Beten

Über den Wolken

Einer der bekanntesten Songs von Reinhard Mey trägt den Titel »Über den Wolken«. Darin singt der Liedermacher davon, dass dort oben »die Freiheit wohl grenzenlos sein« muss. »Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen«, meint er. Doch wer ab und zu mal fliegt, weiß, dass die Freiheit beim Fliegen nicht ganz so grenzenlos ist.

Und auch die Ängste und Sorgen bleiben nicht immer am Boden. Doch ist das nicht der Grund, warum gläubige jüdische Passagiere nicht nur vor dem Start, sondern auch während des Fluges ihren religiösen Pflichten des Gebets nachkommen wollen. Nur gibt es nicht immer die Möglichkeit dazu – weder am Flughafen noch im Flugzeug –, dies in entsprechender Form zu tun.

Beim Flug darf das »Achtzehngebet«, die Amida, im Sitzen gesprochen werden.

Religion und Fliegen vertragen sich nicht immer. Im Januar 2010 musste ein Flugzeug auf dem Weg von New York nach Louisville in Philadelphia notlanden, nachdem ein jüdischer Jugendlicher zu beten begonnen hatte. Der 17 Jahre alte Passagier trug Tefillin, also Gebetsriemen. Der Jugendliche benutzte die Tefillin jeden Morgen beim Beten – doch als er die Gebetsriemen im Flugzeug anlegte, gerieten mehrere Passagiere in Panik.

PROTOKOLL Eine Stewardess sprach ihn an. Er erklärte, dass er bete. Die Stewardess ging daraufhin zum Piloten und berichtete ihm von den »Drähten« um den Körper des Passagiers. Der Pilot war verpflichtet, das Protokoll zu befolgen und Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Nach der Notlandung und einem anschließenden Verhör wurde der 17-Jährige wieder freigelassen.

Diese Episode macht deutlich, dass die Ausübung der Religion im Luftraum nicht immer ohne Folgen bleibt. Ich selbst habe so drastische Erlebnisse noch nicht gehabt. Dennoch habe ich oft Schwierigkeiten beim Beten, wenn ich fliege. Normalerweise sitzen wir eng an eng, wie Heringe in der Dose. Eigentlich müssen wir während der drei täglichen Gebete stehen. Doch unsere Weisen haben entschieden, dass man in Notfällen das »stehende Achtzehngebet«, die Amida, auch im Sitzen sprechen darf.

Dennoch ist das Gebet im Stehen vorzuziehen. Doch während des Fluges ist dafür kein Platz, vor allem nicht, wenn man gemeinsam mit neun weiteren Männern in einem Minjan beten will. Früher hat das Kabinenpersonal das toleriert, und wir durften das tägliche Gebet hinten oder ganz vorn in der Maschine verrichten oder beispielsweise an Purim die Esther-Rolle lesen.

KONZENTRATION Heutzutage ist dies jedoch kaum noch möglich. Also beten wir im Sitzen, wobei die Konzentration während des Gebets das größte Problem ist – vor allem, wenn die Nachbarn bitten, aufzustehen, weil sie auf dem Weg zur Toi­lette vorbeigehen müssen. Ich kann mich dann nicht mehr konzentrieren – aber das Gebet erfordert Konzentration.

Ich freue mich über den neuen Gebetsraum im Flughafen Berlin Brandenburg. Er zeigt, dass die Religion nicht völlig an den Rand gedrängt wurde und immer noch ein wichtiger Faktor ist, sogar auf Geschäfts- und Urlaubsflügen. Übrigens sind Gebetsräume in der Regel nicht überfüllt, das ist meine Erfahrung. Meistens gibt es nur ein paar Muslime, die auf ihren Gebetsteppichen knien und beten.

Orte zum Ausruhen oder zum Nachdenken gibt es auf vielen Flughäfen.

Orte zum Ausruhen und Nachdenken gibt es heute auf vielen Flughäfen. Bereits in den 70er-Jahren eröffnete der Frankfurter Flughafen in Zusammenarbeit mit der evangelischen und der katholischen Kirche seine ersten Kapellen. Heute gibt es in beiden Terminals insgesamt neun Kapellen und Gebetsräume, in denen jeder Trost finden oder beten kann. Ich fühle mich dort allerdings nicht sehr wohl, weil es zu viele Symbole anderer Religionen gibt, die es mir schwer machen, mich zu fokussieren.

SCHIPHOL In Schiphol, dem Flughafen von Amsterdam, wird dieser Ort als Meditationszentrum bezeichnet. Dies ist ein nicht-konfessioneller und interreligiöser Raum, in dem jeder beten, meditieren oder einfach in der Stille entspannen kann. Es gibt sogar eine Bibliothek mit heiligen Büchern vieler Religionen in allen möglichen Sprachen. Die Besucher suchen vor allem Ruhe, Besinnung und eine vertraute Umgebung, denn viele Menschen verlieren sich leicht im internationalen Trubel eines Flughafens.

Die Flughafenseelsorge kann auf Anfrage gemeinsame Gebetsgottesdienste organisieren, zum Beispiel für religiöse Pilgerreisen größerer Gruppen. Die Gottesdienste für die verschiedenen Konfessionen finden im Wechsel statt. Dazu gehören anglikanische, römisch-katholische und protestantische Gottesdienste, die alle auf Englisch abgehalten werden. »Es ist in Ordnung, früher zu gehen, wenn Sie Ihren Flug erreichen müssen«, heißt es auf der Website. Die Seelsorger sind 24 Stunden am Tag für Krisensituationen erreichbar.

Am Flughafen Ben Gurion in Israel stehen übrigens nur zwei Synagogen zur Verfügung. Dies führt gelegentlich zu verwirrenden Situationen. Im Jahr 2016 gingen muslimische Touristen zum Beten in eine der beiden Synagogen am Flughafen. Als Juden die Synagoge betraten, um zu beten, waren sie verblüfft, als sie eine Gruppe türkischer Touristen auf dem Boden der Synagoge vorfanden.

Wegen Symbolen anderer Religionen kann ich mich in multireligiösen Räumen nicht gut konzentrieren.

Die türkischen Muslime benutzten die Tallitot, die jüdischen Gebetsschals, als Gebetsteppiche. Als die Muslime erkannten, dass es sich nicht um eine Moschee handelte und dass die Tallitot für Juden von religiöser Bedeutung sind, baten sie um Entschuldigung, falteten sie zusammen und erklärten, dass sie nur einen Platz zum Beten gesucht hätten.

Der Flughafen Ben Gurion bietet also Synagogen, aber keine separaten Gebetsräume für andere. Sollten wir trotz aller Probleme mit interreligiösen Gebetsräumen zufrieden sein? Gewiss! Denn dadurch wird das Phänomen Religion wieder ins Rampenlicht gerückt. Es ist nur schade, dass ich mich dort nicht sehr wohlfühle.

Ich würde viel lieber am »Gate« oder der »Pforte« beten. Dort gibt es weniger interreligiöse Ablenkungen. Dort kann ich ich selbst sein. Oder um es mit Reinhard Mey zu sagen: »Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.«

Der Autor ist Rabbiner und lebt in Israel.

INFORMATION

Kurz vor Beginn der Reisezeit ist am Donnerstag vergangener Woche am Flughafen Berlin Brandenburg (BER) ein jüdischer Gebetsbereich eröffnet worden. Der Vorsitzende von Chabad Lubawitsch und Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Rabbiner Yehuda Teichtal, weihte ihn gemeinsam mit dem Geschäftsführer für den operativen Flugbetrieb, Thomas Hoff Andersson, ein. Das teilte eine Sprecherin der Gemeinschaft mit.

Der jüdische Gebetsbereich befindet sich den Angaben zufolge im Terminal 1 am Gate 21, wo vor allem die Maschinen der israelischen Fluggesellschaft EL AL abgefertigt werden. Thomas Hoff Andersson sagte: »Im öffentlichen Bereich des Terminals 1 befindet sich bereits ein Raum der Stille für Menschen verschiedener Religionen und Kulturen. Wir freuen uns sehr, unseren Passagieren mit dem jüdischen Gebetsbereich einen weiteren Ort der Ruhe anbieten zu können, an dem sie ihren Glauben praktizieren können.«

Rabbiner Teichtal, der die Initiative des ersten jüdischen Gebetsbereiches für den Flughafen Berlin Brandenburg angestoßen hatte, sprach von einem »historischen Ereignis« und »einem wichtigen Zeichen für Berlin als Metropole und weltoffene Stadt« mit einer wachsenden jüdischen Infrastruktur. Am BER gibt es seit November 2021 übrigens auch eine christliche Kapelle. »Reisegebete und das Studium der Tora gehören im Judentum zu festen Bestandteilen des Reisens«, betonte Rabbiner Teichtal in diesem Zusammenhang.

So gibt es etwa das Gebet Tefillat HaDerech, wörtlich das »Gebet des Weges«, das viele gläubige Juden sprechen, wenn sie eine Reise unternehmen, die sie über die Stadtgrenzen hinausführt. Im Tefillat HaDerech »bitten wir G´tt, uns eine sichere Reise ohne Zwischenfälle zu ermöglichen«, heißt es auf der Website »Jüdische.Info« von Chabad. Helmut Kuhn

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  19.09.2026 Aktualisiert

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

Für die einen ist Fasten an Jom Kippur religiöses Gebot, für die anderen eine Prüfung von Körper und Willenskraft

von Nicole Dreyfus  18.09.2026

Versöhnung

Der Mensch ist kein Datensatz

Im Gegensatz zu modernen Algorithmen kennt das göttliche Gericht die Ambivalenzen

von Chajm Guski  18.09.2026

Vergebung

Wenn die Entschuldigung im Halse stecken bleibt

Eine talmudische Geschichte über Schuld, Groll und das Loslassen der Vergangenheit

von Sophie Goldblum  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge

Nach ersten Erkenntnissen handelte der polizeibekannte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit allein

 18.09.2026 Aktualisiert

Ha’asinu

Von der Einheit hinter allem

Die Tora lehrt, dass die Liebe zum Mitmenschen auch eine Form ist, den Ewigen zu ehren

von Daniela Rusowsky  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert