Vor einigen Jahren trat ich an einem hellen Frühlingsmorgen aus meiner Haustür und begann mit täglichen Spaziergängen. Diese brachten mich durch oft unbekannte Gegenden in meiner Stadt und halfen mir später, die Zeit der Einsamkeit in der Pandemie durchzustehen.
Ich durchwanderte also die Grünflächen und Straßen der Stadt, lernte die Sprache der Bewegung in der Außenwelt und verband mich so mit den Orten und den Menschen auf den Wegen, die ich ging. Diese Spaziergänge verknüpften mein Inneres mit der Außenwelt, führten mich von der Privatsphäre meines Zuhauses hinaus in den öffentlichen Raum und öffneten meinen Geist.
»Mein Leben, du bist eine Tür, die mir gegeben wurde, hindurch zu gehen.«
Mir kamen die Zeilen der Lyrikerin Jane Hirshfield in den Sinn: »Mein Leben, du bist eine Tür, die mir gegeben wurde, hindurch zu gehen.« Und damit beginnt auch die Analogie zu Pessach: Jedes Jahr öffnen wir die Haggada wie die Türen eines Hauses. Wir betreten den Rhythmus einer Erzählung von Sklaverei, Unterdrückung und Erlösung mit der immer wiederkehrenden Feier des Sederabends, seinen symbolischen Speisen, Geschichten und seiner reichen Bildsprache. Wir führen uns selbst jedes Jahr mit dem Erzählen der Geschichte »aus dem Haus der Sklaverei« in Ägypten – wie es im 2. Buch Mose 20,2 geschrieben steht – in die Freiheit.
Um die Enge Ägyptens zu verlassen, muss das jüdische Volk zunächst in die Gefangenschaft des eigenen Hauses zurückkehren
Das Drama, wie wir es in der Geschichte im 2. Buch Mose lesen, beginnt zunächst mit einer erneuten Erfahrung des Eingeschlossenseins. Um die Enge Ägyptens zu verlassen, muss das jüdische Volk zunächst in die Gefangenschaft des eigenen Hauses zurückkehren und sich auf die erneute Verengung seiner Welt einlassen. Die Kinder Israels müssen Vertrauen in den Schutz vor Vernichtung haben, den Haschem verspricht, wenn sie die Türrahmen ihrer Häuser mit Blut als Zeichen bestreichen. Eingeschlossen in ihren Häusern werden sie vor dem Tod sicher sein, der in der Nacht die ägyptischen Erstgeborenen heimsuchen wird.
Denn in der folgenden Nacht durchquert Haschem mit Macht das ägyptische Land und bestraft das ägyptische Volk mit dem Tod ihrer Erstgeborenen. »Denn ich werde in dieser Nacht durch das Land Ägypten gehen«, heißt es im 2. Buch Mose 12,12. Eine furchterregende Stille herrscht während dieses tödlichen Durchzugs. Die eingeschlossenen Juden können nicht sehen, was draußen geschieht – aber sie können »die Stimme des Ewigen G’ttes wandeln hören« (Ramban zu 1. Buch Mose 3,8), die Tod und Verzweiflung nach Mizrajim bringt.
Die Erzählung nimmt Fahrt auf
Dann bringt die Tora eine unglaubliche Dynamik in die Erzählung, und die Türen der Versklavten öffnen sich weit: Das jüdische Volk eilt aus seinen Häusern und verlässt das Land, das es so lange in Gefangenschaft hielt.
Es ist ein hektischer Aufbruch für die flüchtenden Juden. Es gibt kaum Zeit, darüber nachzudenken, wohin die Reise gehen wird. Obwohl sie unter dem Schutz Haschems, der vor ihnen in einer »Wolkensäule« herzieht, und unter der Führung von Mosche, Mirjam und Aharon stehen, ist das Hinaustreten ins Unbekannte eine Fähigkeit, die erst erlernt werden muss. Eine Mischung aus Aufregung, Angst und Zweifel wird deshalb während dieser Flucht ins Unbekannte ein ständiger Begleiter werden.
Es gibt gute Gründe, weshalb wir jedes Jahr aufs Neue die Haggada lesen.
In der Erzählung des Auszuges verhärtet G’tt erneut die Herzen der Ägypter, und sie verfolgen die fliehenden Juden mit Wut und militärischer Gewalt. Doch es gibt eine weitere Tür zur Freiheit, die fest verschlossen scheint: das Meer. Um zu entkommen, muss das Volk das Schilfmeer überqueren, um in die Sicherheit des anderen Ufers zu gelangen. Die Tora erzählt uns, wie Mosche mit Haschems Hilfe das Meer teilt und einen breiten Korridor öffnet, der es dem jüdischen Volk ermöglicht, trockenen Fußes hindurchzuziehen.
Das Durchqueren dieses Korridors erfordert erneut Mut und Vertrauen. Der Midrasch spiegelt die Angst vor dem Eintreten ins Unbekannte und das Zögern des Volkes wider, sich ins Meer zu stürzen. Erst als ein mutiger Mann, Nachschon ben Aminadaw, ins Wasser springt, bricht der Bann (Mechilta DeRabbi Shimon Ben Jochai 14), woraufhin das Volk das Meer durchquert.
Wenn wir auf neue Herausforderungen stoßen, werden wir wahrscheinlich immer verschiedene Gefühle erleben – Angst, Unsicherheit und auch Feigheit.
Wir lernen aus der Geschichte des Auszugs aus Ägypten, dass wir, wenn wir auf neue Herausforderungen stoßen, wahrscheinlich immer verschiedene Gefühle erleben – Angst, Unsicherheit und auch Feigheit. Wir müssen den Mut haben, ins Wasser zu springen und ins Unbekannte einzutreten, um uns selbst die Möglichkeit zu geben, uns mit etwas Neuem zu verbinden, also neuen Erfahrungen, neuen Orten und Menschen.
Diese Lehre scheint mir eine sehr wichtige zu sein, für uns persönlich und allgemein, und ganz besonders in unseren gegenwärtigen polarisierten und krisengeschüttelten Gesellschaften. Die Tür zu einer Welt zu öffnen, die oft verwirrend erscheint, und diejenigen zu begegnen, die anders denken und leben als wir, ist uns oft unangenehm, und wir scheuen gern davor zurück.
Neues kennenlernen, sich mit dem Unbekannten auseinandersetzen
Die Ordnung des Seders selbst aber lehrt uns, die Türen zu öffnen, dem »anderen« einen Platz an unserem Tisch zu geben und unsere Realität mit der ihren zu konfrontieren. Das beinhaltet ebenfalls, sich kontroversen Themen zu stellen und zuzuhören, aber ermöglicht uns, Neues kennenzulernen und uns mit dem Unbekannten auseinanderzusetzen. Gerade nicht in der Enge unserer eigenen Vorstellungen zu verharren und aus Angst vor Konflikten zurückzuweichen, ist zwingend notwendig. Denn es hält uns lebendig, lässt uns atmen und wachsen.
Die Tür zu einer Welt zu öffnen, die oft verwirrend erscheint, und diejenigen zu begegnen, die anders denken und leben als wir, ist uns oft unangenehm.
Um noch einmal Jane Hirshfield zu zitieren: Ich glaube, uns werden diese »Türen« geschenkt. Sie werden uns beim Seder gegeben, um sie für Elijahu, den Propheten, der unsere Hoffnung auf eine bessere Zukunft symbolisiert, zu öffnen – und für uns selbst, um durch sie zu gehen und aus begrenzten Räumen in Haschems große und aufregende Welt hinauszutreten.
Es gibt einen Grund, warum wir jedes Jahr aufs Neue die Haggada lesen und uns mit dem Auszug aus Ägypten beschäftigen: Haschem gibt uns damit Werkzeuge der Verwandlung in die Hand, denn wenn wir sie nicht erlernen und nutzen, bleiben wir für immer in unserer selbst auferlegten Isolation und Knechtschaft gefangen.
Nur das Öffnen von »Türen« gibt uns die Chance, auf der »anderen Seite des Meeres« endlich ein Lied der Freude und Befreiung anzustimmen.
Die Autorin ist Malerin und Montessori-Pädagogin. Sie ist »Mora Halacha«, ein Titel für orthodoxe Frauen, die das religiöse Gesetz studiert haben und lehren.