Toldot

An Prüfungen wachsen

Warum erfahren unsere Vorväter und -mütter so viel Leid, wenn G’tt ihnen Segen und eine gute Zukunft schenken will? Foto: Getty Images

Im Wochenabschnitt Toldot heißt es: »Jizchak aber betete zu G’tt für seine Frau, denn sie war unfruchtbar. Und der Ewige ließ sich von ihm erbitten, und seine Frau Riwka wurde schwanger« (1. Buch Mose 25,21). Wie schon Jizchaks Mutter Sara hatte auch seine Frau Riwka Schwierigkeiten, Kinder zu bekommen. Wie im Fall von Awraham und Sara war g’ttliches Eingreifen notwendig, damit die nächste Generation des Volkes geboren werden konnte, das später zu Israel werden sollte.

Kinderlosigkeit, Hungersnöte und zahlreiche Prüfungen treffen die Urväter und Urmütter

Dies wirft eine wichtige Frage auf: Wenn G’tt Awrahams Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer machen will, warum erschwert Er dann diesen Plan? Kinderlosigkeit, Hungersnöte und zahlreiche Prüfungen treffen die Urväter und Urmütter des jüdischen Volkes.

Sara bleibt viele Jahre kinderlos und wird im Laufe ihres Lebens sogar entführt. Riwka ist unfruchtbar, Jizchak und Riwka erleben eine Hungersnot. Jizchak selbst wird – auf G’ttes Befehl – von seinem Vater fast geopfert. Ihr Sohn Jakow wiederum erlebt die Verfolgung durch seinen Bruder, den Betrug durch seinen Schwiegervater, den vermeintlichen Tod seines Sohnes Josef und die Gefangennahme seines Sohnes Schimon.

Warum erfahren unsere Vorväter und -mütter so viel Leid, wenn G’tt ihnen Segen und eine gute Zukunft schenken will? Wäre es nicht naheliegender, diejenigen, durch die der g’ttliche Segen in alle Völker der Erde kommen soll, mit einem leichten und friedvollen Leben auszustatten?

Die Antwort auf diese Frage gibt tiefen Einblick in das Wirken G’ttes auf Erden. Der Ramchal, Rabbi Mosche Chaim Luzzatto (1707–1746), erklärt in seinem Werk Derech Haschem (Der Weg G’ttes), dass der einzige Zweck der Schöpfung im g’ttlichen Wunsch besteht, dass die Geschöpfe die Wonne Seiner Gegenwart erfahren. Der Ort dieser höchsten Freude ist die kommende Welt – Olam Haba. Die Weisen des Talmuds lehren, dass alle Freuden dieser Welt im Vergleich zu einem einzigen Augenblick der Glückseligkeit in der Olam Haba bedeutungslos verblassen. Selbst die größten Reichtümer und Genüsse des Diesseits erscheinen im Licht des Jenseits wie ein schwacher Schatten – ja fast wie ein schlechter Scherz.

Der Mensch soll seine Glückseligkeit aus eigener Kraft erwerben

Doch der Mensch benötigt Zeit und Anstrengung, um sich diese zukünftige Welt der Freude durch eigenes Handeln im Diesseits zu verdienen. In Seiner unendlichen Weisheit erkannte der Schöpfer, dass Seine Schöpfung und Sein Geben erst dann vollkommen sind, wenn der Mensch diese Glückseligkeit aus eigener Kraft erwirbt. Wir freuen uns zwar über Geschenke, doch die tiefste Freude empfinden wir, wenn wir selbst etwas erschaffen oder erarbeitet haben. Gerade hierin liegt unser g’ttlicher Funke – die Fähigkeit, schöpferisch tätig zu sein und so an der Vollkommenheit des Schöpfers teilzuhaben. Mit anderen Worten: G’tt will, dass wir uns Seine Nähe erarbeiten, weil das Erarbeiten für uns größer und wertvoller ist, als die Nähe geschenkt zu bekommen.

Doch wie genau sieht dieses »Erarbeiten« aus? Rabbiner Jehuda Leib HaLevi Aschlag (1885–1953) beschreibt diesen Prozess mit dem Begriff »Haschwaat HaZura« (Wesensangleichung). In der physischen Welt misst man Entfernungen in Kilometern; in der geistigen Welt jedoch wird Nähe nicht räumlich, sondern durch Ähnlichkeit bestimmt. Da G’tt der vollkommene Geber ist – reine Liebe, reiner Altruismus, Geben ohne jedes Eigeninteresse –, besteht wahre Nähe zu Ihm in der Angleichung an Sein Wesen. Je selbstloser, liebevoller und gebender wir werden und je mehr wir unsere egoistischen Neigungen überwinden, die nur nehmen wollen, desto ähnlicher werden unsere Seelen G’tt. So nähern wir uns Ihm an und beginnen, die Ewigkeit wahrhaft zu genießen.

Der höchste Ausdruck des Gebens liegt im Nehmen, um zu geben

Der höchste Ausdruck des Gebens liegt – so lehrt Rabbiner Aschlag – im Nehmen, um zu geben. Wenn wir ein Geschenk annehmen, nicht aus Eigennutz, sondern um dem Schenkenden die Freude des Gebens zu ermöglichen, verwandelt sich das Empfangen selbst in einen Akt des Gebens. Denn wir stellen nicht unser eigenes Vergnügen, sondern die Freude des anderen in den Mittelpunkt. In dieser höchsten Form des Altruismus erkennt Rabbiner Aschlag den Sinn der Schöpfung: G’tt hat uns nicht einfach erschaffen, um uns Freude zu schenken, sondern um uns die Möglichkeit zu geben, diese Freude durch eigene Wesensangleichung zu erwerben. G’tt »nimmt« unser Geben an – nicht weil Er etwas von uns braucht, sondern weil unsere Freude dadurch tiefer, echter und ewig wird.

Das Ziel unseres Handelns darf also nicht bloß sein, »Gutes zu tun«, um im kommenden Leben größeres Glück zu erlangen. Vielmehr geht es darum, den ewigen Genuss zu erarbeiten und anzunehmen, weil G’tt uns dieses Geschenk aus Liebe machen möchte. So erreichen wir die letzte Sprosse der Leiter, den vollendeten Zustand der Wesensangleichung: eine Ewigkeit der Glückseligkeit zu erfahren – nicht um der Glückseligkeit willen, sondern aus Liebe zu G’tt.

Nachdem wir dies verstanden haben und erkennen, dass G’tt unseren Dienst – zu unserem eigenen Wohl, nicht zu Seinem – will, können wir begreifen, warum es keinen Dienst ohne Gegenwind gibt. Je stärker die Schwierigkeiten auf unserer Reise zu G’tt sind, desto größer wird unser Lohn, desto mehr erfüllen wir den Sinn der gesamten Schöpfung. Schon König David erkannte: »Zahlreich sind die Leiden des Gerechten, doch aus allen befreit ihn der Ewige« (Tehillim 34,20). Und sein Sohn, König Schlomo, fügte hinzu: »Denn siebenmal fällt der Gerechte und steht wieder auf, aber die Bösen stürzen nieder im Unglück« (Mischlei 24,16).

Der Talmud lehrt, dass manche Prüfungen und Schwierigkeiten, die uns begegnen, nicht Strafe sind, sondern Ausdruck der Liebe G’ttes. Wenn G’tt einen Menschen liebt, lässt Er ihn Herausforderungen erleben, um sein Herz zu reinigen und ihn Seinem Wesen anzunähern.

G’tt stellte die Vorväter und Vormütter des jüdischen Volkes vor unzählige Prüfungen, weil Er wusste, dass sie an diesen nicht zerbrechen, sondern wachsen würden. Jede zeitlich begrenzte Schwierigkeit erschafft Potenzial für einen ewigen Lohn – im Diesseits wie im Jenseits.

Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

inhalt
Der Wochenabschnitt Toldot erzählt von der Geburt der Zwillinge Esaw und Jakow. Für ein »rotes Gericht« erkauft Jakow von seinem Bruder das Erstgeburtsrecht. Wegen einer Hungersnot muss Jizchak das Land verlassen. Er geht zu Awimelech, dem König von Gerar. Dort gibt er seine Frau Riwka als Schwester aus, weil er um sein Leben fürchtet. Als Jizchak im Sterben liegt, will er Esaw segnen, doch er wird von Riwka und Jakow getäuscht und segnet so Jakow.
1. Buch Mose 25,19 – 28,9

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