sefaria.org

Talmud: Get started

Zwischen dem inhaltlichen Abschluss des Babylonischen Talmuds im Persien im fünften Jahrhundert n.d.Z. und dem ersten Druck durch Daniel Bomberg im Venedig der Renaissance lagen etwa 1000 Jahre.

Heute, 500 Jahre später, sind die Bibliotheken von Studenten bevölkert, die die Zeit vor DSL‐Internetanschlüssen nicht erlebt haben – und für die der Zugriff auf die Millionen Digitalisate der Onlinedatenbanken näherliegt als das Durchsuchen verstaubter Handapparate.

Bibliotheken dienen heute vielen als ruhige Räume zum Lernen und Lesen, nicht primär als Informationsquellen. Google Books und andere haben bereits Millionen von Büchern digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – darunter selbstverständlich auch den Babylonischen Talmud, von dem man schon seit Längerem PDF‐Dateien verschiedener Editionen herunterladen kann.

Blog Im Februar diesen Jahres sorgte dennoch die Schlagzeile »Setting the Talmud free« auf dem Blog der Initiative zur Digitalisierung jüdischer Schriften Sefaria.org für einiges Aufsehen. Der Blogeintrag kündigte die Online‐Veröffentlichung einer Talmudversion in hebräischer und englischer Sprache an, die über alle üblichen Kommentare verfügen und nach Stichwörtern durchsuchbar sein soll.

Sefaria.org beschreibt sich selbst als nicht gewinnorientierte Organisation, die seit 2011 ein stetig wachsendes Konglomerat jüdischer Texte sammelt, katalogisiert und jedem Internetnutzer frei zugänglich macht.

Öffnet man die Website sefaria.org, wird zunächst eine kurze Videosequenz eingeblendet. Sie zeigt die Feder eines Toraschreibers, welche die ersten beiden Wörter der Tora, »Bereschit« (»Am Anfang«), schreibt. Darüber wird die Ankündigung »Eine lebendige Bibliothek jüdischer Texte. Entdecke jüdische Texte aus 3000 Jahren« auf Hebräisch und Englisch eingeblendet.

Ein Klick auf den Get‐Started‐Button führt sofort zum ersten Kapitel der Tora, »Bereschit«. Die hebräischen Lettern sind gestochen scharf. Jedem hebräischen Vers folgt die englische Übersetzung, was direkte Vergleiche ermöglicht.

Vers Klickt man direkt auf einen Vers, so öffnet sich ein Fenster, das verdeutlicht, warum man die Juden das Volk des Buches nennt: Es werden nun alle weiteren Texte aufgeführt, in denen auf diesen Toravers Bezug genommen wird. Im Falle von »Bereschit« sind das allein 111 klassische Kommentare, 54 Bezüge in der Midraschliteratur und 24 in kabbalistischen Texten.

Und in der gesamten Bibliothek kommt die Wortkombination »Bereschit« über 18.000-mal vor. Der Besucher ist beeindruckt. Das Portal bietet nicht nur Zugang zu biblischen Texten, sondern auch zu einem umfassenden Korpus von rabbinischer, kabbalistischer, halachischer und chassidischer Literatur und liturgischen Texten. Das Design der Website wirkt übersichtlich und modern.

In der Freien Universität Berlin ist derzeit einer der bedeutendsten Talmudforscher der Gegenwart, der Amerikaner Daniel Boyarin von der University of California in Berkeley, für ein Forschungssemester zu Gast. Boyarin hat zwar schon von dem Projekt sefaria.org gehört, aber die Website selbst noch nicht gesehen.

An seinem Schreibtisch im Judaistik‐Institut in Berlin‐Dahlem navigiert Boyarin durch die verschiedenen Textkategorien und schaut sich eine Mischna an. Er empfindet das Layout ebenfalls als übersichtlich und den Text als sehr gut lesbar. Doch auf die Frage, ob er sefaria.org selbst nutzen würde, zuckt er mit den Schultern. Eine Übersetzung ins Englische brauche er nicht – außerdem greift der Forscher auf die Datenbanken der Bar‐Ilan Universität in Israel zu, die um ein Vielfaches umfangreicher seien und wissenschaftlichen Standards genügten.

Diese Kritik an Sefaria üben auch andere Wissenschaftler: Es sei nicht ohne Weiteres ersichtlich, auf welchen Ausgaben die Texte basieren. Die Lektorin für Hebräisch und Aramäisch des Instituts für Judaistik, Vera Meyer‐Laurin, sagt, die Seite könne für Studenten einen guten Einstieg in die Texte bieten.

Doch für tiefere Auseinandersetzungen mit der Materie sollte man zum gedruckten Buch oder zu wissenschaftlichen Datenbanken greifen. Dann ruft Meyer‐Laurin auf ihrem Laptop die kostenpflichtige Datenbank liebermann-institute.com auf. Im Vergleich zu sefaria.org wirkt die rein hebräische Seite, die sich aufbaut, eher altbacken. Doch der große Vorteil dieser schmucklosen Datenbank wird jeden Wissenschaftler überzeugen. Hier lassen sich nicht nur eine Mischna und ihre Übersetzung anschauen, sondern vier verschiedene Handschriften aus mehreren Jahrhunderten parallel.

Die Abstriche im wissenschaftlichen Bereich stören die vielen Laien unter den Nutzern dagegen kaum. Sefaria.org ist umsonst, für den jüdischen Hausgebrauch bestens geeignet und bietet den unkomplizierten Zugang zur biblischen und rabbinischen Literatur für alle Interessierten.

Rabbinerseminar Das sehen übrigens auch Rabbiner so: Shlomo Afanasev vom orthodoxen Rabbinerseminar zu Berlin sagt, er und seine Studenten nutzen die Website unterwegs und im Urlaub gerne.

Sefaria.org sei »sehr professionell gemacht, benutzerfreundlich«, biete »sehr gute Übersetzungen klassischer Schriften – ich kann es also nur weiterempfehlen«. Allerdings würden im Rabbinerseminar vorwiegend »ganz normale Bücher genutzt, da wir eine sehr große Bibliothek haben«, ergänzt der Rabbiner.

Der Berliner Masorti‐Rabbiner Nils Ederberg sieht es ähnlich: Er nutzt sefaria.org schon länger und schätzt vor allem die Schnelligkeit der Suchfunktion. Doch auch Rabbiner Ederberg betont, die Website könne keineswegs das Studium gedruckter und editierter rabbinischer Literatur ersetzen.

Der Autor ist Judaist und Leiter des Jüdischen Zentrums für Medienkompetenz bei der Europäischen Janusz Korczak Akademie.

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