessin, die Deutschland 1938 mit einem Kindertransport verlassen konnte, kein Blatt vor den Mund.

Sie gehöre zwei Synagogen in New York an, einer konservativen und einer reformierten, erläuterte Westheimer: «Das ist wunderbar. Wenn ich nicht dort bin, denken die, dass ich in der anderen bin.»

Die Sexualtherapeutin machte die tiefe Verwurzelung ihrer Arbeit in der jüdischen Tradition deutlich: «Der Grund, dass ich so offen über Sexualität sprechen kann, hat damit zu tun, dass ich sehr jüdisch bin», betonte die 88-Jährige. Traditionell bewerteten Juden Sexualität als positiv – denn im Judentum sei sie nicht Sünde, sondern «eine Mizwa für Verheiratete», und das vor allem am Freitagabend.

Hausaufgabe Dies bestätigt ein Blick in die Quellen: Im Schulchan Aruch, dem halachischen Standardwerk von Rabbiner Josef Karo (1488–1575), heißt es, der eheliche Verkehr gehöre zur Schabbatfreude (Orach Chajim 280,1). Wohl aus diesem Grund gab die Sexualtherapeutin den Gemeindetagsbesuchern auch eine Hausaufgabe: «Heute Abend will ich, dass ihr alle eine Position einnehmt, die ihr noch nie versucht habt. Dann müsst ihr mir das morgen zeigen, und ich sage etwas dazu.» Das Publikum reagierte mit Heiterkeit und stürmischem Applaus.

Als besonders anregend für sexuelle Aktivitäten in der Schabbatnacht empfindet Ruth Westheimer das Lied «Eschet Chajil» («Tüchtige Frau»), das ein Mann für seine Frau zu Schabbateingang singen soll: «Der Ehemann sagt zu seiner Frau: Es gibt wunderbare Frauen auf der Welt, die wundersame Sachen machen. Aber du, meine Frau, du bist die Allerbeste.» Sie kenne keinen anderen Satz, der in sexueller Hinsicht so erregend sei: «Versucht das heute Abend», empfahl die Therapeutin dem Publikum.

Auch eine bekannte Stelle aus der Mischna durfte bei ihrem Vortrag nicht fehlen. In Ketubot 5,6 heißt es: «Die Zeiten der ehelichen Pflichten aus der Tora sind: Selbstständige jeden Tag, Arbeiter zweimal wöchentlich, Eseltreiber einmal wöchentlich, Kameltreiber einmal in 30 Tagen, Matrosen einmal in sechs Monaten.» Aus diesem Grund habe sie ihrer Tochter dringend davon abgeraten, einen Matrosen zu heiraten, kommentierte Westheimer.

Orgasmus Ein weiterer Klassiker, den die 88-Jährige zum Besten gab: Im Talmud (Nidda 31a) heißt es, dass eine Frau einen Sohn gebären wird, wenn während des Verkehrs die Frau als Erste zum Orgasmus kommt. Ejakuliert der Mann zuerst, wird eine Tochter geboren. «Das zeigt uns, dass die Weisen genau wussten, dass der Geschlechtsverkehr nicht nur für Männer ein Genuss ist, sondern auch für die Frau», so Westheimer. Im Judentum habe der Mann die Pflicht, seine Frau zu befriedigen, und zwar nicht nur während ihrer fruchtbaren Jahre, sondern auch nach den Wechseljahren. Daraus könne man schließen, dass Sexualität bei Juden nicht allein der Fortpflanzung diene.

Westheimer empfahl den Frauen im Publikum, nach ihrer Menstruation sieben «reine Tage» abzuwarten und dann die Mikwe aufzusuchen, wie es vor allem im orthodoxen Judentum üblich ist: «Das ist sehr interessant für die Leute, die daran glauben.» Wenn das Paar eine gute Beziehung habe, sollte es nach zwölf abstinenten Tagen «guten sexuellen Erfolg» haben.

Zyklus Der Brauch habe seine Gründe, sagte Westheimer – die Frau könne schneller schwanger werden. Allerdings ließ sie das Problem der «halachischen Unfruchtbarkeit» bei Frauen mit kurzen Zyklen unerwähnt. Außerdem empfahl Westheimer sowohl Männern als auch Frauen, sich niemals nackt mit einem Sexualpartner ins Bett zu legen, wenn sie nicht die Absicht hätten, den Geschlechtsakt auch zu vollzuziehen.

Obwohl die Tora den Beischlaf unter Männern verurteilt, betonte Westheimer, sie respektiere Homosexuelle: «Darüber kann man nicht streiten.» Das schlimmste Problem in Schlafzimmern sei Langeweile, doch beim Gemeindetag wolle sie «nicht vor dem Mittagessen» über Selbstbefriedigung sprechen. Ihrem begeisterten Publikum gab sie einen weiteren Rat, der nicht in der Bibel steht: «Man soll aufpassen, was man über frühere Liebhaber erzählt. Lieber den Mund halten.»

Haftara

Kraft der Umkehr

An Jom Kippur lesen wir das biblische Buch Jona – eine Geschichte der Barmherzigkeit nicht nur für Israel

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  25.09.2020

Pandemien

Kuchen an Jom Kippur

Was Rabbiner früherer Zeiten ihren Gemeinden in Zeiten der Cholera empfahlen

von Rabbiner Avraham Radbil  25.09.2020

Bundesregierung

Felix Klein regt eine breite gesellschaftliche Debatte über Kirche in NS-Zeit an

Antisemitismusbeauftragter: »Es könnte zu einem Gewinn an Glaubwürdigkeit führen«

von Joachim Heinz  25.09.2020

Ha’asinu

Bilanz ziehen

Kurz vor seinem Tod legt Mosche vor Gott, dem Volk und vor sich selbst Rechenschaft über sein Lebenswerk ab

von Rabbinerin Gesa Ederberg  25.09.2020

Talmudisches

Eine Kränkung mit Folgen

Von Rav Rechumi, der seine Frau an Jom Kippur nicht besuchte

von Yizhak Ahren  25.09.2020

Halle

In die Zukunft schauen

Wie die jüdische Gemeinde ein Jahr nach dem Anschlag Jom Kippur feiert

von Rabbiner Elischa Portnoy  24.09.2020

G’ttesdienst

Zusammen mit den Sündern

Warum es so schwerfällt, auf den Synagogenbesuch an Jom Kippur zu verzichten

von Rabbiner Jaron Engelmayer  24.09.2020

Jerusalem

Gebetszettel für die Kotel

Jewish Agency sammelt weltweit Bitten und Gebete, die in die Ritzen der Mauer gesteckt werden

 24.09.2020

Berlin

Bundesregierung: Keine Prüfungen an Rosch Haschana und Jom Kippur

Religionsbeauftragter Grübel: »Die Lösung ist einfach und liegt bei den Hochschulen selbst«

 23.09.2020