Kriege, Klimakatastrophen, Krankheiten – es gibt genügend Gründe zur Sorge. Doch zu viele negative Gedanken machen das Leben schwer. Daher rät der Talmud (Sanhedrin 100b): »Bring keine Angst in dein Herz, denn Angst hat mächtige Männer getötet.« Sich Gedanken über aktuelle Herausforderungen und beängstigende Situationen zu machen, ist völlig normal. Doch wenn das Leben durch ständiges Grübeln und permanentes Nachdenken beeinträchtigt wird, kann das zum Problem werden. Der Talmud erwähnt in diesem Zusammenhang die Weisheit Salomos: »Kummer im Herzen bedrückt den Menschen« (Mischlei 12,25).
Rabbi Ami und Rabbi Asi haben dazu jeweils einen Rat. Der eine sagt: Man soll die Angst aus seinem Herzen entfernen. Der andere meint: Man soll anderen von seinen Befürchtungen erzählen, denn das würde die Angst lindern (Sanhedrin 100b).
Der New Yorker Psychotherapeut und Rabbiner Simcha Feuerman meint dazu: »Die Forschung zeigt, dass es individuelle Unterschiede gibt, wie Menschen mit Traumata umgehen. Während einige Menschen vermeiden und sich ablenken, haben andere das Bedürfnis, darüber zu sprechen und sich mitzuteilen.« Vor diesem Hintergrund empfiehlt er, sich mit seinen Emotionen auseinanderzusetzen und diese auszudrücken.
Man darf niemanden zwingen, über etwas zu sprechen, das er vermeiden möchte
Doch müsse jeder Mensch seinen eigenen Weg und seinen eigenen Zeitplan finden. Es sei kontraproduktiv, jemanden zu zwingen, über etwas zu sprechen, das er noch vermeiden möchte. »Die beiden Meinungen im Talmud spiegeln beide Seiten dieses Problems wider«, so Rabbi Feuerman.
Einen ähnlichen Rat gibt Rabbiner Elisha Aviner von der Yeshivat Birkat Moshe in Maale Adumim: Jedes Mal, wenn uns beispielsweise ein beängstigender Gedanke in den Kopf kommt, sollten wir uns zwingen, an etwas anderes zu denken oder uns mit einer anderen Tätigkeit zu beschäftigen. »Wenn wir jedoch das Gefühl haben, dass uns Sorgen belasten – oder wenn wir das Gefühl haben, dass wir sie allein tragen –, sollten wir sie anderen gegenüber äußern. Das Teilen von Sorgen und Ängsten mit anderen bringt Erleichterung und lindert Ängste.«
Levi Y. Shmotkin ist Autor von Letters for Life. Dieses Buch ist ein »Leitfaden für emotionales Wohlbefinden« mit Auszügen aus Briefen des Lubawitscher Rebben, Menachem Mendel Schneerson, mit Geschichten und praktischen Tipps. Ein Kapitel ist dem Thema »Sorge« gewidmet. Shmotkin erläutert darin einen der Grundpfeiler der jüdischen Ethik: Bitachon, das Vertrauen in Gott.
Sich entspannt zurücklehnen und die Gedanken schweifen lassen
Dies verdeutlicht er mit einem Beispiel aus dem Alltag, der Fahrt in einem Taxi oder im Auto eines Freundes. Wer dabei dem Fahrer nicht vertraut, dessen Herz schlägt unruhig. »Sie schauen immer wieder nervös aus dem Fenster. Sie wissen, dass es nichts bringt. Aber das ist egal. Sie sind besorgt.« Wenn man nun diese Erfahrung mit einer Situation vergleicht, in der man vom guten Urteilsvermögen des Fahrers überzeugt ist und ihm vertraut, kann man sich entspannt zurücklehnen und die Gedanken schweifen lassen. »Sie wissen vielleicht nicht, was hinter der nächsten Kurve ist, aber Sie sind ruhig. Sie fühlen sich in guten Händen. Dieses Gefühl ist Bitachon.«
Diese Idee verdeutlicht Shmotkin noch mit einem Brief, den der Lubawitscher Rebbe an einen älteren Mann geschrieben hat. Darin heißt es, dass durch die Reflexion über die Idee, dass Gott über jeden Mann und jede Frau in ihrem täglichen Leben und in allen Details wacht, klar wird, dass es keinen Grund für Sorgen jeglicher Art gibt. »Es ist wie die Ruhe eines kleinen Kindes, das sich in der Nähe seines Vaters wiederfindet, obwohl der Vater in der Analogie nur in der Vorstellung des Kindes allmächtig ist, während unser Vater im Himmel auch in der Realität allmächtig ist.«
Autor Levi Y. Shmotkin hat noch einen weiteren Ratschlag parat, ebenfalls aus dem Traktat Sanhedrin (100b), diesmal von dem talmudischen Weisen Rabbi Josef: »Sorge dich nicht um die Probleme von morgen, denn du weißt nicht, was ein Tag bringen mag.«