Weltkulturerbe

Unsere heiligen Stätten

Frauen beten in der Machpela-Höhle in Hebron. Foto: Gregor Zielke

Die UNESCO hat unlängst beschlossen, das Rachel-Grab bei Bethlehem und das Grab der Patriarchen in Hebron im Westjordanland seien »muslimische Stätten« – und Teil eines zukünftigen palästinensischen Staates. Doch diese Stätten sind auch uns Juden heilig – eine Tatsache, die die UNESCO in ihrer Entscheidung völlig ignoriert hat.

Warum ist es für uns als Juden so essenziell, die Machpela-Höhle und das Rachel-Grab zu besuchen und dort zu beten? Beide Gräber liegen in oder bei großen Städten, die hauptsächlich von Muslimen und Christen bewohnt werden. Juden, die diese heiligen Orte aufsuchen möchten, riskieren oft ihre persönliche Sicherheit.

Doch für Juden ist es von großer Wichtigkeit, weiterhin dort zu leben und das Recht zu behalten, dort zu beten. Seit etwa 3500 Jahren ist die Geschichte des jüdischen Volkes eng mit dem sogenannten Heiligen Land verbunden, das damals als Kanaan bezeichnet wurde und heute Israel heißt.

Versprechen In den heiligen Schriften wird Israel häufig klar und deutlich als das Land erwähnt, das G’tt für sich als Hauptsitz in der Welt auserwählt hat. Zudem steht dort geschrieben, dass Er ebendieses Land seinem Volk, dem Volk Israel, versprochen hat.

In der Hebräischen Bibel dreht sich alles um dieses Fleckchen Land und das Volk der Juden. Ja, wir sind zwischendurch in Ägypten gewesen, aber von Mosche angeführt, kehrten wir nach Israel zurück. Ja, wir sind auch in Babylon gewesen, nachdem wir aus Jerusalem vertrieben worden waren, aber Esra und Nechemia führten uns zurück in unser Land Israel.

Die UNESCO ignoriert diesen Teil der Geschichte, möchte ihn nicht kennen und sieht einfach weg. Wichtige historische und religiöse Fakten wurden in ihrer Entscheidung überhaupt nicht berücksichtigt.

Was für uns selbstverständlich ist, ist anderen gegenüber schwer zu beweisen. Leichter ist es zu verzweifeln. Aber gerade in dieser Situation sind wir dazu verpflichtet, zu verhindern, dass andere die Weltgeschichte umschreiben und manches einfach auslassen. Wir müssen darauf bestehen, dass auch der jüdische Teil der Geschichte nicht fehlen darf.

Chaje Sara
Im Toraabschnitt dieser Woche, Chaje Sara, wird erzählt, dass Saras Tod Awraham sehr überrascht. Er erfährt davon, als er auf dem Rückweg vom Berg Moriah, dem zukünftigen Tempelberg, ist – dem Berg, auf dem er aufgefordert wurde, seinen Sohn Jizchak zu opfern, um ihn dann zu verschonen.

Eine Beerdigung, heute etwas Selbstverständliches, war früher mit sehr großem Aufwand verbunden. Awraham musste nach einem Ort für Saras Grab suchen – was sich, da er selbst kein Land besaß, als schwierig darstellte. Seine Nachbarn, die »Bnei Chet« in Efron, boten Awraham an, Sara auf ihrem Feld zu begraben – und zwar kostenlos.

Kauf Doch Awraham lehnt das Angebot ab. Er besteht darauf, selbst für das Grab zu zahlen. Warum möchte Awraham das Grab kaufen, wenn er es doch umsonst angeboten bekommt?

Mearat ha-Machpela, wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt die »doppelte Höhle«, ist für Awraham ein bedeutender Ort, denn dort wurden bereits Adam und Chawa begraben. Und nach Awraham und Sara werden dort Riwka und Jizchak beigesetzt werden – sowie später Lea und Jakow.

Ein Akt des Kaufs erzeugt ein besonderes Gefühl beim Käufer. Durch das Bezahlen entwickelt der Käufer zu seinem Erwerb eine tiefere Beziehung – nur durch Mühe und Kraft war er letztendlich fähig, das Objekt zu erwerben. Natürlich ist er nach so viel Mühe später auch nicht mehr bereit, auf das Erworbene zu verzichten.

Eheschließung Im Babylonischen Talmud lernen wir anhand des Beispiels der Mearat ha-Machpela viel über die jüdische Trauungszeremonie. Die Eheschließung wird mit dem Kauf der Höhle verglichen. Die Geschichte von Awraham zeigt, dass eine tiefe Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Erwerbsgegenstand bestehen muss. Deshalb darf man ihn nicht umsonst an sich nehmen.

Ein Mensch soll Kraft, Geld und Zeit investieren, damit eine Verbindung entsteht – beim Kauf der Höhle genauso wie bei einer Eheschließung. Awrahams Kauf der Mearat ha-Machpela ist verbindlich für alle Generationen nach ihm. Genauso verbindlich und verpflichtend soll auch die Eheschließung im Leben sein.

Im hohen Alter, als Jakow in Ägypten bei seinem Sohn Josef lebt, bittet er darum, ihn in der Mearat ha-Machpela zu begraben: »Begrabet mich zu meinen Vätern, in die Höhle (...), welche im Felde Machpela, das vor Mamre liegt, im Lande Kanaan, welche Awraham gekauft (...) zum Grabbesitz« (1. Buch Mose 49, 29–31).

Rechtmäßigkeit Im Midrasch Bereschit Rabba 76 werden vier Orte erwähnt, die durch Bezahlung erworben wurden: Awraham kauft die »doppelte Höhle«, Jakow kauft Schchem, David kauft den Tempelberg und Omri, ein König Israels, erwirbt das Gebiet des Schomron (Samaria). Rabbi Juda ben Simon erklärt, dass die doppelte Höhle eine der vier Orte ist, die andere Völker uns nicht streitig machen können: Orte, über die niemand sagen kann, dass wir sie zu Unrecht besitzen, denn wir haben sie gekauft – nicht gestohlen oder besetzt.

Rachel, Jakows Frau und Josefs Mutter, starb bei der Geburt ihres Sohnes Benjamin. Da die Familie unterwegs war, entschied Jakow, sie dort zu begraben, wo sie gestorben war. Bevor Jakow selbst stirbt, erklärt er die Entscheidung seinem Sohn Josef: »Rachel starb im Lande Kanaan, auf dem Wege, dass es noch eine Strecke des Wegs war, nach Efrat zu kommen, sodass ich sie begrub daselbst auf dem Wege nach Efrat, das ist Bet Lechem« (1. Buch Mose 48,7).

Raschi erklärt uns, dass Jakow sich bei Josef entschuldigt, weil er keinen besseren Ort für Rachels Begräbnis gefunden hat – angeblich war das von G’tt so gewollt. Rachel ist auf dem Weg aus Jerusalem hinaus Richtung Babylon begraben.

Exil Sollte das jüdische Volk in Zukunft ins Exil geführt werden, so wird »Mutter« Rachel weinen und vor G’tt um Barmherzigkeit bitten, wie es in Jeremia 31,14ff. steht: »So hat Er gesprochen: Eine Stimme ist in Rama zu hören, ein Wehgesang, ein Weinen der Bitternis. Rachel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, ach, keiner ist da! So hat Er gesprochen: Wehre deiner Stimme das Weinen, deinen Augen die Träne, denn es west ein Lohn deinem Werk (...), aus dem Feindesland kehren sie heim (...), deine Söhne sollen wieder in ihre Heimat kommen.«

Auch wenn die UNESCO daran zweifelt, wissen wir aufgrund der Erzählungen der Tora genau, wie bedeutungsvoll die heiligen Orte im Land Israel sind. Unsere Geschichten sind voller Stärke und Hoffnung und zeigen: Wir werden unsere heiligen Orte nie verlassen!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Groß-Dortmund und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Er wurde in Jerusalem geboren und lernte unter anderem an einer Jeschiwa in Efrat.

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