Neulich beim Kiddush

Speck in der Suppe

Speck: auf Russisch »Salo« Foto: imago

Bin ich schlecht integriert? Fühle ich mich als Teil der Gemeinschaft oder fühle ich mich nur als Gast? Sollte ich mich gesellschaftlich etwas mehr einbringen? Werde ich überhaupt akzeptiert? Das sind Fragen, die ich mir früher gestellt habe. Heute habe ich habe ich einen dicken Strich unter die Sache gezogen und bin zu folgendem Entschluss gekommen: Ich bin vollkommen integriert, jedenfalls zu einem großen Teil.

Mein erster Schritt zu einer gelungenen Integration war das Erlernen der russischen Sprache. Dadurch kann ich den meisten Gesprächen in der Gemeinde und bei mir zu Hause folgen. Das eröffnet Horizonte! Meine Frau meint, viele Männer würden alles dafür geben, ihre Schwiegermütter nicht zu verstehen. Aber das nehme ich in Kauf für den Spaß, den mir meine Russischkenntnisse in manchen Gemeinden bereiten.

ahnungslos Besonders dort, wo ich fremd bin und die anderen Beter nicht wissen, ob ich ihre Privatgespräche verstehe oder nicht. Bemerkenswerterweise spricht man über mich, als sei man sich absolut sicher, dass ich nichts verstehe. »Kann der Russisch?« – »Der sieht gar nicht so aus«, »er kann Hebräisch lesen, also kann er wohl kein Russisch.« Ich habe lange gebraucht, in solchen Situationen meinen ahnungslosen Ich-versteh-nichts-Blick aufzusetzen. Denn der ist das wichtigste an der ganzen Sache und der Schlüssel zu ein wenig Spaß.

Wenn in einer Gemeinde mit warmen Essen die Küchenfrau gefragt wird, warum die Suppe so einen vollen Geschmack hat und die aus der Küche ruft: »Ja, das liegt am frischen Salo«, dann nutze ich den Informationsvorsprung und schiebe meinen Teller zur Seite. »Salo« bedeutet Speck.

lautstärke Bei Einladungen zu privaten Veranstaltungen halten sich Vor- und Nachteil die Waage. Weil es jetzt immer heißt »er versteht ein wenig Russisch«, werde ich permanent angeschrien. Weil ich nur »ein wenig« verstehe, wird zur besseren Datenübertragung die Lautstärke aufs Maximum erhöht. Kürzlich: »Möchtest du noch etwas auf den Teller?« – anschließend piepte es im Ohr. Zu allem Überfluss: Ich verstand die Worte – aber sie hatten eine andere Bedeutung. Antwortete ich: »Nein, ich möchte nichts mehr«, landete eine neue Portion Kuchen auf meinem Teller. Sagte ich dagegen: »Oh, gern«, bekam ich eine größere Portion Kuchen und Schlagsahne dazu. Bis heute habe ich den Code nicht geknackt. Ich weiß noch immer nicht, wie man tatsächlich überhaupt nichts mehr bekommt. Teller verstecken bringt auch nichts. Das ist der Prozentteil, der mir zur vollen Integration fehlt.

Meinen großen Durchbruchvhatte ich in der Grundschule meines Sohnes. Auf dem Gang vorm Lehrerzimmer traf ich eine Familie aus der Gemeinde und sprach sie mit meinem schlechten Russisch an. Als die Direktorin das hörte, schüttelte sie den Kopf und sagte zu mir: »Sie müssen sich aber auch endlich mal integrieren!«. Ich war begeistert. Jetzt fühle ich mich noch integrierter als zuvor. Als russischsprachiger Jude habe ich einen schweren Stand in diesem Land.

Erinnerung

Unsterbliche Buchstaben

Warum der erste Generaldirektor des israelischen Religionsministeriums mit seinem Vorhaben scheiterte, eine Zeremonie für in der Schoa vernichtete Bücher zu etablieren

von Valentin Suckut  02.07.2026

Halacha

Bauchnabel oder Nasenlöcher?

Beim Hildesheimer Vortrag in Berlin gab Chaim Saiman konkrete Einblicke in Fragestellungen des jüdischen Religionsgesetzes

von Leon Stork  02.07.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026