Chidon Hatanach

Unser Fundament

Kinder und Jugendliche beim Chidon Hatanach im vergangenen Jahr in München Foto: EJKA

»Der Tanach ist die Seele des jüdischen Volkes«, pflegte David Ben Gurion zu sagen. Als der »Chidon Hatanach« im Jahr 1958, zehn Jahre nach Gründung des Staates Israel, auf Initiative von Chaim Gvaryahu und Aura Herzog (Mutter des gegenwärtigen Präsidenten Isaac Herzog) ins Leben gerufen wurde, war der Premierminister Israels einer seiner größten Unterstützer.

Ben Gurion zufolge gebe es drei Dinge, die eins sind: das Land Israel, das jüdische Volk und das »Buch der Bücher«. Wenn diese drei verbunden seien, dann werde dieses »dreifache Band« niemals zerreißen (Ableitung von Kohelet 4,12).

Schon im Zohar, dem Hauptwerk der Kabbala, finden wir die Aussage, wonach G’tt, die Tora und das jüdische Volk eins sind (zweifellos ist das Land Israel ein zentraler Aspekt des jüdischen Glaubens, und laut dem Nachmanides ist die Erfüllung der Tora hauptsächlich in Israel vorgesehen, aber dennoch nicht auf derselben Stufe wie G’tt und die Tora).

Schon im Zohar, dem Hauptwerk der Kabbala, finden wir die Aussage, wonach G’tt, die Tora und das jüdische Volk eins sind.

Der Tanach – Abkürzung für Tora (Pentateuch), Nevi’im (Propheten) und Ketuvim (Schriften) – ist kein Geschichtsbuch, das die Entstehung und die Geschehnisse des jüdischen Volkes dokumentiert, sondern es handelt sich dabei vielmehr um ein zeitloses Lehrbuch, das von G’tt verfasst wurde und in dem Er seinen Willen verschlüsselt hat. Rabbi Jisrael Meir Kogan schreibt, dass auch die Nevi’im und Ketuvim am Berg Sinai überliefert wurden und später von Menschen mit »Ruach Hakodesch« (göttlicher Inspiration) niedergeschrieben wurden.

Im Talmud (Megilla 14a) steht, dass es eigentlich doppelt so viele Propheten gab wie die Anzahl der Menschen, die aus Ägypten ausgezogen waren, aber dennoch nur jene Prophezeiungen niedergeschrieben wurden (und Teil des Tanachs sind), die eine zeitlose Botschaft haben.

Zeitlose Botschaften

Auch »Megillat Esther«, die Erzählung der Purimgeschichte, verfasst von Mordechai und Esther, scheint zwar die Beschreibung eines spezifischen historischen Ereignisses vor über 2000 Jahren zu sein, doch sind darin eben zeitlose Botschaften verborgen. Im Talmud (Joma 29a) steht, dass »Megillat Esther« die letzte Schrift dieser Art sein wird, die Teil des Tanachs werden konnte. Nun ist das heilige Buch versiegelt.

Zwar wurden auch später ähnliche Schriften verfasst, wie die »Megillat Antiochus«, in der die Geschehnisse rund um Chanukka beschrieben werden. Diese sind historisch gesehen sehr wichtig, gehören jedoch nicht zum Tanach, da sie ohne Ruach Hakodesch verfasst wurden.

Der Tanach ist die Grundlage des Judentums, auf der alles andere basiert und aufbaut. Ihm werden die 613 Ge- und Verbote sowie die jüdischen Glaubensgrundlagen entnommen. In Pirkej Awot (Sprüche der Väter) steht, dass ein Kind mit dem Lernen von Mikra (ein anderes Wort für Tanach) beginnen und Mischna sowie Talmud, die mündliche Lehre, anschließen soll.

Aus pädagogischer Sicht ist es für einen jungen Menschen sicherlich einfacher, die Geschichten des Tanachs zu verstehen. Mischna und Talmud verlangen eine gewisse intellektuelle Reife. Rabbiner Abraham Isaak Kook fügt hinzu, dass das Studium des Tanachs dem Kind die Liebe und Fürsorge G’ttes gegenüber seinen Schöpfungen und insbesondere gegenüber dem jüdischen Volk vermittelt. Die Worte der Propheten und die Schriften öffnen sein reines Herz und weisen ihm den richtigen Weg. Anschließend können dann die detailreiche Mischna und der analytische Talmud folgen, die praktisches Wissen vermitteln und den Verstand schärfen.

Nicht nur in der Jugend ist es wichtig, den Tanach zu kennen und zu studieren

Doch nicht nur in der Jugend ist es wichtig, den Tanach zu kennen und zu studieren. So steht im Midrasch (Schmot Rabba 41), dass genauso wie eine Braut mit 24 Schmuckstücken geschmückt ist (so war es der Brauch in den Zeiten der Weisen), sich auch ein jüdischer Gelehrter mit den 24 Büchern des Tanachs auskennen muss. Die Söhne des Gaon von Wilna schreiben, dass er seinen Schülern auftrug, ihre Kenntnisse des Tanachs zu festigen, und dass er sie darin prüfte. Laut dem Talmud (Kidduschin 30a) sollte man seine tägliche Lerneinheit in drei Teile aufteilen, wobei der erste Teil dem Studium des Tanachs gewidmet sein soll.

Rabbi Josef Teumim (1727–1792), Rabbiner in Frankfurt (Oder) und Autor des umfassenden Kommentars zum Schulchan Aruch »Pri Megadim«, kritisiert in seiner Einleitung die »Jünglinge«, die der Meinung sind, das Lernen des Tanachs sei nur für diejenigen bestimmt, die sich nicht mit dem Studium des Talmuds beschäftigen können. »Wären sie klüger, hätten sie sich zunächst dem Studium des Tanachs gewidmet«, schreibt er.

Der Tanach vermittelt dem Kind die Liebe G’ttes. Der Talmud schärft seinen Verstand.

Mit dem Studium des Tanachs ist jedoch nicht (nur) gemeint, dass man ihn Wort für Wort auswendig kennt, sondern dass man sich auch mit den Erklärungen der Kommentatoren beschäftigt, um den Text richtig zu verstehen und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Aufgrund der Bedeutung des Tanachs wird bereits im 16. Jahrhundert der Brauch erwähnt, den gesamten Tanach innerhalb eines Jahres zu beenden, indem man täglich einen Abschnitt lernt. Heutzutage gibt es dafür spezielle Initiativen wie beispielsweise »Tanach Yomi«, die eine bestimmte Einteilung empfehlen und zum Lernen anspornen.

Auch der jährliche Chidon Hatanach, der Ende Januar in München stattfinden wird und in Zusammenarbeit mit der Europäischen Janusz Korczak Akademie, der Conference of European Rabbis, der Jewish Agency, dem Bund traditioneller Juden und der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern organisiert wird, ist ein großartiger Ansporn und eine wunderbare Gelegenheit, die eigenen Tanach-Kenntnisse unter Beweis zu stellen.

Die »Seele« des jüdischen Volkes ist lebendig und energiegeladen – auch in Deutschland.

Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

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