Krieg

Simchat Tora im Bunker

Simchat Tora in Jerusalem Foto: picture alliance / newscom

Es war ein gewöhnlicher Morgen in Kir­yat Yearim rund 15 Kilometer nordwestlich von Jerusalem. Das Schacharit-Gebet hatte gerade begonnen. Es sollte das erste Simchat Tora in der neuen Synagoge der Gemeinde »Chanichey Yeschivot« werden.

Um 9.15 Uhr heulte die Warnsirene. Die verängstigten Betenden begaben sich zügig in den Schutzraum, der sich jedoch als zu klein für die zahlreichen Menschen erwies, sodass manche im massiven Treppenhaus Schutz suchen mussten. Wir hörten, wie die Raketen über unseren Köpfen vom »Iron Dome« abgefangen wurden. Nach einigen Minuten verließen wir den Schutzraum und das Treppenhaus wieder, doch dann hörten wir einen lauten Knall, und der Boden zitterte leicht.

Offenbar waren im Wald nahe der Synagoge die Überreste einer Rakete niedergefallen. Alle rannten zurück in den Schutzraum oder ins Treppenhaus. Die Sirene heulte drei weitere Male, und der Rabbiner entschied, das Gebet um eine Stunde zu verschieben, damit die Beter ihre Familienangehörigen beruhigen könnten. Sollte es im Verlauf der nächsten Stunde ruhig bleiben, würde man das Gebet in der Synagoge fortsetzen, doch dies war nicht der Fall. Die Sirene ertönte erneut, und so begaben wir uns in den Schutzraum innerhalb der Wohnung. Soldaten liefen durch die Straßen der religiösen Ortschaft und gaben den Rabbinern der zahlreichen Gemeinden Sicherheitsanweisungen.

Allmählich begannen Informationen durchzusickern, dass Terroristen aus dem Gazastreifen im Süden des Landes in Kibbuzim eingedrungen seien und Geiseln genommen hätten. Das wahre Ausmaß konnten wir uns jedoch in unseren schlimmsten Träumen nicht vorstellen.

Beten in der Tiefgarage

Auf Anweisung der Soldaten verlief das restliche Gebet in einer stickigen Tiefgarage. Erst am Abend, nach dem Ausgang von Simchat Tora, als die Nachrichten geöffnet wurden, erwachten wir in dem Albtraum, in dem sich Israel nach wie vor befindet. Es gibt keine Worte, die die schrecklichen und abscheulichen Verbrechen beschreiben, die an unschuldigen Menschen begangen wurden. Im Internet und in den sozialen Netzwerken kursieren Bilder und Videos, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Wie konnte so eine Unmenge von Terroristen die Grenze unbemerkt überqueren, wo normalerweise nicht einmal eine Fliege durchkommt? Warum dauerte es so lange, bis das israelische Militär eintraf? Es gibt viele offene Fragen, und es wird zweifellos Konsequenzen geben, aber die Aufarbeitung kann warten – zunächst muss die Sicherheit der Menschen wiederhergestellt werden, und das erweist sich als schwieriger als gedacht.

Unsere Feinde haben uns mit diesem Angriff viel Leid zugefügt, und dieses Simchat Tora wird als einer der traurigsten Tage in die junge Geschichte des jüdischen Staates eingehen. Möglicherweise ist es den Terroristen gelungen, die Verwundbarkeit des israelischen Militärs zu offenbaren. Auf keinen Fall aber ist es ihnen gelungen, den jüdischen Geist und die Emuna, den Glauben an Gʼtt, zu brechen.

Israelis zeigen Kampfgeist gegen die Hamas

Die schrecklichen Bilder und Filmsequenzen dienen genau diesem Zweck, aber wir sehen stattdessen Videos aus Bussen, gefüllt mit jungen Soldaten, die stolz verkünden, in den Kampf zu gehen, um ihre Brüder und Schwestern zu beschützen. Wir sehen, wie Rabbiner Blut spenden, wie Menschen vollkommen fremde Menschen aus dem Süden in ihre Wohnungen aufnehmen und wie in ganz Israel Kleidung, Nahrung und Medikamente für Soldaten an der Front gesammelt werden.

In Bnei Brak, deren Einwohner auf der anderen Seite des politischen Spektrums als die Mehrheit der Soldaten stehen, versammeln sich Menschen, um für das Wohl und die Gesundheit der Soldaten zu beten. Menschen, die früher auf Demonstrationen aufeinander losgingen, kämpfen nun Schulter an Schulter für ihr Volk. Es ist traurig, dass es so weit kommen musste, um die unerschütterliche Einheit des jüdischen Volkes zum Vorschein zu bringen.

Sinat Chinam, grundloser Hass, ist der Grund für das Exil, in dem wir uns seit 2000 Jahren befinden (Talmud Jeruschalmi, Traktat Joma). Doch Ahavat Chinam (bedingungslose Liebe) wird uns erlösen. Was wir jetzt sehen, ist grenzenlose Ahavat Chinam!

Der Autor ist Rabbiner und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert