Talmudisches

Was die jüdischen Weisen über den Wolf lehren

»Ab wann darf man das Schma am Morgen sprechen? Rabbi Me’ir sprach: Ab dem Zeitpunkt, an dem man zwischen einem Wolf und einem Hund unterscheiden kann« (Berachot 9b). Foto: Getty Images/iStockphoto

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Was die jüdischen Weisen über den Wolf lehren

Ein Überblick

von Chajm Guski  15.06.2023 08:26 Uhr

Se’ew gehört heute nicht mehr zu den beliebtesten hebräischen Vornamen. In Deutschland ist vor allem der Gelehrte Benjamin Se’ew Heidenheim (1757–1832) bekannt. Er gründete in Rödelheim bei Frankfurt eine jüdische Druckerei, in der er unter anderem Siddurim druckte.

Tatsächlich bedeutet »Se’ew« im Deutschen »Wolf«. In der Tora wird Benjamin mit einem Wolf verglichen: »Ein räuberischer Wolf ist Benjamin, am Morgen frisst er seine Beute, am Abend teilt er seinen Fang« (1. Buch Mose 49,27). Dennoch gibt es keine Person im Tanach mit dem Namen Se’ew.

Im Buch der Richter (7,25) begegnen uns die Midjaniter Orew und Se’ew – Rabe und Wolf: »Sie verfolgten die Midjaniter und nahmen die beiden Generäle der Midjaniter, Orew und Se’ew, gefangen. Sie töteten Orew am Felsen von Orew und Se’ew an der Weinpresse von Se’ew und brachten die Köpfe von Orew und Se’ew von der anderen Seite des Jordan zu Gideon.« Der Frage, ob die Namen an dieser Stelle eine symbolische Bedeutung haben, widmen sich die großen Erklärer nicht. Deshalb schauen wir auf die Eigenschaften des Wolfs in den talmudischen Texten.

RAUB Im Buch Jechezkel (22,27) ist der Wolf auf »Raub aus«, will »Blut vergießen« und »Menschenleben vernichten«. Diese Einschätzung begegnet uns auch im Talmud.

Jeschajahus berühmtes Wort, der Wolf werde eines Tages mit dem Lamm in Eintracht liegen (11,6), deutet indirekt an, dass er das Lamm als Beute betrachtet. Er ist also gefährlich. Ihm zu begegnen, könnte durchaus gefährlich sein. So legt der Talmud (Berachot 9b) wohl nicht zufällig fest: »Ab wann darf man das Schma am Morgen sprechen? Rabbi Me’ir sprach: ab dem Zeitpunkt, an dem man zwischen einem Wolf und einem Hund unterscheiden kann.« Es sollte also auch »sicher« sein, wenn man das Schma konzentriert spricht.

Der Talmud berichtet auch, dass Ziegenherden wohl häufiger Ziele von Wölfen gewesen seien. So heißt es im Traktat Schabbat (53b), dass man Ziegenböcken Fell umgebunden habe, um sie zu schützen: »Ulla erklärte: Man bindet ihnen ein Fell vor die Brust, damit die Wölfe sie nicht anfallen. Überfallen denn Wölfe nur Männchen und nicht auch Weibchen!? Weil diese an der Spitze der Herde gehen. Überfallen denn Wölfe nur die Spitze der Herde und nicht das Ende der Herde!? Vielmehr, weil diese fett sind.«

Im Traktat Bawa Batra (15b) wird dies als der »normale« Gang der Welt betrachtet. Rabbi Jose ben Chanina erzählt dort: »Das Vieh von Hiob durchbrach den Zaun der Weltordnung; es ist die Weltordnung, dass Wölfe Ziegen töten, beim Vieh von Hiob aber töteten Ziegen Wölfe.«

MENSCHEN Im schlimmsten Fall scheinen sie auch Menschen zu fressen – jedenfalls aus der Sicht des Talmuds, der von Kindern berichtet (Taanit 19a): »Einst verfügten die Ältesten ein Fasten, weil auf ihrer Heimreise aus Jerusalem in Aschkelon ein kleiner Kornbrand im Umfang eines Ofen­lochs bemerkt wurde. Ferner verfügten sie ein Fasten, weil Wölfe jenseits des Jordan zwei Kinder gefressen hatten. Rabbi Jose sagt: ›Nicht weil sie fraßen, sondern weil sie gesehen wurden.‹« Einige Blätter weiter (22b) wird, etwas verstörend, geschildert, dass die Wölfe die Kinder wieder ausgeschieden haben: »Ulla erzählte im Namen von Rabbi Schimon ben Jehozadak: ›Einst verschlangen Wölfe zwei Kinder und schieden sie wieder aus.‹«

Das erinnert an Rotkäppchen, allerdings sind die Kinder hier tot, und die Rabbinen diskutieren, ob Fleisch und Knochen der Unglücklichen rituell unrein waren oder nicht.

Ins Positive gekehrt, könnte man sagen, der Wolf sei ein aktiver und mutiger Jäger, der meist in der Morgen- oder Abenddämmerung jagt. Der Kommentator Rabbi Owadja ben Ja’akow Sforno schreibt in seinem Kommentar zu 1. Buch Mose 49,27: »Wölfe greifen in der Regel entweder am frühen Morgen oder am Abend an – beides Zeiten, in denen es nicht viel Licht gibt.«

Vielleicht ist es diese Uneindeutigkeit, die den Namen auf die hinteren Ränge der Beliebtheit rücken ließen.

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