Orthodoxie

Strenggläubiger Quellenkritiker

Rabbiner David Zwi Hoffmann Foto: pr

Samson Raphael Hirsch und Esriel Hildesheimer – die beiden Rabbiner werden als Erste genannt, wenn von führenden Persönlichkeiten der deutschen Orthodoxie die Rede ist. Einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt geblieben ist dagegen David Zwi Hoffmann, der 1899 – nach dem Tod seines Mentors Hildesheimer – Rektor am orthodoxen Rabbinerseminar zu Berlin wurde. Wer sich mit der Geschichte der deutschen Orthodoxie vor dem Zweiten Weltkrieg befasst, sollte sich allerdings auch mit Hoffmann auseinandersetzen. Denn der Rabbiner – geboren 1843 oder 1844 in der damals ungarischen Kleinstadt Verbó, gestorben 1921 in Berlin – galt als bedeutende Führungsperson in der jüdischen Wissenschaft.

Josef Wohlgemuth, Schüler und späterer Kollege Hoffmanns am Rabbinerseminar in Berlin, beschrieb ihn in einem Nachruf als »einen Einzigen …, für den nach menschlichem Ermessen keiner heute in die Bresche zu treten vermag«. Die vollkommene Synthese von Tora und Wissenschaft war nach ihm »allein in Hoffmann verkörpert, denn er, dem die große, zum Teil schöpferische Torakunde alten Stils eigen war, nahm zugleich eine allgemein anerkannte Stellung in der Wissenschaft ein und war doch in Weltanschauung und Lebensführung nicht einen Schritt von den die Einheit und Dauer des Judentums allein gewährleistenden Grundwahrheiten und Gesetzesnormen gewichen.«

Forschung In zeitgenössischen jüdischen Studien sind weder Hoffmann noch seine Schriften ausführlich erforscht worden. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Quellenmaterial sehr beschränkt ist. Es sind hauptsächlich Hoffmanns Werke wie das Responsenwerk Melamed Leho´il, die uns einen Einblick geben und für die Forschung von Bedeutung sein können; dazu kommen Berichte von Schülern und Verwandten.

Angeblich, so wird berichtet, konnte Hoffmann mit drei Jahren die Bibel und mit vier Jahren den Talmud lesen. Wie viele jüdische Intellektuelle aus Osteuropa fühlte er sich nicht nur vom Torastudium, sondern auch von den säkularen Wissenschaften angezogen. In Wien studierte er Philosophie, semitische Sprachen und Linguistik. In Tübingen promovierte er über den Talmudweisen Samuel Arioch. Später war er Lehrer an der von Hirsch neu gegründeten Jüdischen Realschule in Frankfurt am Main und unterrichtete schließlich mit großer Hingabe Talmud und Tora am Hildesheimer’-schen Rabbinerseminar in Berlin.

Der Konflikt zwischen Tora und Wissenschaft war Hoffmanns täglich Brot. Schon seit der Antike gingen die Meinungen darüber auseinander, inwiefern man im religiösen Judentum das Torastudium mit weltlichen und wissenschaftlichen Studien kombinieren kann. Dabei war nach Meinung der Kritiker der Wissenschaft viel weniger die Vernachlässigung des ganztägigen Torastudiums ein Problem, sondern vielmehr die Gefahr, sich von der jüdischen Religion zu distanzieren.

Analyse Die »Wissenschaft des Judentums« im 19. und 20. Jahrhundert war das Konstrukt einer Bewegung, die dem Anschein nach mit der jüdischen Orthodoxie nicht im Einklang stehen kann. Hoffmann jedoch war der Meinung, dass die kritische Methode sehr wohl auch als Beweismittel für die Aufrichtigkeit der rabbinischen Traditionen verwendet werden kann. Ferner glaubte er, dass das wissenschaftlich geprägte Hinterfragen und Analysieren nicht immer eine Widerlegung des Rabbinismus bedeutet, sondern auch als akademische Bestätigung der Überlieferung dienen kann. »Die jüdische Gesetzeslehre und der jüdische Gottesglaube erwünschen und erwarten nicht die Verdummung, sondern die Erleuchtung und Aufklärung ihrer treuen Bekenner«, schrieb er.

Viele orthodoxe Rabbiner trauten sich nicht oder waren nicht dazu in der Lage, mit wissenschaftlicher Methodik die schriftliche und mündliche Tora zu untermauern. Doch Hoffmann war maßgeblich daran beteiligt, eine Synthese zwischen Tora und Wissenschaft, »Tora uMadda«, zu schaffen. Ein Ansatz, der die orthodoxe »Berliner Schule« geprägt hat – im Gegensatz zu den Auffassungen Hirschs, der vor »falscher Wissenschaft« warnte und Hoffmann in der Kontroverse um dessen Doktorarbeit riet, seine schriftstellerische Tätigkeit »auf einige Jahre einzustellen« – vergeblich. Hoffmann war Bibelwissenschaftler, Kämpfer gegen wissenschaftlich getarnten Antisemitismus sowie eine der bedeutendsten halachischen Autoritäten des 20. Jahrhunderts.

Neuzeit Was ihn von der säkularen »Wissenschaft des Judentums« und von den Orthodoxen unterschied, war die Tatsache, dass er periodenübergreifend und interdisziplinär arbeitete. Er verband die Antike (mit Pentateuchexegese und Apologetik gegen Bibelkritik), die rabbinische Periode, deren Literatur er analysierte, sowie das Mittelalter und die Neuzeit, deren Halacha‐Codices er auslegte.

Hoffmann schrieb vor allem auf Deutsch und für Juden, die er vor dem aufkommenden Hinterfragen der orthodoxen Lebensführung durch die modernen Wissenschaften und der Reformbewegung bewahren wollte. Seine Arbeiten sollten hauptsächlich das an der Religion zweifelnde jüdische Publikum erreichen. Für das moderne orthodoxe Judentum ist Hoffmanns Beitrag nicht weniger bedeutend als der eines Esriel Hildesheimer oder eines Samson Raphael Hirsch

Der Autor veröffentlichte im LIT Verlag das Buch »Orthodoxie und Wissenschaft – Der Weg von Rabbiner David Zwi Hoffmann«, Bd. 2, 2013, 112 S., 19.90 €

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