Geschlechter

Mehr als nur Mütterlichkeit

Jeremia prophezeite, dass man in der Zeit der Erlösung den Jubel der Braut genauso laut hören werde wie den des Bräutigams. Foto: Chris Hartung

Bekanntlich gibt es keine Zufälle. Als Clara Zetkin im Jahr 1910 die Einführung eines Internationalen Frauentags vorschlug, hatte dieser noch kein festes Datum. Und so fiel im Jahr 1917 der Weltfrauentag auf den 8. März. Genau an diesem Tag erhoben sich in Petrograd Frauen gegen Hunger, Krieg und Unterdrückung.

Der 8. März 1917, also der Tag, dem wir den Weltfrauentag verdanken, war nach dem jüdischen Kalender der 14. Adar und damit Purim – ein Tag, an dem Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt die Heldentat einer Frau feiern.

Das Buch Ruth und das Buch Esther wurden beide nach Frauen benannt, die mit ihrer außerordentlichen Aufopferung das Judentum retten sollten. So wäre ohne Ruths Konversion König David nie geboren worden – und dementsprechend auch keine künftige messianische Erlösung möglich gewesen. Und ohne Königin Esther wäre das jüdische Volk nicht vor dem von Haman geplanten Genozid gerettet worden.

Der Talmud spricht Frauen eine ausgeprägte Intuition zu.

Der Talmud hebt gleich an mehreren Stellen die besonderen Tugenden und Verdienste von Frauen hervor. So wird betont, dass der Lohn, den der Allmächtige rechtschaffenen Frauen zuteilwerden lässt, größer ist als der für rechtschaffene Männer (Berachot 17a). Frauen wird zudem eine ausgeprägte Intuition zugeschrieben (Schabbat 33b) sowie eine größere Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen und Einsicht zu üben (Nidda 45b). Ebenso wird ihre besondere Herzensgüte und Zartheit hervorgehoben (Megilla 14b).

Im familiären Leben misst der Talmud der Beziehung zwischen Mann und Frau große Bedeutung bei. Ein Mann ohne Ehefrau lebt demnach ohne Freude, ohne Segen und ohne das Gute. Daher soll ein Mann seine Frau wie sich selbst lieben und sie sogar mehr achten als sich selbst (Jevamot 62b). Zugleich wird er ermahnt, niemals geringschätzig mit ihr zu sprechen, da Frauen sensibel sind und geringschätzige Sprache gegenüber einer Frau von G’tt besonders hart bestraft wird. Wer seine Frau ehrt, den wird G’tt mit Reichtum belohnen (Bava Metzia 59a).

Auch die Ehrfurcht vor der eigenen Mutter ist ein Thema. So wird von Rav Josef ben Hiyya berichtet, dass er, wenn er die Schritte seiner Mutter hörte, sich stets erhob und sagte: »Ich will aufstehen vor der herannahenden g’ttlichen Gegenwart« (Kidduschin 31b).

Schließlich wird auch die zentrale Rolle der Frauen in der Geschichte Israels hervorgehoben: Nach talmudischer Überlieferung wurde Israel aus Ägypten durch das Verdienst seiner rechtschaffenen Frauen erlöst. Auch die künftige Erlösung werde von den rechtschaffenen Frauen abhängen (Sota 11b). Darüber hinaus heißt es: »Wenn Mann und Frau würdevoll miteinander umgehen, ist die Präsenz G’ttes unter ihnen« (Sota 16a).

Rabbi Eliezer sagt im Traktat Kidduschin (41b), dass es verboten sei, minderjährige Mädchen zu verheiraten. Auch darf kein Zwang im Spiel sein. Frauen sollen sich selbst für die Ehe mit einem Mann ihrer Wahl entscheiden können.

Defizite gibt es aber durchaus im Bereich der Rechtsprechung. Zahlreiche Quellen sprechen davon, dass vor Gericht ausschließlich Männer als Zeugen Aussagen machen dürfen (Schwuot 4a). Ausnahmen finden sich lediglich in bestimmten Bereichen des Familienrechts. In talmudischen Kommentaren wird daraus gefolgert, dass eine Frau nicht zum Richten geeignet sei, weil grundsätzlich nur derjenige richten könne, der auch als Zeuge zugelassen ist (Tosafot zu Jevamot 45b). Der Midrasch (Midrasch Tannaim zu Dewarim 17,15) sagt, dass nur ein Mann König in Israel sein dürfe, nicht aber eine Frau; auch andere Positionen der Macht sollen exklusiv mit Männern besetzt werden.

Im Jerusalemer Talmud (Sota 3,4) lehnt einer der Gelehrten es sogar ab, einer Frau auf eine Frage zur Tora zu antworten. Als sein Sohn ihm sagte, dass diese Frau eine großzügige Spenderin sei und ihre Bereitschaft zur Unterstützung nun wohl schwinde, lautete die Replik des Gelehrten, es sei besser, die Tora zu verbrennen, als sie einer Frau beizubringen.

Rabbiner Baruch Schalom Aschlag lehrte, dass die gesamte Schöpfung ein Zusammenspiel von gebenden und nehmenden Kräften sei. Diese werden im Talmud manchmal mit den Begriffen »Mann« und »Frau« kodiert. Die wenig charmanten Formulierungen im Jerusalemer Talmud lassen sich also auch sinnbildlich lesen und sind nicht unbedingt wörtlich zu verstehen. Tatsächlich waren manche große Rabbiner – wie etwa der Chafetz Chaim – persönlich daran beteiligt, Religionsschulen für Mädchen zu gründen.

An dieser Stelle ist es ungemein wichtig, bei einem so aufgeladenen Thema wie der Rolle der Frau die richtige Position des Judentums herauszuarbeiten. Denn oftmals stehen sich dabei zwei völlig gegensätzliche Lager gegenüber: Das eine wirft dem Judentum – zumindest dem orthodoxen – in seiner Gesamtheit Sexismus vor, während das andere die als sexistisch lesbaren Teile lieber ausklammert, statt sie vernünftig zu kontextualisieren.

Der <em>Sohar</em> lehrt: Die Aussagen der Tora und die Aussagen unserer Weisen gleichen einem Gewand.

Der Talmud lehrt, dass die Tora sowohl ein Elixier des Lebens als auch ein Elixier des Todes ist. So heißt es im Traktat Jewamot (72b): »Wer sich würdig erweist, für den ist die Tora ein Elixier des Lebens; wer sich unwürdig erweist, für den erweist sich die Tora als ein Elixier des Todes.«

Der Sohar lehrt: Die Aussagen der Tora und die Aussagen unserer Weisen gleichen einem Gewand. Ein Gewand schützt den Körper, kann ihn aber auch verbergen. Wer nur die dicke Jacke sieht, kann den Körper darunter nicht erkennen. Die Tora ist so aufgebaut, dass sie den Unwürdigen in die Irre führt und dem Würdigen ihre Geheimnisse offenbart.

Daher ist es wichtig, die verschiedenen Aussagen immer kontextuell und gleichzeitig im Rahmen halachischer Mechanismen zu lesen. Sie müssen stets das Ziel verfolgen, ausgehend von den ganz konkreten Realitäten die Liebe und den Frieden zwischen den Geschlechtern zu wahren. Dies kann in unserer Zeit anders aussehen als in der Zeit des Talmuds oder des Tanach.

Der Prophet Jirmijahu (33,11) prophezeite über die Endzeit: »(…) man wird wieder hören in Jerusalem den Jubel der Freude und Wonne, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut«. Der Lubawitscher Rebbe lehrte, dass diese Prophezeiung nicht nur bedeutet, dass mit der Ankunft des Maschiach in Jerusalem wieder Hochzeiten gefeiert werden, sondern auch, dass man die Stimme der Braut, also der Frau, in der Gesellschaft genauso hören wird wie die Stimme des Bräutigams, also des Mannes.

Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter in der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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