Nach Gewalt in Köln

Vorsicht vor dem Generalverdacht

Rabbinerin Antje Yael Deusel Foto: Thomas Barniske

Wie sollen Frauen mit sexuellen Übergriffen umgehen? Jedenfalls nicht in der Weise, dass sie sich aus der Öffentlichkeit verdrängen lassen, dass sie sich in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken lassen, und schon gar nicht dadurch, dass sie freiwillig auf Rechte verzichten, die ihnen in unserer Gesellschaft zustehen.

Die Frage ist aber eigentlich eine andere, nämlich: Wie sollen alle – Frauen und Männer – mit sexuellen Übergriffen auf Frauen umgehen? Der entscheidende Punkt liegt darin, dass die Gleichheit einer Frau, wie es angelehnt an ein Zitat von Honoré de Balzac heißt, zwar ein Recht sein mag, sie aber keine Macht der Welt zu einer Realität machen kann.

Denn auch heute noch – mehr als 150 Jahre nach dieser Aussage – sehen sich Frauen, die sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden, vor Gericht oder anderen staatlichen Institutionen zum Teil peinlichen und gar erniedrigenden Fragen ausgesetzt, wie es dazu kommen konnte.

gleichberechtigung Außerdem gibt es in diesem Zusammenhang einen weiteren Aspekt, nämlich die Frage nach Recht und Gleichberechtigung. Hier geht es um elementare Menschenrechte, die sowohl für Frauen wie auch alle anderen Mitglieder dieser Gesellschaft gelten müssen.

Genauso wenig wie Frauen »selbst schuld« daran sind, wenn sie sexuell belästigt werden, sind »alle Flüchtlinge« für die schockierenden Ereignisse in Köln und anderswo verantwortlich zu machen. Denn auch sie sind, unabhängig von politischen Gegebenheiten und vom gesellschaftlichen Status, zuerst einmal Menschen. Sie unter einen »Generalverdacht« zu stellen, ist keinesfalls statthaft. Auch dagegen muss sich die Gesellschaft wehren.

Die Autorin ist Rabbinerin des Minjan Mischkan ha Tfila in Bamberg.

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026