Lichterfest

Wachs oder Öl?

Manche verwenden an Chanukka reines Olivenöl, weil auch das Wunder mit Olivenöl geschah Foto: Getty Images/iStockphoto

Es fühlt sich an wie vor langer Zeit: Erinnert man sich heute an Reisen nach New York, Jerusalem oder in jüdische Viertel in London oder Paris in den Tagen vor Chanukka, so erinnert man sich auch, dass es sich fast wie zu Hause zur Adventszeit in Deutschland anfühlte.

Es leuchtete, man wurde mit dem kommenden Fest konfrontiert, sei es auf der Straße, beim Bäcker oder im Supermarkt, von den Malls und den einzelnen Geschäften gar nicht zu sprechen. Überall Werbung, überall Chanukka. Ja, Chanukka zieht, was »Kon­sumwahnsinn« angeht, in normalen Zeiten mit Weihnachten gleich – und manchmal übertrifft es das christliche Fest sogar.

44 Kerzen Zumindest was die Kerzen angeht, toppen wir unsere nichtjüdischen, Weihnachten feiernden Mitbürger eindeutig. Denn während diese mit vier Kerzen durch die Adventszeit kommen, zünden wir jeden Tag immer mehr Kerzen an, und das ganze acht Tage. Am Ende haben wir insgesamt 44 Kerzen verbraucht – obwohl das immer noch eine umstrittene Frage ist und im Talmud unterschiedlich behandelt wird.

Laut der Überlieferung aus dem Talmud (Traktat Schabbat 21b) sollen wir in Erinnerung an das Wunder im Tempel – das zerstörte Heiligtum wurde im Jahr 164 v.d.Z. wiedereingeweiht, und das wenige Öl brannte ganze acht Tage – an acht Tagen im Monat Kislew die Lichter anzünden, so zumindest die Theorie.

Ich bin mir sicher, viele von uns haben diese kleinen blauen Packungen mit Chanukkakerzen aus Israel in Erinnerung. Kleine, bunte Kerzen, die es zusammen mit Blech-Chanukkiot gab. Man musste sich keine Sorgen machen – außer, dass sie sehr schnell abbrannten und somit die Mizwa der Chanukkakerzen nicht wirklich erfüllt wurde, denn diese sollen mindestens 30 Minuten brennen. Daher sollte man lieber Kerzen nehmen, die eine halbe Stunde lang »durchhalten« – sie können aber auch noch länger brennen.

Wunder In Israel gibt es eine riesige Vielfalt von brennbaren Materialien zu Chanukka. Zwar sind meist Kerzen Usus, und die Mehrheit zündet Kerzen an. Jedoch gibt es auch Menschen, die die Mizwa noch schöner und noch besser erfüllen möchten – und zwar durch Öl. Wieso Öl? Nun, das Wunder von Chanukka basiert auf dem Nichtvorhandensein von Öl für die Menora im Tempel.

Als der Tempel aufgeräumt und instandgesetzt und die Weihe des Heiligtums vollzogen war, war Öl für die Menora nur für einen Tag vorhanden. Neues Öl, das im Norden hergestellt wurde, brauchte exakt acht Tage, um gepresst und nach Jerusalem gebracht zu werden. Doch wundersamerweise reichte die kleine Flasche mit Öl, das nur einen Tag brennt, für ganze acht Tage aus. Umso verständlicher ist es, dass es in manchen Kreisen üblich ist, statt der Kerzen reines Olivenöl anzuzünden, und zwar nur Olivenöl, weil ja das Wunder mit Olivenöl geschah.

Inzwischen gibt es fertig gefüllte und verschlossene Kapseln mit Öl, die abgepackt zu 44 Stück verkauft werden, und auch hier gibt es unterschiedliche Ölqualitäten, je nach Bedarf und mit dem entsprechenden Stempel. Aber die wahre, die echte Art, die Lichter zu zünden, ist immer noch die, die auch vor Tausenden von Jahren üblich war. Natürlich kann das gefährlich sein und hat bei Unachtsamkeit auch schon zu tragischen Unglücken geführt. Aber wenn man darin geübt ist, den Docht in die Lampenschale zu legen und mit Öl zu begießen, gibt es kein schöneres Licht. Es ist warm, es riecht nach Chanukka, und man hat das Gefühl, man wäre um Jahrtausende in die Vergangenheit gereist.

Gemeinschaft Auch wenn Chanukka kein großes biblisches Fest ist, ist es für unser Verständnis und unsere Identität umso wichtiger. Wir feiern Chanukka, weil wir uns in der dunkelsten Zeit des Jahres, der Zeit, in der es kalt und ungemütlich ist, als Familie, Freunde, Gemeinschaften um das Licht versammeln, das von Tag zu Tag zunimmt und uns allen die Hoffnung darauf gibt, dass die Dunkelheit bald verschwinden wird.

Und auch, wenn wir diesmal wegen der Corona-Pandemie nicht im größeren Kreis feiern können, bleibt dieses Licht ein Zeichen des Glaubens, dass am Ende alles gut wird. Gerade jetzt brauchen wir diesen Glauben an das Gute – vielleicht mehr denn je. Ich wünsche Ihnen Chanukka Sameach!

Toldot

Segen und Fluch

Warum Awrahams Bund mit Gott nur an einen der Söhne weitergegeben wird

von Rabbiner Walter Rothschild  25.11.2022

Talmudisches

Eine Sechs und fünf Nullen

Über die Symbolik der Zahl 600.000

von Vyacheslav Dobrovych  25.11.2022

Großbritannien

Rabbiner Dayan Chanoch Ehrentreu ist tot

Er trug nach dem Krieg maßgeblich zum Neuaufbau jüdischen Lebens in Großbritannien und Deutschland bei

von Michael Thaidigsmann  24.11.2022

ARK

»Es geht hier auch um die Glaubwürdigkeit«

15 Mitglieder der Allgemeinen Rabbinerkonferenz haben sich von Walter Homolka distanziert

 25.11.2022 Aktualisiert

Baum der Erkenntnis

Apfel, Feige oder Weintraube?

Welche verbotene Frucht Adam und Chawa im Paradies aßen, ist bis heute umstritten

von Rabbiner Dovid Gernetz  24.11.2022

Hannover

»Ein Tag der Hoffnung und der Freude«

Bundespräsident Steinmeier würdigt die historische Bedeutung der Ordinationsfeier des Rabbinerseminars

 21.11.2022

Chaje Sara

Brüder bis heute

Awrahams Nachfolger wird Jizchak – doch der Ewige segnet auch Jischmael

von Rabbiner Avichai Apel  18.11.2022

Talmudisches

Jehuda und andere Löwen

Was unsere Weisen über den König der Tiere lehrten

von Chajm Guski  18.11.2022

Spiritualität

Verstand und Herz öffnen

Warum sich Analyse und Befolgung der Tora nicht widersprechen müssen

von Yossi Hayyut Chajes  17.11.2022