Talmudisches

Torastudium

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Der Talmud diskutiert im Traktat Brachot, ob das anhaltende Gebet für eine bestimmte Sache dazu führt, dass das Gebet beantwortet wird, oder ob es dazu führt, dass die betende Person lediglich frustriert ist (32b). So sagte Rabbi Chanin im Namen von Rabbi Chanina: »Jeder, der lange betet, wird sein Gebet beantwortet sehen.« Rabbi Chiya bar Abba entgegnet im Namen von Rabbi Jochanan: »Wer lange betet und auf eine Antwort hofft, wird nur Herzschmerz ernten« – da es keine Garantie gibt, dass Gebete wirklich erhört werden.

Doch dann fügt Rabbi Chiya bar Abba hinzu: »Die Heilung für den Herzschmerz ist das Torastudium, denn es steht geschrieben: ›Und der Baum des Lebens bringt die Begierde‹ (Mischlei 13,12), der Baum des Lebens ist die Tora, denn es heißt ›ein Baum des Lebens ist sie allen, die an ihr festhalten‹« (Mischlei 3,18).

Wieso ist das Torastudium eine Heilung für den Frust unbeantworteter Gebete? Das Hauptwerk von Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772–1810) ist das Buch Likutey Moharan. Im ersten Kapitel schreibt Rabbi Nachman, dass die Annahme des Gebetes von etwas namens Chen abhängig sei. Chen kann als Wohlgefallen verstanden werden. Die Worte eines Menschen mit Chen werden als angenehm wahrgenommen. Daher beten wir in jedem Tischgebet, dem Birkat Hamason, für Chen in den Augen Gʼttes und der Menschen.

Die Tora gleicht einem Parfüm, das den, der sie studiert, »gut riechen« lässt

Laut Rabbi Nachman gibt es nur eine Sache, die den Chen eines Menschen maximal vergrößert und dazu führt, dass alle Gebete sofort angenommen werden: das Studium der Tora! Die Tora gleicht einem Parfüm, das den, der sie studiert, »gut riechen« lässt. Das Studium der Tora gleicht einem Treibstoff, der das Gebet des Lernenden sofort vor Gʼttes Thron bringt. Auf der anderen Seite schrieb König Schlomo: »Wer sein Ohr für die Tora verschließt, dessen Gebet ist ein Gräuel« (Mischlei 28,9).

Das fehlende Torastudium nimmt dem Gebet die Qualität. Aber wieso hat die Tora eine solche Funktion? Im Buch Pri Etz Chaim beschreibt Rabbi Chaim Vital (1543–1620), dass das Torastudium die gʼttliche Barmherzigkeit auf die Erde bringt. Schon unsere Weisen lehrten: »Die Toragelehrten vermehren den Frieden auf der Erde« (Berachot 64a).

Wenn wir uns die Erde wie einen Garten vorstellen, so gleicht die Person, die Tora lernt, einer Person, welche die Bewässerung des Gartens ermöglicht. Ohne Torastudium kann es kein friedliches Leben auf Erden geben sowie es ohne Bewässerung keinen Garten geben kann. Der Chatam Sofer, Rabbi Moshe Schreiber (1762–1839), erklärt, dass Gʼtt eine bestimmte Anzahl von Konflikten auf der Erde festgesetzt hat, welche die Welt durchlaufen muss, bis der Maschiach kommen kann und alle Konflikte aus der Welt schafft.

Doch wenn die Toragelehrten bei der Diskussion über die Tora in die intellektuelle Auseinandersetzung treten, so wird die friedliche Diskussion der Gelehrten als ein Konflikt angerechnet, der die Gesamtzahl der noch ausstehenden Konflikte verringert und vor potenziell bewaffneten Konflikten schützt.

Das Universum und seine Existenzberechtigung

Rabbi Chaim aus Volozhin (1749–1821) schreibt in seinem Werk Nefesch haChaim: Wenn es auch nur einem Moment ohne Torastudium gebe, würde das gesamte Universum seine Existenzberechtigung verlieren. Daher wird erzählt, dass Rabbi Elijahu ben Schlomo Zalman, der Wilnaer Gaon (1720–1797), einmal vor einem kleinen Jungen aufstand und ihm Respekt zollte. Als der große Rabbi gefragt wurde, wieso er vor einem kleinen Jungen aufsteht, sagte der Rabbiner, dass in der Nacht zuvor für den Bruchteil einer Sekunde niemand auf Erden außer dem Jungen die Tora studiert hatte und dieser mit seinem nächtlichen Torastudium die gesamte Welt gerettet hat.

Wenn Menschen, die Tora lernen, also tagtäglich die Welt erhalten und für Frieden und Barmherzigkeit sorgen, dann wird klar, wieso es eine Person, die Tora lernt, verdient hat, dass die Gebete angenommen werden. Solch ein Mensch hat viel für das Wohlbefinden aller getan, und so ist es nur fair, dass sein Gebet beantwortet wird.

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