Autobiografie

Vordenker einer jüdischen Psychologie

Der israelische Wissenschaftler Mordechai Rotenberg und sein halachischer Therapieansatz

von Yizhak Ahren  05.11.2012 17:51 Uhr

Autodidakt: Mordechai Rotenberg Foto: privat

Der israelische Wissenschaftler Mordechai Rotenberg und sein halachischer Therapieansatz

von Yizhak Ahren  05.11.2012 17:51 Uhr

Wer eine neue Form der Psychotherapie entwickeln und in der Praxis erproben möchte, der braucht nicht nur viel Wissen und Lebenserfahrung, sondern auch Mut und Ausdauer. Kein Wunder, dass nur wenige hervorragende Wissenschaftler ein solches Projekt in Angriff genommen haben. Zu diesen Forschern gehört der israelische Hochschullehrer Mordechai (Manfred) Rotenberg, der rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag seine Autobiografie fertiggestellt hat.

Sein originelles Therapiekonzept hat er bereits in einer Reihe von Büchern in englischer und hebräischer Sprache dargelegt. Seit einigen Jahren wird in Jerusalem eine Zusatzausbildung für Psychologen angeboten, die Rotenbergs Behandlungsmethode kennenlernen wollen. Auf der Umschlagseite der Autobiografie ist vermerkt, dass der Autor für sein Lebenswerk der angesehene Israel-Preis verliehen worden ist.

sozialarbeiter Ein Kenner seines Werkes hat Rotenberg als den »Vater der jüdischen Psychologie« bezeichnet. Der Jerusalemer Universitätsprofessor hat nämlich den kühnen Versuch unternommen, aus bekannten Quellen des Judentums (Midrasch, Kabbala und Chassidismus) ein psychologisches System zu konstruieren. Seine Grundlagenforschung stellt eine beachtliche Leistung dar, auf die sich bereits andere Forscher wie zum Beispiel Baruch Kahane gestützt haben. Aus der Autobiografie erfährt man, dass Rotenberg gar kein ausgebildeter akademischer Psychologe ist. Es waren Erfahrungen als Sozialarbeiter, die ihn zum Nachdenken über psychologische Fragen gebracht haben. Wir haben also das Werk eines tüchtigen Autodidakten vor uns.

In seiner Autobiografie erzählt Rotenberg viele Episoden aus seinem abwechslungsreichen Leben. Er wurde in Breslau geboren und kann sich heute noch an die Verfolgungszeit erinnern und sogar an die Tatsache, dass er Ende 1938 Hitler, Himmler und Göring im offenen Wagen vorbeifahren sah. Als Jugendlicher hat Rotenberg dann im israelischen Unabhängigkeitskrieg mitgekämpft. Zeitweise lebte Rotenberg in einem Kibbuz. Anschaulich schildert er die Schwäche dieser Gemeinschaftsform. Rotenberg spielte Theater und arbeitete für den israelischen Rundfunk, war Turnlehrer und Sozialarbeiter.

analytiker Nach einem Aufbaustudium in den USA wurde er in Jerusalem Professor für Sozialarbeit. In dem Buch erzählt er auch von Reisen nach Indien und nach Russland. Und von einer depressiven Phase nach dem Soldatentod seines Sohnes Boas. Ohne Zweifel ist Rotenberg ein guter Beobachter und ein scharfsinniger Analytiker. Dass sein Querdenken manchen Zeitgenossen nicht gefallen hat, vermerkt der Autor sogar mit einem gewissen Stolz.

Nur seine Lebensgeschichte zu erzählen, erschien Rotenberg wohl zu mager. Er hat sie daher verknüpft mit einer von ihm entwickelten Typologie von Lebensformen. Die allseits bekannte Erzählung der Bibel vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, die nach einer Wanderung durch die Wüste in das versprochene Land kamen, überträgt Rotenberg in die Bilder einer Entwicklungspsychologie. Der Mensch müsse die Enge, Unfreiheit und Starre, für die Ägypten steht, überwinden und in der Wüste des Lebens voranschreiten und kreativ werden, um schließlich das angestrebte Stadium der Freiheit und Sesshaftigkeit zu erreichen.

Um aber der Gefahr von Routine und Philisterhaftigkeit nicht zu erliegen, empfiehlt er, gelegentlich in die »Wüstenexistenz« zurückzukehren – zur Einleitung eines Fortschritts. Es ist sowohl lehrreich als auch unterhaltsam zu sehen, wie Rotenberg diese drei Lebensformen mit seinen persönlichen Erlebnissen und Entscheidungen immer wieder in einen Austausch bringt.

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