Bedikat Chametz

Suche nach dem Gesäuerten

reste,brotkrümel *** remains,breadcrumb mcp-jm4 Foto: imago images/Shotshop

In der Nacht vor Pessach findet die Suche nach Chametz statt – Bedikat Chametz. Chametz meint alle Lebensmittel, die aus Getreide hergestellt wurden und gären durften – nicht nur Hefe. Und ganz traditionell sucht man nach Sonnenuntergang auch mit einer Kerze, doch auch Taschenlampen sind heute durchaus im Einsatz.

WERKZEUG Als Werkzeug dienen eine Feder, zum Zusammenkehren der Chametz-Reste, und ein Holzlöffel oder ein Beutel. Es wird also kein Gefäß verwendet, das man später in der Wohnung haben möchte und dann aber ausgerechnet in der Nacht vor Pessach noch mit Chametz »kontaminiert« wurde. Holzlöffel oder Tüte könnten dann später mit dem Chametz verbrannt werden.

Um den Segensspruch über die Suche nicht vergebens zu sagen, versteckt man häufig noch etwas Chametz in der Wohnung. Familien, die es mit kabbalistischen Traditionen halten, verstecken genau zehn Stückchen in der Wohnung. Warum vergebens?

Das Suchen nach Chametz ist in diesem Sinn kein Frühjahrsputz mehr, sondern eine bewusste Handlung. »Sauber« werden die Wohn- und Lebensbereiche schon im Vorfeld gemacht. Alle Plätze, an die man Chametz bringen könnte. Dabei kommt natürlich das gesamte Arsenal der Hausreinigung zum Einsatz. Putzmittel, Staubsauger und alles, was man so benötigt.

MIKWE Bedikat Chametz ist dann nicht mehr die »tatsächliche« Reinigung und gleicht dem Untertauchen in der Mikwe – das auch nicht der körperlichen Hygiene dient – sie geht dem Untertauchen voran. Um ganz sicher zu gehen, erklärt man nach der Suche: »Jedes Stückchen Chametz, das sich in meinem Besitz befindet, das ich nicht gesehen, nicht entfernt habe und von dem ich nichts weiß, soll für ungültig erklärt werden und herrenlos werden, wie der Staub der Erde.« Als praktisch hat sich erwiesen, dass, wenn man selbst Chametz versteckt, dies festhält, damit man am Ende noch den Überblick hat, ob alles gefunden wurde.

Aber gehen wir einen Schritt zurück. Warum wird überhaupt nach Chametz gesucht? Im 2. Buch Mose 12,19 heißt es: »Sieben Tage lang soll in euren Häusern nichts Gesäuertes zu finden sein. Denn wer Gesäuertes isst, der soll aus der Gemeinschaft Israels ausgeschlossen werden, ob er nun ein Fremder oder ein Einheimischer ist.«

MISCHNA Wie Chametz tatsächlich entfernt werden soll, beschreibt die Mischna (Pessachim 1,2): »Am Abend des 14. (Nissan) suchen wir bei Kerzenlicht nach Chametz. Jeder Ort, an den wir Gesäuertes normalerweise nicht bringen, muss nicht kontrolliert werden. Wir brauchen nicht besorgt zu sein, dass vielleicht ein Wiesel Chametz von Haus zu Haus oder von Ort zu Ort geschleppt hat. Denn wenn wir besorgt wären, müssten wir auch besorgt sein, dass Chametz von Hof zu Hof geschleppt wurde und von Stadt zu Stadt – es gäbe kein Ende der Angelegenheit.«

Der Brauch, bei Dunkelheit und Kerzenlicht zu suchen, wurde also schon in der Mischna beschrieben und ist natürlich Mizwa und kein reiner Brauch. Maimonides, der Rambam (1135–1204), schreibt in seiner Mischne Tora (Hilchot Chametz uMazza 2,3): »Nach rabbinischem Erlass muss man nach Chametz in Verstecken und Löchern suchen und es aus seinem gesamten Bereich entfernen. Außerdem soll man nach rabbinischer Vorschrift das Chametz in der Nacht bei Lampenlicht suchen und entfernen. Zu Beginn der Nacht vor dem 14. Tag des Nissan, weil dann alle Menschen zu Hause sind und das Lampenlicht am besten zum Suchen geeignet ist.«

KABBALISTEN Das Haus ist also nahezu sauber und dennoch wird gesucht? Wäre es nicht einfacher, alles in einem großen Putz zu erledigen? Aus kabbalistischen Kreisen kommt eine Erklärung, die uns heute, in Zeiten von Staubsaugerrobotern, noch immer überzeugen kann. Im Sefer Tur Bareket (431,1), einem kabbalistischen Kommentar zum Schulchan Aruch von Rabbiner Chajm haKohen aus Aleppo (1585–1655), heißt es: »Unsere Weisen haben gelehrt, dass Chametz das Böse repräsentiert und insbesondere den bösen Trieb.«

An dieser Stelle wird der Talmud (Berachot 17a) zitiert: »Rav Alexandri aber pflegte, nachdem er gebetet hatte, folgendes zu sagen: Herr des Weltalls, offen und bekannt ist es vor dir, dass es unser Wille ist, deinen Willen zu vollziehen, doch verhindert dies nichts anderes, als das Chametz im Teig und die Knechtschaft der Regierungen.«

BÖSER TRIEB Hierzu hält Raschi in seinem Kommentar zum Talmud fest: »Chametz im Teig, das ist der böse Trieb.« Rabbiner Chajm haKohen fährt fort: »Die Suche nach dem Chametz symbolisiert somit die Suche nach dem Bösen, dass verstreut ist. Für den Einzelnen heißt das, dass die Seele auf der Suche nach versteckten Sünden ist.«

Die Suche ist also vor dem großen Festtag auch eine Möglichkeit oder ein Anlass zur Introspektive. Wir machen uns bewusst, was »unser« Chametz ist und dass es Zeit wird, es loszuwerden.

Dies schließt den Kreis. Zur physischen Freiheit gehört die geistige Freiheit. Der Befreiung aus Ägypten folgt die Toragebung. Zur Heilung gehören physische und psychische Freiheit gleichermaßen. In den Corona-Tagen ist dieser Gedanke aktueller denn je.

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