Essay

Solidarität und Hilfe

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: picture alliance / Panama Pictures

Leo Baeck seligen Angedenkens würde in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiern. Seine Deportation in das lagerähnliche Ghetto Theresienstadt hat sich vor wenigen Tagen zum 80. Mal gejährt. Baeck war der Auffassung, dass das, was wir an unserem Mitmenschen tun, der wahre »Gottesdienst« sei.

Konkret schrieb Baeck bereits wenige Wochen vor dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Militärrabbiner dienen sollte - also lange vor dem Schrecken der Schoa –, ein Mensch zu sein, bedeute auch ein »Mitmensch« zu sein. Und das führe zu einer Pflicht der Verantwortung füreinander. Baeck sah seine eigene Arbeit als Militärrabbiner im Ersten Weltkrieg genau in diesem Sinne.

Handlungsempfehlung Das, was im Christentum mit dem Begriff »Nächstenliebe« umschrieben und auch gewissermaßen abstrakt idealisiert wird, finden wir in der jüdischen Ethik als nüchterne Handlungsempfehlung frommen Verhaltens. Heute sehen wir das zum Beispiel im Phänomen der »Mizwa«, was umgangssprachlich so viel heißt wie »gute Tat«.

Bei der Unterstützung spielte es keine Rolle, ob die Geflüchteten nun jüdisch waren oder nicht – geholfen wurde allen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fördert dieses Denken und das daraus resultierende Verhalten – alljährlich gibt es den »Mitzvah Day«. Er basiert auf zentralen jüdischen Werten wie: Tikkun Olam (»Verbesserung die Welt«), Zedek (»Gerechtigkeit«) und Gemilut Chassadim (»Mildtätigkeit«).

Das Bewusstwerden daran soll Juden und Nicht-Juden zusammenbringen, um gemeinsam starke Nachbarschaften zu bilden und die Zivilgesellschaft zu stärken. In den Sprüchen der Väter heißt es: Mizwa goreret Mizwa (4,2) – »Eine gute Tat führt zur Nächsten«.

Mittelpunkt Im November 2022 fand der zentrale »Mitzvah-Day« in Berlin gemeinsam mit ukrainischen Flüchtlingen statt – über die Republik verteilt gab es viele weitere Aktionen. Das konnte durchaus symbolisch verstanden werden: Die Hilfe für die notleidenden Menschen aus der Ukraine stand in dem vergangenen Jahr im Mittelpunkt der sozialen Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft.

Viele Mitglieder unserer Gemeinden betrifft der Krieg in der Ukraine direkt. Sie kommen von dort, haben Familien und Bekannte in dem Land. Andere haben Verbindungen nach Russland und leiden unter dem Vorgehen Putins und was dieses für die Menschen und die Russische Föderation bedeutet. In keiner Weise konnten wir Spannungen in den Gemeinden beobachten. Das war ein ganz starkes Zeichen der Menschlichkeit und der Solidarität des jüdischen Lebens in Deutschland.

Unterstützung Mehr als 25.000 Menschen haben in den jüdischen Gemeinden Hilfe und Unterstützung erhalten. Bei der Unterstützung spielte es keine Rolle, ob die Geflüchteten nun jüdisch waren oder nicht – geholfen wurde allen.

Jüdisch waren letztendlich nur 20 Prozent, zu denen natürlich ein fortdauernder Kontakt aufgebaut werden konnte, während andere dann in die staatlichen Unterstützungsprogramme übergegangen sind. Ein ganz wichtiger Punkt war dafür die Sprache.

Zudem gab es in den Gemeinden die strukturellen Grundlagen, waren doch zahlreiche Gemeindemitglieder in den 1990er- und frühen 00er- Jahren selbst als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen. So bestehen gute Partnerschaften zwischen den Gemeinden und Städten beziehungsweise Behörden. Sozialarbeit gehört zudem zur DNA der jüdischen Gemeinden. Das schließt auch Trauma-Bewältigung ein.

Jüdischsein macht auch ein kollektives Gedächtnis aus, das wie kein Zweites von Fluchtgeschichten geprägt ist.

Zu dieser pragmatisch-praktischen Perspektive, wie ich sie eingangs genannt habe, kam eine historische Erfahrung von Flucht, die gewissermaßen wie Humus für das weite Feld der Gemeindearbeit wirkt. Die Erfahrungen der Kontingentflüchtlinge habe ich bereits erwähnt, aber Jüdischsein macht auch ein kollektives Gedächtnis aus, das wie kein Zweites von Fluchtgeschichten geprägt ist.

Das beginnt mit der Flucht, oder dem Auszug, aus Ägypten. Jüdinnen und Juden erinnern sich an dieses Ereignis jedes Jahr zu Pessach mit einer ganzen Reihe von Ritualen und übertragen damit auch diese explizit jüdischen Erfahrungen in unsere Zeit.

Schoa Und es gibt die grausame Erfahrung der Schoa, die in allen Familien eine Rolle spielt. Wir denken dabei auch an die Konferenz von Évian im Sommer 1938 – einer Zeit, in der Verfolgung und Diskriminierung von Jüdinnen und Juden in Deutschland und Österreich keine Theorie mehr war. Wenige Wochen später kam es zu den Novemberpogromen.

In Évian trafen sich die westlichen Staaten und Hilfsorganisationen auf Initiative von US-Präsident Franklin D. Roosevelt, um über die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland zu beraten. Das Ergebnis: Am Ende redeten sich alle Staaten heraus – wirtschaftliche Probleme ließen keine andere Wahl, hieß es.

Zum 80. Jahrestag der Konferenz schrieb der SPIEGEL »Als die Welt sich abwandte«. Jüdischen Leben ist nicht nur deswegen heute davon getrieben, sich niemals abzuwenden, wenn Unrecht geschieht oder wenn Hilfe gesucht wird. Ich glaube, ohne diesen historischen und ethischen Unterbau kann auch die beste Struktur nur notdürftig helfen.

Für wirkliche Solidarität, für Empathie, braucht es das Zusammenspiel dieser Dimensionen und das sehe ich im Judentum ganz besonders gegeben.

Der Autor ist seit 2014 Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der Text ist eine leicht gekürzte Version des Vortrags, den Lehrer heute im Rahmen der »Ringvorlesung: Flucht – Migration – Hilfe« an der Universität Hamburg gehalten hat.

Interview

»Eine heilige Mission«

Oberstleutnant V. hat mit seiner Einheit die sterblichen Überreste von Soldaten geborgen, auch jene der letzten Geisel Ran Gvili. Hier spricht er über die Prinzipien seiner Arbeit

von Detlef David Kauschke  19.03.2026

Wajikra

Im Zentrum

So wie das Buch Wajikra die Mitte der Tora markiert, sind Gebete und Opfergaben das Herzstück des jüdischen Bewusstseins

von Gabriel Umarov  19.03.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026