Noach

Verwandte Seelen

»Und die wilden Tiere werden Frieden mit dir halten« (Hiob 5,23): Manches Haustier ist dem Menschen treu ergeben. Foto: Getty Images / istock

Noach ist der erste Mensch, der für das Fortbestehen der Tiere sorgt. Man könnte in ihm den Begründer des Tierschutzes sehen. Seinem bewahrenden Handeln im Zusammenhang mit der angekündigten Sintflut liegt ein Befehl Gottes zugrunde. Dass es seinem eigenen unmittelbaren Vorteil dienen könnte, ist nicht zu erkennen. Vielmehr stellt man sich die Frage: Was ging es Noach an, ob es in Zukunft auf der Erde noch Nashörner, Mäuse, Spatzen oder Kühe geben würde?

Er hatte genug mit dem Bau der Arche und der Sorge um das Überleben seiner Familie zu tun. Und nun sollte er sich angesichts der drohenden Wasserflut und Zerstörung auch noch um den Fortbestand der Tiere kümmern?

Aber sehen wir auf den Allmächtigen: Er sendet mit seiner Weisung an Noach, die Arche für Mensch und Tier zu bauen, ein Zeichen seiner Treue – mitten in seiner Ankündigung, die Schöpfung wieder rückgängig zu machen. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Zeichen der Treue gegenüber dem Menschen, Gottes Ebenbild, sondern auch gegenüber allen Tieren. Jedes von ihnen trägt zum farbenfrohen Bild der Schöpfung bei. Jedes soll mit seiner unverwechselbaren Stimme im Chor der Geschöpfe Gottes vertreten bleiben.

Rabe Der Talmud thematisiert im Traktat Sanhedrin das Ende der Sintflut und nimmt dabei den Raben in den Blick, den Noach aussendet, um zu prüfen, wie weit die Wasserfluten zurückgegangen waren. Der Rabe flog weg und kehrte zurück, wird aber später von Noach durch eine Taube ersetzt. Raschi (1040–1105) fragt, warum der Rabe keine zweite Chance bekommt?

Dazu lesen wir im Talmud: »Sagt Risch zu Kisch: Wie der Rabe Noach pariert, ist glänzend. Sagt Kisch zu Risch: Dein Rabbiner hasst mich, denn er hat befohlen, ›von allen reinen Tieren nimm je sieben, das Männchen und sein Weibchen, von den unreinen Tieren aber je ein Paar, das Männchen und sein Weibchen‹ (1. Buch Mose 7,2). Und du hasst mich auch, denn du bist ihm darin gefolgt. Und wenn der Minister, der die Hitze oder die Kälte verwaltet, mich verletzt, dann wird man ein Geschöpf vermissen.«

Wir entnehmen diesen »tierischen« Ausführungen die Lehre: Keine Art von Geschöpf sollte dem Aussterben preisgegeben werden – nicht einmal der Rabe, dem man nachsagt, er würde seine Jungen aus dem Nest vertreiben, sobald sie allein leben können. Sprichwörtlich bezeichnet man eine lieblose Mutter deshalb auch als Rabenmutter.

botschaft Hinter dem Auftrag an No­ach, alle Tierarten zu retten, entdecken wir bei genauerer Betrachtung eine tiefe Botschaft. In der Tora fällt Licht auf eine seelische Verbindung, die zwischen Mensch und Tier geknüpft ist – und vielleicht sogar zwischen dem Menschen, der Welt der Pflanzen und der unbelebten Materie. Einen Hinweis auf diese in uns angelegte Verbindung erhalten wir, wenn wir der Frage nachgehen: Wie hat Noach die Tiere in die Arche geholt? War er etwa ein Jäger und hat sie in dieser Funktion in die Arche getrieben?

Die Tora erzählt, die Tiere kamen Paar für Paar zur Arche. Raschi ergänzt – im Hebräischen – nur ein Wort: Sie kamen von »selbst«. Der Midrasch Rabba gibt No­achs mögliche kritische, pikante Nachfrage an Gott wieder, wenn er ihn sagen lässt: »Bin ich denn ein Jäger?« Gott antwortet ihm: »Was geht dich das an? Man bringt sie zu dir, es steht nicht geschrieben, sie kommen zu dir.«

Zu dieser Auslegung äußert sich Rabbiner Avraham Yitzchak Kook (1865–1935) und sagt: Es macht die Größe der menschlichen Seele aus, dass sie die Seelen sämtlicher Geschöpfe in sich birgt. Die Seelen aller seiner Mitgeschöpfe verhalten sich zur Seele des Menschen wie der Funke zur Flamme. So versuchen sich die Seelen der Tiere mit Sehnsucht und Enthusiasmus der Seele des Menschen zu nähern, in sein Licht einzutauchen, sich mit ihm zu vereinigen. Von diesem Miteinander‐Verbundensein lesen wir in Hiob 5,23: »Denn dein Bund wird sein mit den Steinen auf dem Feld, und die wilden Tiere werden Frieden mit dir halten.«

Das bedeutet: Alle Geschöpfe der Welt sind in der Seele Noachs bereits angelegt. Die Tiere kamen zu Noach in die Arche, weil es sie zu ihm zog, weil sie Seelen von seiner Seele sind. Sie sind naturgemäß von ihrer Schöpfung her miteinander verbunden, wie die Zweige eines Baumes mit seiner Wurzel verbunden sind (Orot Hakodesch, 2. Teil).

geheimnis Vertiefen wir uns entsprechend in die Aussagen unseres Abschnitts, dann erkennen wir dieses Geheimnis, das sich uns in seinen Worten und zwischen den Zeilen auftut: Es ist von Anfang an ein Bund geknüpft zwischen den Seelen der Menschen und allem Lebendigen auf Erden. Der Mensch ist nach Gottes Ebenbild erschaffen. Er ist nach dem Willen des Schöpfers zum Dirigenten des Lebens auf der Erde eingesetzt. Und so richtet sich das Angesicht seiner Mitgeschöpfe zu ihm hin, wie wir es von den Sängern eines Chores kennen.

Das heißt aber auch: Der Mensch trägt die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung, für den Fortbestand aller Arten, damit der vielstimmige Klang und Widerhall aller von Gott ins Leben gerufenen Geschöpfe nicht verstummt.

Die Naturschutzorganisationen, die sich für die Bewahrung der Schöpfung engagieren, wissen meist nichts von diesen geheimnisvollen Zusammenhängen. Wir erkennen aber in ihrem Engagement ein unbewusstes, spontanes Reagieren und Einstimmen in diesen Bund, den der Schöpfer zwischen dem Menschen und den anderen Geschöpfen angelegt hat.

geschöpfe Jeder, der sich auf diesem Gebiet engagiert, hilft mit, dass die verschiedenen Stimmen im Chor der Geschöpfe Gottes geschützt und erhalten bleiben. Mögen die entsprechenden Mizwot häufig unbekannt sein, so werden sie doch ihrem Anspruch nach durch viele Umweltinitiativen in die Tat umgesetzt.

Sie arbeiten im Sinne der zukunftsweisenden Vision des Propheten Hoschea: »An jenem Tag will ich einen Bund für sie schließen mit den Tieren auf dem Feld, mit den Vögeln unter dem Himmel und mit dem Gewürm des Erdbodens und will Bogen, Schwert und Rüstung im Land zerbrechen und will sie sicher wohnen lassen« (2,20).

Der Prophet Jeheskel eröffnet uns einen weiteren interessanten Ausblick: das wiederhergestellte Land Israel als Prototyp des Gan Eden, von dem die Bemühungen um die Bewahrung der Schöpfung schon jetzt ihre Motivation beziehen könnten. »Und man wird sagen: Dies Land war verheert, und jetzt ist’s wie der Garten Eden, und diese Städte waren zerstört, öde und niedergerissen, und stehen nun fest gebaut und sind bewohnt« (36,35).

Der Autor ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

inhalt
Der Wochenabschnitt Noach erzählt von dem Beschluss des Ewigen, die Erde zu überfluten. Das Wasser soll alles Leben vernichten und nur Noach verschonen. Der soll eine Arche bauen, auf die er sich mit seiner Familie und einem Paar von jeder Tierart zurückziehen kann. So erwacht nach der Flut neues Leben. Der Ewige setzt einen Regenbogen in die Wolken als Symbol seines ersten Bundes mit den Menschen. Doch die beginnen, die Stadt Babel zu erbauen, und errichten einen Turm, der in den Himmel reicht.
1. Buch Mose 6,9 – 11,32

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