Interview

»Süßes gibt’s auch in der Synagoge«

Jugendrabbiner Samuel Kantorovych Foto: MORDINSON

Herr Kantorovych, was sagen Sie, wenn die Kinder in Ihrer Gemeinde fragen, ob Juden Halloween feiern?
Dass das eine ziemlich gute Frage ist. Denn das Judentum lädt uns immer dazu ein, alles sehr bewusst zu hinterfragen. So wie wir überlegen, woher unser Essen kommt, bevor wir einen Segensspruch darauf sprechen, fragen wir auch hier: Woher kommt dieses Fest? Es hat heidnische Wurzeln. Die Kelten glaubten, dass an diesem Tag die Toten wieder zurückkommen. Es geht um Geister, Elfen und andere mystische Kreaturen.

Kommen in der jüdischen Tradition solche übernatürlichen Wesen denn gar nicht vor?
Doch! Im Talmud und selbst im Tanach gibt es Stellen, die zum Beispiel von Amuletten, Hexen oder Totenbeschwörungen berichten. Nur von Vampiren habe ich dort noch nie gelesen. Grundsätzlich lernen wir aus diesen Schriften, dass unsere Weisen schon anerkennen, dass es jene andere Welt gibt. Die jüdischen Mystiker erklären, dass wir es hier mit schlechten Kräften zu tun haben, die Menschen sozusagen anzapfen können. Wobei die Rabbiner auch sagen, dass wir seit der Zerstörung des Tempels keinen Zugang mehr dazu haben, egal, wie intensiv wir jetzt Zaubersprüche pauken würden.

Darf man Halloween also nicht einfach zum Spaß feiern?
Die Kelten brachten an diesem Tag verschiedenen Wesen Opfer dar. Das widerspricht zunächst einmal dem jüdischen Glauben fundamental. Wenn wir versuchen, uns mit dunklen Mächten zu verbinden, statt zum Beispiel unsere Wünsche in einem Gebet zu formulieren, dann nehmen wir Gott aus der Gleichung. Wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Heute hat Halloween allerdings seine religiöse Bedeutung verloren.
Das stimmt, und das spielt in der halachischen Bewertung auch eine Rolle. Allerdings kommen die Rabbiner zu dem Schluss, das Halloween dennoch ein sinnloser Feiertag ist, den Juden nicht begehen sollten. Dieses Urteil fällt aber nicht bei allen nichtjüdischen Festen so streng aus: Es ist zum Beispiel erlaubt, an Silvester das Feuerwerk zu betrachten, obwohl dies auch einen heidnischen Ursprung hatte. Doch weil wir es heute allein wegen seiner Ästhetik genießen, hat es einen neuen Sinn erlangt.

Das ist für viele sicher erst einmal hart zu hören. Wie bringen Sie das den Jugendlichen schonend bei?
Aus meiner Erfahrung können Kinder, die wissen, wie viel das Judentum ihnen zu bieten hat, sehr gut damit umgehen. Der jüdische Jahreszyklus umfasst eine Vielzahl an Festen, die nicht nur richtig Spaß machen, sondern auch eine tiefe Bedeutung haben. Teilen wir Halloween einmal in seine Elemente: Verkleiden? Machen wir an Purim. Freude in die dunkle Jahreszeit bringen? Geduldet euch nur noch ein bisschen bis Chanukka! Und Süßes regnet es in Massen an Simchat Tora, und bei uns in der Syna­goge sogar jeden Schabbat.

Mit dem Jugendrabbiner aus Düsseldorf sprach Mascha Malburg.

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