Zwangspause

Stop and Go

Ampeln kannten die alten Israeliten noch nicht: Ihnen gab eine Wolkensäule, die über dem Lager schwebte, das Zeichen zum Aufbruch oder zur Rast. Foto: Thinkstock

Zwangspause

Stop and Go

Warum G’tt die Israeliten in der Wüste immer wieder ihr Lager aufschlagen ließ

von Rabbiner David Geballe  01.06.2015 18:38 Uhr

In diesen Wochen, da es bald wieder Sommer wird und die großen Ferien nicht mehr weit entfernt sind, erwischen wir uns des Öfteren dabei, dass das Wort »Reisen« in unseren Köpfen umherschwirrt. Urlaub gilt als die schönste Zeit des Jahres, und die Arten, wie man ihn verbringen und gestalten kann, sind vielfältig.

Vielleicht nicht ganz so zufällig beschäftigt sich unsere Parascha, der Wochenabschnitt, sehr stark mit dem Thema Reisen. Wir lesen von der ersten Reise des jüdischen Volkes. Ein Jahr lang war es am Berg Sinai, nun hat es ihn verlassen und sich auf den Weg gemacht. Ganze 33-mal erwähnt die Tora das Wort »reisen« in unserem Wochenabschnitt.

Umzug Wer schon einmal umgezogen ist, weiß, wie kräftezehrend und aufreibend das sein kann. Mit einer ganzen Familie umzuziehen, ist eine der großen körperlichen, geistigen und emotionalen Mühen im Leben. Wer diese Erfahrung schon einmal gemacht hat, ist dankbar, dass so etwas normalerweise nicht oft getan werden muss.

Den Israeliten in der Wüste war es allerdings nicht vergönnt, ihre Sachen nur selten zu packen und sich an einem neuen Ort niederzulassen. Die Leute reisten auf g’ttlichen Befehl mehrfach. Und immer wurde die Zeit des Aufbruchs extrem kurzfristig bekannt gegeben. Das Zeichen, das Lager aufzuschlagen oder abzubauen, gab die Wolkensäule, die über dem Lager schwebte. Wenn die Wolke sich bewegte, packten die Israeliten ihr Hab und Gut zusammen und zogen der Wolke nach. Wenn sie zum Stillstand kam, war dies das Zeichen, anzuhalten und alles wieder aufzubauen.

Die Reisen waren nicht vorhersehbar, und es war keine Logik dahinter zu erkennen. Manchmal hatten die Menschen nur eine relativ kurze Zeit zum Innehalten, ein andermal blieben sie für lange Zeit am selben Ort. Auch die Stellen, an denen sie sich niederließen, waren sehr unterschiedlich. Es gab Orte, die nicht mehr als ein Stück kümmerliche und trostlose Wüste waren, an denen die Wolkensäule dessen ungeachtet lange verweilte. Dann gab es wunderschöne Oasen, an denen man leider nur kurz blieb.

Lehren Was war die Bedeutung dieser fortwährenden Umzüge? Warum waren sie so unberechenbar? Warum zwang G’tt das jüdische Volk in eine fast schon nomadische Existenz?

Unsere Weisen lehren uns, dass jede physische Reise, die wir in der Tora finden, auch die körperliche Manifestation einer spirituellen ist. Genau wie damals das jüdische Volk ist auch jeder Mensch auf einer Reise. Sie beginnt am Tag unserer Geburt und endet unabwendbar nach 120 Jahren. Welche Lehren können wir heute aus den Wüstenwanderungen unserer Vorfahren ziehen? Der Degel Machane Efrajim (1748–1800) erzählt es uns in einem wunderschönen Gleichnis. Er schreibt, dass unser Lebensweg in der Regel leider nicht immer so gerade und eben ist, wie wir es uns wünschen. Oft fragen wir uns, ob wir das Richtige tun, ob es vielleicht Dinge gibt, die wir anders, besser machen sollten.

Wenn uns solche Gedanken kommen und drohen, uns zu übermannen, hilft es, sich an unsere frühe Kindheit zu erinnern – daran, wie wir laufen gelernt haben: Angsterfüllt umklammern kleine Händchen die starken Finger des Vaters, und mit großer Mühe, aber zufrieden und stolz, macht das Kind die ersten Schritte. Die Freude der Eltern spiegelt sich im Lächeln des Kleinen wider. Angespornt vom Erfolg geht es weiter.

Plötzlich aber lockert sich der doch so beruhigende und sicherheitsstiftende Griff des Vaters. Nach nur wenigen Minuten schon steht das Kind alleine, ganz ohne Unterstützung. Sein Gesicht, vorher eine Bastion der Freude und Selbstsicherheit, ist auf einmal von Furcht und Sorge gezeichnet. Das Kind fühlt sich von seinem Vater verraten. Es wundert sich, warum er es im Stich gelassen hat, und wendet den Blick zu ihm, überzeugt, dass es im Gesicht des Vaters Zorn oder sogar Grausamkeit entdecken wird – er hat es ja schließlich im Stich gelassen. Stattdessen sieht es ein Gesicht voller Liebe, Zuneigung und Zuspruch. Ermutigt hebt das Kind zaghaft den Fuß und macht seinen ersten selbstständigen Schritt. Irgendwo tief im Inneren versteht es jetzt vielleicht, dass es dem Vater sehr schwergefallen ist loszulassen, aber sonst hätte es niemals selbstständig laufen lernen können.

enthusiasmus Zuweilen fühlen auch wir uns wie dieses kleine Kind. Wir versuchen etwas Neues, etwas, wovon wir hoffen, dass es uns im Leben weiterbringen wird. Alles ist toll, wir strotzen nur so vor Enthusiasmus und Energie. Dies ist der Moment, in dem G’tt uns an der Hand hält und uns zum nächsten Schritt auf unserer Reise des Lebens führt. Sobald wir einigermaßen auf dem richtigen Weg sind, fühlen wir, wie die Inspiration, die Energie, die uns anfangs begleitet hat, auf einmal verschwunden ist. Wir fragen uns, ob wir überhaupt das Richtige tun. Unsere Gedanken, die eben noch klar und deutlich waren, trüben sich. Wir fühlen uns verloren.

Gerade jetzt ist aber der Zeitpunkt für das wahre Wachstum gekommen. Alles, was wir bisher erreicht haben, war g’ttliche Inspiration. Die wahre Arbeit hat G’tt getan, er hat uns an den Händen geführt. Nun kommt der Moment, an dem wir uns mutig an die Arbeit machen müssen, unabhängige Schritte zu gehen.

Bei der Beschreibung der Wanderungen des jüdischen Volkes wiederholt die Tora mehrmals: »Nach G’ttes Ausspruch zogen Israels Söhne, und nach G’ttes Ausspruch lagerten sie« (4. Buch Mose 9,18, 9,20 und 9,23). G’tt gibt uns eine Ahnung vom Reisen, vom Wachsen. Wir fühlen uns, als ob wir Bäume ausreißen könnten mit unserer Energie und unserem Enthusiasmus. Danach kommt zwangsläufig eine Phase des Lagerns, in der wir uns leer und alleingelassen fühlen. Wir müssen aber verstehen, dass auch diese Brachzeiten von G’tt kommen und gerade sie es sind, die letztendlich eine wahre Entwicklung ermöglichen.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Fürth.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Beha’alotcha beginnt mit den Vorschriften für das Licht im Stiftszelt. Danach bringt er weitere Vorschriften für die Leviten. Außerdem wird ein zweites Pessachfest für diejenigen eingeführt, die es im Monat Nissan nicht feiern konnten. Ferner wird geschildert, wie am Tag eine Wolke und nachts eine Feuersäule die Anwesenheit des Ewigen am Stiftszelt anzeigen. Immer wenn die Wolke sich vom Stiftszelt entfernte, setzten auch die Kinder Israels ihren Zug fort.
4. Buch Mose 8,1 – 12,16

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