Autobiografie

Von Leipzig nach Jerusalem

Wenn Menschen zum Judentum konvertieren (hebräisch: Giur), dann stellen ihnen sowohl Angehörige und Freunde als auch ihre neuen Glaubensgenossen die Frage nach den Beweggründen für diesen folgenreichen Schritt.

In dem autobiografischen Roman Tochter Abrahams von Miriam Bracha Heimler ist es die ältere Schwester Hazel, die wissen will: »Sag mir, Natalie, warum musst du so anders sein? Wir haben dieselbe Mutter, wurden von denselben Eltern aufgezogen, in derselben Umgebung, zur gleichen Zeit. Warum kannst du nicht sein wie ich? Und wie du früher warst?« Natalie gibt Hazel (und den Lesern) eine überraschende Antwort, die hier jedoch nicht verraten werden soll.

DDR Die Autorin, 1949 in der DDR geboren, erzählt ihre turbulente Lebensgeschichte in einem schlichten Stil, der anschaulich und packend ist. Eine erste unerwartete Wendung tritt ein, als die Eltern Steiner sich trennen, die Mutter mit ihren zwei Mädchen in den Westteil Deutschlands reist und dort bleibt. Natalie war zu diesem Zeitpunkt gerade elf Jahre alt.

Sie schildert in zahlreichen Episoden, wie schwer ihr die Anpassung an die neuen Lebensverhältnisse gefallen ist. Doch trotz der schwierigen Umstände hat Natalie die angestrebten Abschlüsse erreicht. Von ihrem Studium erfahren die Leser allerdings fast gar nichts – nur, dass sie am Ende eine Stelle als Sozialarbeiterin innehatte. Auch über die langjährige Beziehung zu ihrem Freund Mark erzählt Natalie nicht viel; als von Heirat die Rede ist, verlässt sie ihn.

Liebesroman
Man kann Abrahams Tochter ohne Bedenken als einen Liebesroman bezeichnen. In Berlin begegnete Natalie Steiner 1977 bei einer Fortbildungsveranstaltung dem Professor Eugene (Janos) Heimler aus London. Heimlers wissenschaftliche Lehre und seine tiefe Menschlichkeit beeindruckten sie von Anfang an.

Aus der unsicheren Schülerin wurde bald eine von dem Hochschullehrer geschätzte Assistentin. Heimler war ein ungarischer Jude, der das Todeslager Auschwitz überlebt hatte und nach dem Krieg seine Erinnerungen an die Verfolgungszeit veröffentlichte; diese Memoiren wurden auch ins Deutsche übersetzt (Bei Nacht und Nebel).

Natalie Steiner half dem Meister, sein neues Buch Botschaften – Brief eines Holocaust-Überlebenden an junge Deutsche fertigzustellen. Die Autorin übersiedelte nach London und lernte dort Juden und Judentum näher kennen. In ihr reifte der Wunsch, Jüdin zu werden; offiziell konvertierte sie im Jahre 1983. Als ihr Vater in der DDR von diesem Religionswechsel erfuhr, reagierte er mit wenig Verständnis. Natalie kam zu dem Schluss, dass ihr Vater ein Nazi ist.

Depression Nach dem Tod seiner Frau Lily heiratete Heimler im Jahre 1985 seine aus Deutschland stammende Mitarbeiterin Natalie Steiner, die sich jetzt Miriam Bracha nannte. Die Altersdifferenz von 27 Jahren spielte nach Angaben der Autorin überhaupt keine Rolle. Ihre Ehe sei außerordentlich erfüllend gewesen. Leider währte das große Glück nur wenige Jahre. Im Dezember 1990 starb der über alles geliebte Mann, und die junge Witwe verfiel zunächst in eine tiefe Depression.

Im letzten Teil ihres Buches erzählt die Verfasserin, wie ihre Geschichte nach dem Schicksalsschlag weiterging. Sie fasste in England den Entschluss, in Israel zu leben, und hat diesen Plan nach einer kurzen Probezeit auch realisiert.

orthodoxer giur Miriam Bracha Heimler schreibt offen über ihre religiöse Weiterentwicklung. In London hatte sie sich in einer Reformgemeinde heimisch gefühlt. In Israel hingegen verspürte sie das Bedürfnis, alle Gebote der Tora sorgfältig zu halten, sich also dem gesetzestreuen Judentum anzuschließen. Deshalb machte sie im Sommer 1996 auch noch einen orthodoxen Giur.

Der lange Weg, der Natalie Steiner aus einem kleinen Ort in der Nähe von Leipzig nach Jerusalem und von einem lauen Christentum hin zur jüdischen Orthodoxie führte, ist gewiss sehr ungewöhnlich. Umso mehr Beachtung und Anerkennung verdient ihr ohne Stolz und Eitelkeit verfasster Lebensbericht. Mit Recht lobt Rebbezin Devorah Priampolsky in ihrem Geleitwort das aufschlussreiche autobiografische Werk.

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