Philosophie

Tikkun und Tianxia

Foto: Getty Images/ Montage: Clara Wischnewski

China, seit Jahrtausenden bekannt als »Tianxia« – das Reich unter dem Himmel –, verstand sich lange nicht als politische Einheit, sondern als kosmologisches Konzept. »Tianxia« repräsentiert einen Raum, in dem menschliche Ordnung und himmlischer Rhythmus harmonisch zusammenwirken müssen. Diese Sichtweise führt zu einem einzigartigen Zeitverständnis. Der Kalender, auf Chinesisch »Gesetz der Zeit«, schafft das Gleichgewicht der Welt und bewahrt die Ordnung.

Ein Fehler im Kalender bedeutete nicht nur einen Datumsirrtum, sondern eine Störung der Verbindung zwischen Himmel und Erde. Entsprechend erforderte die Festsetzung des Kalenders im Kaiserreich höchste astronomische Präzision, genoss staatlichen Rang und war eng mit der Legitimität der Herrschaft verbunden.

Überraschende Parallele im Judentum

Diese Logik findet eine überraschende Parallele im Judentum – allerdings mit umgekehrter Perspektive. Im chinesischen Weltbild ist es die Aufgabe des Menschen (Volkes, Staates), die Ordnung aufrechtzuerhalten, indem er die irdischen Mechanismen – Landwirtschaft, Ökonomie, gesellschaftliche Disziplin – an den kosmischen Rhythmus anpasst. In der jüdischen Tradition wiederum ist es die Aufgabe des Menschen (des jüdischen Volkes), die Ordnung aufrechtzuerhalten, da dies dem Willen des Schöpfers entspricht und durch einen Bund bekräftigt wird, der durch menschliches Handeln bestätigt wird.

Während das chinesische Modell vom Erhalt der Weltordnung spricht, betont die jüdische Perspektive die Verantwortung für sie und das Streben nach ihrer Verbesserung, den sogenannten »Tikkun«.

Die Idee, dass der Mensch selbst für die Zeit verantwortlich sei, ist tief im jüdischen Kalender verwurzelt. Die alte Praxis der Heiligung des Neumondes, die zunächst vom Sanhedrin und später von den Weisen durchgeführt wurde und den Beginn des neuen Monats festlegte, hing sogar davon ab, dass mindestens ein Jude im Land Israel lebte – oder noch besser: in Jerusalem. Andernfalls, so die traditionelle Ansicht, wären nicht nur der Beginn des neuen Monats und damit die Kalenderführung gefährdet, sondern auch ihre Auswirkungen im Überirdischen. Die Formel ist radikal: Der Himmel »folgt« der menschlichen Entscheidung. Und erst dann richtet sich auch die Erde danach aus.

Im Daodejing, einem klassischen Weisheitsbuch des Daoismus, heißt es andersherum, dass der Mensch der Erde folgt, die Erde dem Himmel, der Himmel dem Dao und das Dao seiner eigenen Natur. Folglich hält der Mensch die Ordnung aufrecht, weil er sich nach der übergeordneten Ordnung des Kosmos richtet.

Der Kosmos ist nach dem Modell des Menschen geschaffen

Im Judentum hingegen passt sich nicht der Mensch dem Kosmos an, sondern der Kosmos ist nach dem Modell des Menschen geschaffen, der nach der Tora lebt. Die Heiligung des Neumondes ist ein Akt, nach dem – in der Sprache der Weisen – der Himmel der Entscheidung des Menschen folgt. So wie in dieser bekannten Stelle aus dem Talmud: Rabbi Jehoschua ist überzeugt, dass Rabban Gamliel sich beim Neumond geirrt hat. Bevor er entscheidet, was zu tun ist, geht er zu Rabbi Akiva.

Rabbi Akiva bringt diese Verse als Antwort: »Dies sind die Feste Gottes, die ihr ausrufen sollt« – ob zu ihrer richtigen Zeit oder nicht zu ihrer richtigen Zeit. »Ich habe keine anderen Feste außer diesen.« Dieser Satz wird im Talmud wie folgt zusammengefasst: »Ihr – selbst wenn ihr euch irrt, ihr – selbst wenn ihr absichtlich handelt, ihr – selbst wenn ihr euch täuscht.«

Der einzig wichtige Faktor ist die richtige Absicht, selbst wenn man sich im Datum irrt. Die Handlungen des Menschen sind entscheidend, und sie können sogar zum Mechanismus der fortwährenden Verbesserung der Weltordnung werden. Und genau das nennt man »Tikkun«.

Die Formel ist radikal: Der Himmel »folgt« der menschlichen Entscheidung.

Doch auch wenn ihre Perspektiven unterschiedlich sind, haben die beiden Zeitsysteme erstaunliche Parallelen. Wie im jüdischen Kalender richtet sich auch die chinesische Zeitordnung nach Mond und Sonne. Entsprechend wird in beiden Systemen ein 13. Monat hinzugefügt, um Mond- und Sonnenjahr in Einklang zu bringen.

Dies geschieht nach einer festen Regel siebenmal in 19 Jahren. Dabei wird im jüdischen Schaltjahr stets der Adar »verdoppelt«, während beim chinesischen Kalender ein zusätzlicher Monat nur dann eingefügt wird, wenn zwischen zwei Neumonden kein einziger Solartermin liegt. Dieser Monat ist also aufgrund eines konkreten astronomischen Befundes hinzugefügt und kann daher zu unterschiedlichen Jahreszeiten auftreten. Er ersetzt nicht die bestehende Struktur, sondern reagiert auf eine reale kosmische Situation. Dieser Unterschied verdeutlicht noch einmal den grundlegend anderen Ansatz der beiden Systeme.

24 Solartermine, die die exakten Positionen der Sonne auf der Ekliptik markieren

Weitere interessante Parallelen finden wir bei den Feiertagen. Die Chinesen verwenden 24 Solartermine, die die exakten Positionen der Sonne auf der Ekliptik markieren. Der letzte Knotenpunkt, der 24. Solartermin und Vollmond des zwölften Monats, wird als »Große Kälte« (Dàhán) bezeichnet. Genau dann wird das jüdische Neujahrsfest der Bäume – Tu Bischwat – gefeiert. Im gesamten eurasischen Raum ist es in diesen Tagen meist noch ein letztes Mal so richtig kalt.

Genau deswegen markiert Tu Bischwat nicht den Beginn der Wärme, sondern den Beginn des Endes des Winters. Der Saft wird in die Bäume steigen, das verborgene Leben beginnt sich zu regen. In der kabbalistischen Deutung ist dies der Moment, in dem in der Seele die »Früchte unserer Taten« empfangen werden können – noch unsichtbar, aber bereits in Bewegung.

Kurz danach folgt das Neujahr des Xia-Kalenders. Es fällt auf den Neumond und wird vom Solartermin »Beginn des Frühlings« begleitet. Im Judentum ist das der Neumond von Adar – der Monat der zunehmenden Freude und der Annäherung an Purim.

Das gegenseitige Beschenken und das Weitergeben von Speisen und Süßigkeiten zum chinesischen Neujahrsfest erinnern an die Praxis von »Mischloach Manot« und »Matanot la-Ewjonim« – beides Ausdruck einer gesteigerten Freude, die bewusst geteilt wird. Am Ende der chinesischen Neujahrszeit steht das Laternenfest, das genau mit Purim auf den Vollmond von Adar, also den ersten Monat des Xia-Kalenders, fällt und traditionell mit süßen Tangyuan-Bällchen gefeiert wird – vergleichbar mit den Hamantaschen. Das Laternenfest markiert den Höhepunkt der Festlichkeiten.

Intensive gesellschaftliche Bewegung, große Innovationen und erhöhte Instabilität

Am Dienstag beginnen nun der jüdische Monat Adar und das chinesische Neujahr. Es ist kein gewöhnliches Jahr – denn es steht unter dem Zeichen des Feuerpferdes. Diese Jahre gelten als Zeiten intensiver gesellschaftlicher Bewegung, großer Innovationen, aber auch erhöhter Instabilität – als herausfordernde Übergangsphasen. Das letzte Mal ereignete sich diese Konstellation vor genau 60 Jahren, als Mao Zedong die chinesische Kulturrevolution ausrief.

Aus chinesischer Sicht verursacht die Verbindung von Yang-Feuer und dem Pferd eine der kraftvollsten Kombinationen im gesamten Zyklus. Es ist ein Jahr, das Veränderung nicht lediglich ermöglicht, sondern vielmehr erzwingt und dabei erheblichen Druck erzeugt.

Groß angelegte Transformationen sind in diesem Kontext stets mit Risiken verbunden. Aus jüdischer Perspektive könnte man sagen: Gerade in diesem Jahr wächst unsere Verantwortung – als Juden und als Menschen. Es gilt, diese überschüssige Kraft bewusst auf positive Gedanken und gute Absichten auszurichten, damit sie nicht zerstörerisch wirkt, sondern aufbauend.

Die Kraft des Kosmos will gelenkt werden: durch klare Gedanken, durch verantwortungsvolle Worte und durch konkrete Taten. So können wir die Energie der Zeit in »Tikkun« verwandeln – nicht gegen die Ordnung, sondern als deren konstruktive Vervollständigung.

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