Pekudej

Unter Aufsicht

Um Veruntreuung zu erschweren, darf niemals ein Einzelner das Geld für die Gemeinschaft sammeln und verwalten. Foto: Getty Images/Westend61

Pekudej

Unter Aufsicht

Die Tora lehrt, dass über gemeinnützige Spenden stets mehrere Menschen wachen müssen

von Rabbiner Joel Berger  03.03.2022 08:14 Uhr

An diesem Schabbat schließen wir in den Synagogen die Lesung des Sefer Schemot, des 2. Buches Mose, ab. Die letzten Kapitel schildern den Bau des Mischkans, des ersten Heiligtums unserer Ahnen in der Wüste.

Es wurde durch Spenden errichtet. Unser Wochenabschnitt berichtet von der genauen Abrechnung, die Mosche dem Volk über die zum Bau verwendeten Güter vorlegte. Die Kommentatoren fragen sich, welcher »Untersuchungsausschuss« denn von Mosche dieses Zahlenkonvolut hätte verlangen können. Doch Mosche wusste, dass er gegen die zunächst leisen Verdächtigungen etwas unternehmen musste.

schlussabrechnung Dieser Bericht über die Schlussabrechnung hat Generationen von Tora-Lernenden nachdenklich gemacht. Sie haben daraus ihre Schlüsse gezogen: vor allem, dass niemals jemand allein und ohne Aufsicht Geld für Gemeinschaftsangelegenheiten sammeln und verwalten soll – mag er noch so hochrangig und über jeden Verdacht erhaben sein. Es sollten wenigstens zwei Personen sein, damit es nicht später zu Verdächtigungen kommt.

Dies lernten die Weisen aus dem Vers: »Das ist die Berechnung (…), auf Mosches Befehl vorgenommen, unter der Leitung Itamars« (2. Buch Mose 38,21). So handhabte man es auch später in der Diaspora, in unseren jüdischen Gemeinden: Das Gemeindevermögen wurde in gläsernen, also durchsichtigen Kassen aufbewahrt.

Die Zaddikim, die Rabbiner des Chassidismus in Osteuropa, sinnierten darüber, was sich Mosche da mit der Abrechnung auferlegt hatte. Der Radomsker Rebbe, der im 19. Jahrhundert in Polen lebte, stellte seinen Anhängern die Frage: Aus welchem Grund sollte man von Mosche dieses Zahlenwerk verlangen? Das Volk hatte doch miterlebt, dass ihm irdische Güter und materielle Werte nicht wichtig waren.

Alle hatten doch gesehen, dass Mosche selbst vor dem Auszug aus Ägypten erst noch den Sarg des Patriarchen Josef finden wollte. Denn die Kinder Israels hatten geschworen, dass sie, falls sie eines Tages aus Ägypten wegziehen, Josef gemäß seinem Wunsch ins Heilige Land mitnehmen würden. Daher bemühte sich Mosche, in Vertretung des Volkes, nicht wortbrüchig zu werden. Und während er nach der Grabstätte am Nil suchte, sammelte das Volk bei den ägyptischen Nachbarn Gold und Silber ein, als eine Art Entschädigungszahlung für 400 Jahre Sklavenarbeit. Wie konnte man es dann wagen, Mosche zu verdächtigen?

MOTIV Der Radomsker Rebbe sieht den Grund für die Unruhe unter den Israeliten auf einer anderen Ebene: Alle hätten gewusst, meint er, dass für das Wüstenheiligtum nur solche Spenden angenommen werden, die aus reinem Herzen und lauteren Motiven kamen. Aus Sorge darum, ihre Motivation oder ihre Person würde für zu gering befunden, befürchteten einige, man werde ihre Spenden nicht annehmen. Daher kamen sie unentwegt und forschten nach, wessen Spenden in welcher Höhe angenommen und welche abgewiesen wurden.

Sie gaben sich erst dann zufrieden, als man ihnen die genaue Abrechnung präsentierte, die jeden überzeugen konnte, dass ausnahmslos alle Spenden zum Bau des Heiligtums verwendet wurden. Dieser Gedankengang des führenden Vertreters des Chassidismus liefert uns ein Zeugnis über eine wünschenswerte und nachahmenswerte ethische Haltung gegenüber Spenden und Spendern.

Unsere Weisen wurden nicht müde zu betonen, dass auch das Bauen des Mischkans, des Heiligtums, in keiner Weise die Schabbatruhe der Arbeiter einschränken durfte.

schaltjahr Der Schabbat, an dem wir den Wochenabschnitt Pekudej lesen, fällt in diesem Jahr, einem Schaltjahr, in den Monat Adar II, in dem wir auch Purim feiern. Mit Beginn des Monats Adar mehre man die Freude, die Fröhlichkeit, heißt es. Dies gibt mir Anlass, eine Geschichte zu erzählen, die heute wieder eine gewisse Aktualität gewonnen hat.

Einst kam ein Dorfjude, ein Pächter aus einer armen Gegend, zum berühmten Belzer Rebben. Der Rebbe fragte ihn, ob er die Schabbatruhe einhalte und ein koscheres Haus führe. Der Pächter gab zu, dass er sich zwar bemühe, aber auf dem Feld gebe es so viel zu tun, dass er den Schabbat schwerlich halten könne.

Der Rebbe redete ihm eindringlich zu, die Schabbatruhe zu wahren. Der Dorfjude versprach auch artig, dies zu tun, doch mit Ausnahme der Erntezeit, da er dann keine Rücksicht auf den Schabbat nehmen könne.

»Mein teurer Sohn, ich erzähle dir nun eine wahre Begebenheit«, sagte der Rebbe, »die dir nicht fremd sein wird: Einst arbeitete ein jüdischer Pächter bei einem polnischen Adligen, der eines Tages ein Festmahl veranstaltete. Nachdem sich die Gäste dem reichlichen Essen und Trinken zugewandt hatten, redeten sie über den jüdischen Pächter. Der polnische Gebieter lobte ihn und erzählte, dass sein Moschko – so hieß der Pächter – stets bereit sei, alles für ihn zu tun. ›Würde er auf dein Verlangen auch seinen Glauben verlassen und sich unserer Kirche zuwenden?‹, fragte der Pfarrer. ›Auch dies würde er für mich tun‹, antwortete der Adlige. Also ließ er den Mann rufen und fragte ihn: ›Bist du zu allem bereit, was ich von dir erbitte?‹ – ›Ja, natürlich‹, antwortete Mosch­ko vor der angeheiterten Gesellschaft erschrocken. ›Wenn das so ist‹, setzte der Herr nach, ›dann verlasse den Glauben deiner Ahnen und trete unserer Mutterkirche bei.‹«

Entsetzen »Moschko war erschüttert; dies hatte ihn schwer getroffen. Er zitterte, die Furcht hatte ihn übermannt. Doch dann nickte er, als Zeichen seiner Einwilligung.

Der Adlige zeigte sich stolz und zufrieden vor der Gesellschaft darüber, dass er einen so treuen Diener habe. Nach einer Weile jedoch, als er Moschko oft betrübt und niedergeschlagen antraf, sagte er zu ihm: ›Ich sehe, dein Gewissen plagt dich, weil du eine Schwäche gegenüber deinem G’tt gezeigt hast. Ich will dich nicht länger zwingen und quälen. Ich erlaube dir, wieder Jude zu sein, so wie früher.‹ Als Moschko dies hörte, lief er erleichtert nach Hause. Er wollte die frohe Botschaft so rasch wie möglich seiner Frau kundtun. Er war sicher, dass sie sich ebenso glücklich zeigen würde wie er selbst. Doch die Frau begann zu wehklagen und schrie: ›Wehe uns, was machen wir nun? Pessach steht vor der Tür. Ich habe das Haus nicht koscher gemacht. Wir haben kein Pessach-Geschirr mehr, keine Mazze und keinen Wein! Geld haben wir auch keins. Wie sollen wir das meistern?‹

ratlosigkeit Nach einer Weile der Ratlosigkeit und Bedrängnis sagte die Frau: ›Geh zum Herrn zurück und bitte ihn herzlich, dass er uns gnädigst erlauben möge, bis nach Pessach noch Gojim zu bleiben! Erst dann werden wir wieder Juden sein.‹ Da war die Frau sichtlich erleichtert.«

Wenn sich auch die Umstände wesentlich verändert haben, Ausreden solcher Art kann man auch heute noch hören. Hauptsache – so denken doch viele –, man macht sich das Leben leichter.

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

inhalt
Dieser Wochenabschnitt ist der letzte des Buches Schemot. Er berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen, wie die Priesterkleidung anzufertigen ist. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet. Danach werden die Priester und Teile des Stiftszelts gesalbt. Als dies alles vollendet ist, erscheint über dem Heiligtum eine »Wolke des Ewigen«. Sie zeigt dem Volk die Gegenwart des Ewigen und wird ein Zeichen sein, wann es aufbrechen und weiterziehen soll.
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

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