Nach Gewalt in Köln

Vorsicht vor dem Generalverdacht

Rabbinerin Antje Yael Deusel Foto: Thomas Barniske

Wie sollen Frauen mit sexuellen Übergriffen umgehen? Jedenfalls nicht in der Weise, dass sie sich aus der Öffentlichkeit verdrängen lassen, dass sie sich in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken lassen, und schon gar nicht dadurch, dass sie freiwillig auf Rechte verzichten, die ihnen in unserer Gesellschaft zustehen.

Die Frage ist aber eigentlich eine andere, nämlich: Wie sollen alle – Frauen und Männer – mit sexuellen Übergriffen auf Frauen umgehen? Der entscheidende Punkt liegt darin, dass die Gleichheit einer Frau, wie es angelehnt an ein Zitat von Honoré de Balzac heißt, zwar ein Recht sein mag, sie aber keine Macht der Welt zu einer Realität machen kann.

Denn auch heute noch – mehr als 150 Jahre nach dieser Aussage – sehen sich Frauen, die sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden, vor Gericht oder anderen staatlichen Institutionen zum Teil peinlichen und gar erniedrigenden Fragen ausgesetzt, wie es dazu kommen konnte.

gleichberechtigung Außerdem gibt es in diesem Zusammenhang einen weiteren Aspekt, nämlich die Frage nach Recht und Gleichberechtigung. Hier geht es um elementare Menschenrechte, die sowohl für Frauen wie auch alle anderen Mitglieder dieser Gesellschaft gelten müssen.

Genauso wenig wie Frauen »selbst schuld« daran sind, wenn sie sexuell belästigt werden, sind »alle Flüchtlinge« für die schockierenden Ereignisse in Köln und anderswo verantwortlich zu machen. Denn auch sie sind, unabhängig von politischen Gegebenheiten und vom gesellschaftlichen Status, zuerst einmal Menschen. Sie unter einen »Generalverdacht« zu stellen, ist keinesfalls statthaft. Auch dagegen muss sich die Gesellschaft wehren.

Die Autorin ist Rabbinerin des Minjan Mischkan ha Tfila in Bamberg.

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