Würdigung

Vater der sefardischen Renaissance

Jahrzehntelang hat er für die Eigenständigkeit der sefardischen Tradition gekämpft – mit beträchtlichem Erfolg. Zehn Jahre stand er als Oberrabbiner an der Spitze der sefardischen Juden Israels, von 1973 bis 1983. Am 7. Oktober ist Rabbiner Ovadia Yosef im Alter von 93 Jahren in Jerusalem gestorben. Mehr als eine halbe Million Israelis erwiesen ihm bei seiner Beerdigung die letzte Ehre. Zu einer Erinnerungszeremonie zum Abschluss der siebentägigen Trauer am vergangenen Sonntag kamen Zehntausende; viele Straßen wurden wegen des Andrangs gesperrt. Die riesige Anteilnahme zeigt: Die Lücke, die Ovadia Yosef hinterlässt, wird kaum zu schließen sein.

Nicht nur unter religiösen Juden orientalischer Herkunft galt Ovadia Yosef als der größte Gelehrte seiner Generation. Mit der Gründung der Schas‐Partei (»Sefaradim Schomre Tora« – toratreue sefardische Juden) verlieh er vielen Juden, die aus den arabischen Ländern nach Israel gekommen waren und sich in den ersten Jahrzehnten des neuen Staates oft am Rand der Gesellschaft wiederfanden, eine einflussreiche politische Stimme.

Bis zum Schluss blieb er der geistige Mentor seiner Partei. Rav Ovadia Yosef besaß die Autorität eines großen Rabbiners, dessen halachische Autorität auch von seinen Gegnern nicht in Zweifel gezogen wurde. Sein Tod bedeutet das Ende einer Ära. Es gibt keinen ihm ebenbürtigen Nachfolger – auch wenn Ovadia Yosefs sechster Sohn Jitzchak Josef im Sommer 2013 zum neuen sefardischen Oberrabbiner gewählt wurde.

bagdad Geboren wurde Ovadia, wie er von allen genannt wurde, 1920 in Bagdad unter dem Namen Abdoullah Youssef. Schon als Kind kam er mit seinen Eltern nach Israel. Seine hohe Begabung fiel früh auf. Seine erste Tora‐Auslegung schrieb Ovadia Yosef mit neun Jahren. Es wird erzählt, dass sein Jeschiwa‐Lehrer, Rabbiner Ezra Attia, dem Vater des Barmizwa‐Knaben vorschlug, er werde statt des Sohnes im Laden der Familie aushelfen. Schon im Alter von 17 Jahren wurde Rav Ovadia aufgefordert, einen täglichen Halacha‐Vortrag (Schiur) zu halten.

Und schon bei dieser Gelegenheit hat der junge Mann es gewagt, Kritik an halachischen Entscheidungen bekannter Autoren wie dem populären Werk »Ben Isch Chai« von Rabbiner Yosef Hayyim zu üben. Ovadia kritisierte alle Abweichungen von den Positionen des sefardischen Rabbiners Josef Karo, dem Verfasser des Kodex »Schulchan Aruch«. Laut Rav Ovadia sollten sefardische Juden weder erschwerende halachische Entscheidungen aschkenasischer Dezisoren (Poskim) übernehmen noch sich in ihrer religiösen Praxis von mystischen Lehren beeinflussen lassen.

Von 1947 bis 1950 wirkte Rav Ovadia in Kairo als Rabbiner, dann arbeitete er als Richter (Dayan) in Petach Tikwa, in Tel Aviv und in Jerusalem. Im Laufe der Jahre hat er unzählige halachische Fragen beantwortet und seine wichtigsten Responsa in 16 Bänden vorgelegt. Sein Hauptwerk hat Rav Ovadia (nach Psalm 19,3) »Jabia Omer« genannt, eine Sammlung von populären halachischen Erörterungen nannte er »Jechawe Daat« (ebenfalls nach Psalm 19,3); daneben hat er noch eine Reihe weiterer Bücher über religionsgesetzliche Themen veröffentlicht. Sein enormes Wissen – er zitiert Autoren aus allen Zeiten und Schulen – nimmt jeden Leser sofort gefangen. Sehr beeindruckend ist, wie konsequent und beharrlich Rav Ovadia seine Ziele verfolgt hat.

einheit Einerseits hebt er sich von der aschkenasischen Tradition ab (in erster Linie entscheidet er religiöse Fragen für sefardische Juden), andererseits sucht er die unterschiedlichen Bräuche der tunesischen, marokkanischen, syrischen und irakischen Juden zu vereinheitlichen. Dass die Schaffung eines einheitlichen sefardischen Brauchtums auf Widerstände diverser Landsmannschaften gestoßen ist, dürfte keinen verwundern. Aber Rav Ovadia hat sich von der geäußerten Kritik nie sonderlich beeindrucken lassen. Selbstbewusst und unbeirrbar ging er seinen religiösen Weg. Das von ihm herausgegebene Gebetsbuch »Chason Ovadia« mit seinen halachischen Anmerkungen ist heute in fast allen sefardischen Synagogen zu finden.

Wer über Rav Ovadia schreibt, sollte zumindest den Inhalt mehrerer Responsa erwähnen. Von großer Wichtigkeit war sein Verdikt, dass die »Beta Israel« in Äthiopien als Juden anzuerkennen sind; diese Entscheidung hat mehr als 100.000 Menschen die Einwanderung nach Israel ermöglicht. In der Frage der Rückgabe von eroberten Gebieten hat Rav Ovadia klar Stellung bezogen: In seinen Augen hat die Rettung von Menschenleben Priorität vor dem Festhalten am Land. Für seine Unterstützung von Rückzügen der israelischen Armee aus Teilen des Westjordanlandes in den 90er‐Jahren, als Yitzhak Rabin Ministerpräsident war, zog sich Ovadia Yosef scharfe Kritik aus Siedlerkreisen zu.

Außerdem erlaubte Ovadia den Witwen der im Jom‐Kippur‐Krieg von 1973 getöteten oder vermissten Soldaten die erneute Heirat, auch wenn die sterblichen Überreste ihrer Männer nicht gefunden und begraben worden waren. Über die Entscheidungen von Rav Ovadia hat Rabbiner Benjamin Lau eine materialreiche und solide Doktorarbeit geschrieben, die sehr lesenswert ist

Nächstenliebe Bekannt ist, dass Rav Ovadia vielen Männern und Frauen persönlich geholfen hat. Wie weit seine Nächstenliebe geht, illustriert folgende Anekdote: einmal sagten ihm seine Ärzte, er müsse sofort operiert werden. Er aber bestand auf einer Verschiebung der Operation um drei Stunden; einem Vertrauten verriet er, dass er sich nicht sicher sei, ob er die OP überleben werde, und daher wolle er in drei Stunden ein Responsum zu Ende schreiben, das einer Frau die Wiederverheiratung ermöglichen werde. Zahlreiche Menschen haben bezeugt, dass der große Gelehrte sie in Krisenzeiten aufgerichtet und bestärkt habe.

Nach seiner Zeit als Oberrabbiner profilierte sich Rav Ovadia als Politiker; er gründete die Schas‐Partei, die sich 1983 von der aschkenasisch dominierten ultraorthodoxen »Agudat Israel« abgespalten hatte. Lange Jahre war Schas in fast jeder Regierung vertreten, außer dem 2003 von Ariel Scharon begründeten Kabinett und dem dritten Kabinett Benjamin Netanjahus.

Wegen provokanter Äußerungen gegen linksgerichtete israelische Politiker und arabische Führer war Ovadia Yosef nicht unumstritten. Die nationalreligiöse Partei Beit Hajehudi nannte er ein »Haus der Gojim«. Kritisiert wurden auch Äußerungen, Nichtjuden seien nur erschaffen worden, um Juden zu dienen. Offen bleibt, in welche politische Richtung sich die sefardisch‐orthodoxe Gemeinschaft entwickeln wird. Bei den Knesset‐ Wahlen im März traten die Rabbiner Amnon Yitzhak und Chaim Amsallem gegen Schas an, was Yosef scharf kritisierte.

politik Es ist überliefert, dass Ovadias Ehefrau Margalit ihm vom Gang in die Politik abriet: »Bis jetzt hat man dich geliebt und bewundert. Aber im politischen Alltag wird man dich mit Dreck bewerfen und dir sowie der ganzen Familie viel Kummer bereiten!« Der Meister soll geantwortet haben: »Margalit, wenn ich einst vor Gott stehen werde, wird Er von mir wissen wollen, was ich für das jüdische Volk getan habe. Was soll ich Ihm dann sagen? Dass ich lieber sauber geblieben bin?«

Sein Verantwortungsgefühl für die Weiterexistenz des jüdischen Volkes mag einige Ausrutscher bewirkt haben, die man dem großen Gelehrten des Öfteren angekreidet hat; in Reden bediente er sich mitunter einer blumigen, nicht sehr feinen Sprache (um es dezent auszudrücken), um seinen Standpunkt unmissverständlich klarzumachen. Doch ohne Zweifel hat Rav Ovadia mehr als jeder andere für die Wiedererstarkung des sefardischen Judentums in unserer Zeit geleistet.

Der Autor ist Professor für Psychologie an der Universität zu Köln. Mitarbeit: Ayala Goldmann

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