Neulich beim Kiddusch

Viren auf der Bima

Als kürzlich der Baal Korej, also derjenige, der sich um die Toralesung kümmert, recht beiläufig erwähnte, er fühle sich nicht wohl, habe ich mir nichts Besonderes dabei gedacht. Eine Woche später wusste ich, dass es auch einmal ganz gut ist, keinen Aufruf zur Tora zu bekommen.

In der Woche darauf war zwar der Baal Korej wieder da, aber keiner von den Männern, die irgendetwas mit der Toralesung zu tun hatten. Alle sieben Männer mit einem Aufruf in der Vorwoche fehlten. Der Leser der Haftara fehlte, der Helfer an der Seite fehlte und die zwei Männer, die die Tora erheben und ankleiden. Elf Männer fehlten also.

Durchfall Der Baal Korej berichtete dann, ihm sei es auch nicht so gut gegangen. Am Schabbesnachmittag hätte er den bösesten Durchfall bekommen, den man sich denken kann. Später dann noch die größte Übelkeit, die man sich überhaupt vorstellen kann – »Magen-Darm«. Jetzt wusste ich, womit die Aufgerufenen die Woche über beschäftigt waren und dementsprechend nicht in der Synagoge. Die ganze Händeschüttelei auf der Bima – vereinzelt war es auch zu Umarmungen gekommen – hatte den kleinen Viren einen perfekten Tummelplatz geboten.

»Weißt du, was das Schlimmste daran ist?«, fragte mich der Baal Korej. Das Schlimmste ist, wenn du Schomer Schabbat bist und Durchfall hast. Meinst du, wir hätten die gesamte Rolle Klopapier schon vor Schabbes in kleine Streifen gerissen? Die 40 Blatt waren sehr schnell aufgebraucht. Details erspare ich dir.» Das brauchte er eigentlich gar nicht. Die Bilder waren schon im meinem Kopf. Ich konnte nur hoffen, die elf Männer waren nicht so sehr observant, wenn man so etwas überhaupt hoffen darf.

Fakten Und das erzählt der Baal Korej ausgerechnet mir! Ich bin ohnehin schon nicht vorsichtig, sondern paranoid was Keime angeht – sagen jedenfalls andere über mich. Aber die Fakten geben mir recht: Viren haben verdammt viele Menschen auf dem Gewissen. Obwohl: Sie haben ja gar kein Gewissen. Noch schlimmer also. Gewissenlose Killer. Und wir öffnen ihnen unsere Synagogen! Wir lassen sie hinein!

Ich wäge noch ab zwischen dem Risiko, das durch die Halbstarken besteht, die sich ein Handtuch um den Kopf wickeln, nachdem sie die komische Biene Maja aus dem Hamas-Kinderprogramm zum Pogrom aufgerufen hat, und dem Risiko, das dadurch besteht, dass derjenige, der die Challestückchen mit seinen Händen auf den Tellern verteilt, vielleicht nur unzureichend desinfiziert ist. Beide sind schlecht für die Juden.

Wachsamkeit Aber Viren lassen sich vermeiden, indem man irgendwie aufpasst und sein Verhalten ändert. Antisemiten sind durch nichts zu beeindrucken, da können wir noch so vorsichtig sein. Also müssen wir wenigstens bei uns aufpassen. Jetzt im Herbst ist wieder die richtige Zeit für Wachsamkeit. Ich gehe mit gutem Beispiel voran und wasche meine Hände gründlich, nachdem ich nach dem Ende des Morgengebets allen anderen die Hände geschüttelt habe.

Am besten nutzt man die Zeit zwischen der Bracha über den Wein und über das Brot. Da muss man sowieso die Hände waschen. Das ist ja eigentlich nur ein Übergießen, aber man sollte die Zeit nutzen, um richtig zu waschen. Einziges Problem dabei ist, dass man dann nichts mehr von der Challe abbekommt. Obwohl – die könnte ohnehin verseucht sein. Wäscht der Vorbeter sich vernünftig die Hände? Hat die Küchenfrau nicht Kinder im Schulalter? Die sind doch besonders häufig krank. Wer weiß, wem sie am Morgen schon alles die Hand gegeben hat. Wer weiß, ob sie sich die Hände ordentlich wäscht. Vielleicht besser ganz wegbleiben vom Kiddusch? In der nächsten Woche wird es aber Tscholent mit Fleischeinlage geben.

Ach was – no risk, no fun. Lieber einen ordentlichen Kiddusch im Bauch und hinterher ein wenig Unwohlsein, als Teenager, die auf dem Nachhauseweg antisemitisch pöbeln.

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