Perspektive

Unser Schicksal

Die wohl größte Herausforderung, der sich das Judentum stellen muss, ist der Umgang mit der Frage, warum guten Menschen Böses widerfährt. Dabei geht es im Kern nicht etwa um die Frage, ob das Böse als eigenständige Macht neben dem G’ttlichen existieren kann.

Ein Gedanke, den Juden aufgrund der unbedingten Betonung des Monotheismus, also des Glaubens an den einen und einzigen G’tt auch vehement ablehnen. Es geht vielmehr um die Suche nach Erklärungen für vermeintliche Ungerechtigkeiten und sogenannte Schicksalsschläge, wie etwa unvorhersehbare Todesfälle, Krankheiten oder Unfälle, die uns tagtäglich ereilen können und die uns oft so verzweifelt, ratlos und sinnsuchend zurücklassen.

Oder um die oftmals so schrecklich unfair scheinenden Begebenheiten des Lebens, durch die der unaufrichtige, selbstsüchtige Egoist die größten und süßesten Früchte des Lebens zu ernten scheint, während der Aufrichtige, Hilfsbereite und Gütige von Leid und Not heimgesucht wird.

Allmacht Weit verbreitet ist das Buch Wenn guten Menschen Böses widerfährt des amerikanischen Rabbiners Harold Kuschner, der sich nach dem Tod seines zwölfjährigen Sohnes, der an einer unheilbaren Krankheit litt, dieses Themas annahm.

In dem Bemühen, das Geschehene zu verstehen, verneinte er G’ttes Allmacht. Da ein gerechter und allmächtiger G’tt unschuldige Kinder nicht sterben lassen würde, könne er entweder nicht gerecht oder nicht allmächtig sein. Aus Kuschners Sicht würde G’tt solche Ereignisse gern verhindern, könne es jedoch nicht. Er stehe uns lediglich mitfühlend, unterstützend und Trost spendend zur Seite.

Trotz der Popularität, die diese These genießt, rüttelt sie doch heftig an den Grundfesten des Judentums und widerspricht dem jüdischen G’ttesverständnis von einem gerechten, barmherzigen und allmächtigen Schöpfer vollständig.

Buch Iob Die Tora und ihre Schriften selbst halten ja schon eine Erzählung bereit, die sich mit diesem schwierigen Thema befasst: Das Buch Iob, das die Geschichte eines heiligen und rechtschaffenen Mannes erzählt, dessen glückliches, reiches und gutes Leben sich ohne erkennbaren Grund in eine schmerzvolle und von Verlust geprägte Tragödie verwandelt.

Eine Erklärung scheinen drei Freunde von Iob zu bieten, indem sie annehmen, das über ihn hereinbrechende Leid sei eine Strafe für vorherige Verfehlungen und Sünden. Sie glauben, dass derjenige, der leidet, dies durch frühere Verfehlungen nicht nur verursacht, sondern auch verdient hat.

Doch Iob war rechtschaffen und er hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Damit liefern uns die Schriften eindeutige und klare Aussagen. Erstens: Menschliches Leid muss keine Strafe für vorherige Verfehlungen sein und zweitens: Auch gute und rechtschaffene Menschen leiden!

Das Buch Iob wartet allerdings selbst mit einer eindrücklichen Erklärung auf: Als Iob G’tt wegen der von ihm trotz Rechtschaffenheit zu erleidenden Qualen anklagt und nach dem Grund verlangt, antwortet G’tt: »Wo warst du, als ich die Erde gegründet? ... Wer setzte ihre Maße? ... Kennst du die Gesetze des Himmels, legst du auf die Erde seine Urkunde nieder?«

Es wäre absurd zu glauben, dass wir als Menschen in den gleichen Kategorien und Wertmaßstäben denken und urteilen, wie der Einzige und Ewige dies tut. Und es ist ebenso absurd zu glauben, dass wir Menschen jemals in der Lage sein werden, die Ratschlüsse und Entscheidungen G’ttes nachvollziehen und mit den uns zur Verfügung stehenden Maßstäben bewerten zu können. Doch so tiefgründig die biblische Antwort auf die Frage aller Fragen im Buch Iob auch ausfällt, ist es gerade aus der Sicht religiös aufgeklärter Menschen trotz ihres Glaubens oft notwendig, diese Botschaft durch weitere Erklärungen zu ergänzen oder zu vervollständigen.

Lösung Für mich persönlich ist eine Kombination von Ansätzen nötig, um eine befriedigende, wenn auch nicht allumfassende Lösung zu finden: Bevor wir überhaupt damit beginnen, Vorkommnisse, die auf den ersten Blick wie Unglücksfälle, Katastrophen oder menschliche Tragödien wirken, sofort in unsere gängigen Vorstellungs- und Bewertungsmuster einordnen zu wollen, sollten wir immer berücksichtigen, dass wir die Ereignisse immer nur aus einem eingeschränkten Blickwinkel betrachten können.

Der englische Rabbiner Nissan Dubov hat diese Überlegung anhand eines Beispiels eindrucksvoll beschrieben: Stellen wir uns einen Eingeborenen in einem Operationssaal vor, der eine Herzoperation beobachtet. Er sieht, wie ein regloser Mann festgeschnallt auf einem Tisch liegt.

Eine Gruppe von grün gekleideten Personen macht sich mit scharfen Gegenständen daran, den Leib des Mannes aufzuschneiden und in seinen Körper einzudringen. Für den Eingeborenen muss dies auf den ersten Blick wie ein kaltblütiger und grausamer Mord wirken. Was tatsächlich vorgeht, nämlich dass er gerade Zeuge einer lebensrettenden Operation wird, würde sich dem Beobachter selbst dann nicht erschließen, wenn man einen Erklärungsversuch unternähme, da dies schlicht außerhalb seiner Vorstellungswelt liegt.

So wie dem Eingeborenen die Fähigkeit fehlt, die Situation vollständig zu erfassen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, fehlt es auch uns oftmals an dieser Möglichkeit. Verglichen mit G’tt und seinen Handlungen, stehen wir da wie der Eingeborene im Operationssaal. Unser Verständnis seiner Eingriffe ist zu begrenzt, um zu begreifen, dass diese dem Wohle des Patienten dienen können.

Und wie könnten wir eine angemessene Beurteilung darüber abgeben, ob der Gerechte leidet, während der Schlechte profitiert? Denn auch dies ist wiederum nur eine Momentaufnahme. Nach jüdischer Vorstellung gibt es neben oder nach der Welt, in der wir leben, eine weitere Welt: Olam haba, die kommende Welt. Es ist jener Ort, an den unsere Seele nach dem Tod weiterzieht. Und es ist der Ort, ohne den nach jüdischem Verständnis eine erschöpfende Beurteilung von rechtem und unrechtem Leben schlicht nicht möglich ist. Denn erst dort kann endgültig Bilanz gezogen werden.

Wille Und schließlich wurde uns mit der Schöpfung eine einzigartige Gabe zuteil. G’tt schenkte dem Menschen den freien Willen. Dieser freie Wille, nämlich die Fähigkeit, sich für das Gute oder das Böse, das Richtige oder das Falsche zu entscheiden, bindet seither auch G’tt.

Ist der Ewige also doch nicht allmächtig? Sicher ist er das. Doch er selbst bewertet die Ausübung der Willensfreiheit durch die Menschen höher als seine eigene Sicht oder die ständige »Korrektur« vermeintlicher Ungerechtigkeiten. Er wird die durch den Menschen getroffenen Entscheidungen nicht mehr nach Belieben verändern, denn durch die Schaffung der Willensfreiheit hat er sich selbst Zurückhaltung auferlegt. Würde G’tt Unrecht stets verhindern, so gäbe es auch den freien Willen nicht mehr.

So wenig wie G’tt Kain abhielt, seinen Bruder Abel zu erschlagen, indem er ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt hätte, so wenig wird er unseren freien Willen brechen, um zu verhindern, was wir als schlecht und ungerecht bewerten. Was G’tt jedoch tut, ist für Gerechtigkeit zu sorgen. Vielleicht nicht immer sofort und für jeden erkennbar. Spätestens jedoch in der kommenden Welt.

Denn in einem können wir sicher sein: G’tt ist gerecht und allmächtig. Er hat uns als Partner ausgewählt, um seine Schöpfung zu bewahren und eines Tages ins Paradies zurückzukehren. Selbst in den Augenblicken, in denen wir die Hoffnung zu verlieren scheinen, können wir uns seines Beistands sicher sein, ebenso wie der Tatsache, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Wir sind nur manchmal nicht in der Lage, ihn zu erkennen. Noch nicht.

Der Autor ist Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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