Glossar

Upscheren

Markiert den Beginn des Toralernens und Betens: Upscheren Foto: Flash 90

Haare sind ein außergewöhnlicher Teil unseres Körpers. Sie wachsen auch dann noch unermüdlich weiter, wenn wir längst erwachsen sind. Sie zu schneiden, zu modellieren oder zu färben, tut nicht weh, und wir haben die Möglichkeit, sie weitgehend nach unseren Wünschen zu verändern.

Dies macht die Haare zu Spiegeln unserer Identität. Die Haartracht erlaubt Rückschlüsse auf unsere Persönlichkeit, aber sie erzählt auch von unseren religiösen und kulturellen Traditionen.

Schläfenlocken (Pejes) zieren in zahlreichen Variationen die Köpfe traditioneller Juden weltweit. Das Spektrum reicht von unauffällig gestutzten Koteletten über akkurat gedrehte Spiralen bis zu wilden, schulterlangen Zotteln. Alle Spielarten der Pejes stellen die Erfüllung eines Toragebotes dar. Im 3. Buch Mose 19,27 heißt es: »Ihr sollt nicht abnehmen die Seitenecken eures Haupthaares«. Dieses etwas unverständlich erscheinende Gebot wird im Talmud (Traktat Makkot) näher beleuchtet, und der Bereich der Seitenecken wird definiert als die von Haaren bedeckte Fläche vor den Ohren bis unter die Wangenknochen bis zur Höhe der Nase reichend.

Die Tora nennt keinen Grund für diese Mizwa. Der Rambam (1135–1204) glaubte, die Pejes dienen zur sichtbaren Unterscheidung von den Götzendienern. Im Sohar, einem Schlüsselwerk der Kabbala, wird vor langem Haupthaar gewarnt, da Negativität an ihm haften bleiben könne; die Pejes dagegen kanalisierten die Energie des Geistes.

Wie die Schläfenlocken genau gestaltet werden sollen, war Gegenstand reger rabbinischer Diskussionen. So wurde zum Beispiel davor gewarnt, prächtig gelockte Schläfenlocken zu tragen, um am Schabbat nicht Gefahr zu laufen, das Verbot des Bauens zu begehen. Genau dies würde geschehen, brächte man das Haar mittels Eindrehens in eine neue feste Form.

Wie kommt nun ein jüdischer Mann zu seinen Schläfenlocken? Das Gebot der Pejes gehört zu den ersten Mizwot, die ein kleiner Junge zu halten hat. Wie ein Baum, dessen Früchte drei Jahre lang unberührt bleiben, wächst auch das Haar des Jungen so lange uneingeschränkt. An seinem dritten Geburtstag wird ihm in einer feierlichen Zeremonie sein Haar bis auf die Schläfenlocken geschoren. Er tut einen großen Schritt aus seiner Kinderwelt hinaus. Dieser Brauch wird von Aschkenasim »Upscheren« und von sefardischen Juden »Chalaka« genannt.

Das Upscheren ist unter religiösen Juden heute üblich, besitzt aber keine direkte halachische Grundlage. Populär wurde diese Praxis seit dem 17. Jahrhundert, nachdem diese vormals palästinische Tradition von dem großen Kabbalisten Jizchak Luria (1534–1572) unter den Juden der Diaspora bekannt gemacht worden war.

Zu Beginn der Zeremonie wird das Haar an der Stelle geschnitten, wo zehn Jahre später die Stirn-Tefillin gelegt werden. Der Junge wird ab diesem Tag beginnen, die Tora zu lernen und ihre Gebote zu halten. Um ihm den Einstieg in sein neues Leben zu versüßen, werden ihm mit Honig bestrichene hebräische Buchstaben aus Holz oder einem anderen Material gezeigt und vorgesprochen. Wiederholt er sie richtig, darf er den Honig abschlecken.

Die Traditionen des Upscherens sind vielfältig, doch das Geben von Zedaka (Spenden) und das gesellige Beisammensein bilden meist den Rahmen. In manchen Kreisen wird das Haar gesammelt und gewogen. Das Gewicht des Haares wird anschließend in Form von Gold oder Silber von der Familie gespendet. Manche Jungen werfen für jede abgeschnittene Locke eine Münze in eine Zedaka-Büchse.

In orthodoxen Gemeinden markiert das Upscheren den Beginn des Lernens der Tora und Betens. Die neue Haartracht, die Kippa und die Schaufäden seines Tallits sind die physischen Zeichen des ersten bedeutenden Einschnitts im Leben des kleinen Jungen. Er verlässt die mütterliche, weibliche Sphäre und wechselt in die Welt der Männer.

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