Neulich beim Kiddusch

Türkische Hochzeit

Unjüdisch: Frauen und Männer tanzen gemeinsam Foto: epd

Die Augen der übrigen Gäste am Tisch waren so groß wie Glasbausteine und ihre Münder weit aufgerissen. Nur ich fiel unangenehm auf durch meine offen zur Schau gestellte Freude. Was war passiert? Talila hatte mich zu einem besonderen Kiddusch in ihre Gemeinde eingeladen. Wenn sie und ihr Freund Cem den ganzen Spaß bezahlten, war klar, dass sie etwas Spezielles vorhatten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie das nur machten, um den Betern einfach so einen schönen Vormittag zu schenken.

Vorahnung Beide kannte ich nur als Paar. Eine Vorahnung hatte ich zwar, als ich die Einladung erhielt, aber sie wollten nichts verraten. Auch während des Gebets war nichts aus Cem herauszubekommen. Er konzentrierte sich auf den Siddur und las aufmerksam mit. Das ist bemerkenswert, wenn man weiß, dass Cem Türke ist und muslimisch. Als Student semitischer Sprachen war für ihn Hebräisch wohl ein Klacks. Deshalb nahm man in Talilas Gemeinde lange Zeit an, der junge Mann an ihrer Seite sei ein sefardischer Jude. Das dies nicht so war, merkte er irgendwann recht beiläufig an. Doch das änderte nichts an seinem Verhältnis zur Gemeinde und der Gemeinde zu ihm.

Trotzdem rissen jetzt alle die Augen weit auf und starrten ihn an. Nachdem sich jeder von uns den Bauch vollgeschlagen hatte, verrieten die beiden den Grund. Sie standen auf und verkündeten, dass sie in einem Monat heiraten und Cems Eltern die Hochzeit ausrichten würden. Damit hatte niemand gerechnet.
Ich riss die Arme hoch: »Eine türkische Hochzeit! Bingooo!« Das bedeutete: ein riesiges Büffet, ungewöhnliche Live-Musik mit Menschen, die beim Feiern nicht die Handbremse angezogen hatten.

Kleiner Kreis hieß, mindestens 200 Personen würden bis in die Morgenstunden tanzen, und ich wäre mit meiner Frau mittendrin. Man könnte sich auch mal miteinander unterhalten, ohne zu flüstern. Feiern de luxe also. Das wäre genau das Richtige. Nicht, dass jüdische Hochzeiten langweilig wären. Aber bei der Letzten hatten fast alle potenziellen Tanzpartner Bärte, und die ohne Bärte waren noch nicht in der Pubertät. Die Frauen feierten unter sich.

Natürlich war ich eingeladen zu diesem Mega-Ereignis. Und es kam noch besser: In der Einladung stand, dass die Familie wolle, dass die jüdischen Gäste sich wohlfühlten. Deshalb seien alle Speisen koscher zubereitet. Die Küche des Hotels sei darauf eingerichtet. Das bedeutete noch viel größeren Partyspaß. Mental war ich voll eingestellt und nervte meine Frau schon Tage vorher mit extrem guter Laune.

Akademiker Der große Tag kam. Was soll ich sagen? Auf der Hochzeit mit den Bärten bin ich wenigstens satt geworden. Wie sich herausstellte, waren Cems Eltern betuchte Akademiker und hatten einen weit verzweigten Bekannten- und Verwandtenkreis aus diesem Milieu. Dementsprechend distinguiert ging es auf der Feier zu.

Essen wurde von Kellnern an den Platz gebracht, eine kleine Band spielte leisen Swing und die besten Hits von Sinatra. Doktoren und Professoren zitierten Kant und Hegel in ihren Gratulationsreden. Alkohol bot sich nicht als Lösung an. Es gab nur trockene Weine, und der Kellner war nicht schnell. Warum treffen Vorurteile nicht zu, wenn man es braucht? Ich wollte zurück zu den Bärten.

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026