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Warum sich der Ewige Mosche am Berg Sinai nur von hinten zeigt

von Chajm Guski  29.03.2010 17:41 Uhr

Augen zu und weg: »Ihr seht mich nicht!« Foto: fotolia

Warum sich der Ewige Mosche am Berg Sinai nur von hinten zeigt

von Chajm Guski  29.03.2010 17:41 Uhr

Der Abschnitt, den wir zu Chol haMoed Pessach lesen, begegnet uns innerhalb eines jüdischen Jahres gleich drei Mal. Zuerst als Bestandteil des Wochenabschnitts Ki Tissa, als Toraabschnitt für den Schabbat Chol haMoed Pessach und als Abschnitt für Chol haMoed Sukkot. Allerdings handelt in dem Text nur ein Vers direkt vom Pessachfest: »Das Fest der Mazzot sollst du beachten. Sieben Tage sollst du Mazzot essen … zur Zeit des Frühlingsmonats …« (2. Buch Moses 34,18). Später, in Vers 25, werden Mazzot ein weiteres Mal erwähnt: »Du sollst nicht das Blut meines Schlachtopfers mit Gesäuertem opfern und das Schlachtopfer des Pessachfestes soll nicht über Nacht bleiben bis an den Morgen.«

Der Abschnitt setzt nach der Episode mit dem goldenen Kalb ein. Mosche steigt ein zweites Mal auf den Berg und kehrt mit neuen Tafeln zurück. Im Anschluss daran folgt die Mizwa, sich keine Götzenbilder zu schaffen, und nun hören wir den Aufruf, das Pessachfest zu beachten.

Wenn wir diesen Toraabschnitt lesen, liegt der gefühlte Höhepunkt des Pessachfestes mittlerweile hinter uns, nämlich der Sederabend mit der eindrucksvollen Nacherzählung des Auszugs aus Ägypten und die Errettung der Kinder Israels durch G’tt.

macht Dabei könnte man erwarten, dass nach dem goldenen Kalb G’tt dem Volk eindrucksvoll seine Macht demonstriert, sodass keinerlei Zweifel mehr bestehen, wer das Volk aus Ägypten herausgeführt hat. Doch das geschieht nicht. Der Blick liegt darauf, wie das Volk den Weg gehen soll, den G’tt vorgezeigt hat und erinnert an die Opfervorschriften.

Sogar Mosche, der mit G’tt »Panim el Panim« (von Angesicht zu Angesicht) sprach, bittet darum, Ihn sehen zu dürfen. Mosche will – und das ist eine normale menschliche Eigenschaft – sein eigenes Verständnis von G’tt vergrößern. Er möchte so viel über Ihn erfahren, wie in der kurzen Zeit nur möglich. Vielleicht ähnlich, wie es uns mit Personen geht, die wir gern haben: Wir wollen alles über sie wissen.

Ein anderer Aspekt ist Sicherheit. Die Kinder Israels wollen sie. Bevor Mosche sie ihnen geben soll, will er selbst einen Moment der Sicherheit und des tiefen Verständnisses erfahren.

Kennen Sie das Konzept der Objektpermanenz des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget? Es bezeichnet das, was uns heute scheinbar instinktiv bekannt ist: das Wissen darum, dass ein Gegenstand weiter existiert, auch wenn wir ihn nicht sehen können.

Zeigt man einem Säugling einen Gegenstand und versteckt ihn hinter dem Rücken, dann existiert dieser für ihn nicht mehr. Jean Piaget erklärte, dass kleine Kinder dieses Wissen erst im Alter von etwa acht Monaten erwerben. Danach weiß das Kind, dass der Gegenstand noch existiert, auch wenn er nicht zu sehen ist.

Möglicherweise ist Mosche mit Israel am gleichen Punkt angelangt. Auch Israel baute vor unserem Wochenabschnitt etwas Erlebbares, etwas zum Anfassen. Mosche bittet G’tt darum, Ihn sehen zu dürfen, bekommt jedoch nur Seine Rückseite zu Gesicht. Das soll uns sagen: Mosche darf Dinge erfahren, die G’tt getan hat, aber er darf Ihn nicht wirklich sehen. Tatsächlich können wir G’ttes Präsenz nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, schon gar nicht intellektuell ertragen. Was wir sehen können, ist der Weg, den G’tt uns aufgezeigt hat, und Sein Wirken, an das wir uns zu Pessach und allen anderen Festtagen erinnern.

Götzen Auf der Suche nach Sicherheit bieten sich jedoch auch immer wieder Götzen an. Dabei müssen diese nicht einmal tatsächliche Götzenbilder sein. An die Stelle von G’tt können alle möglichen Dinge rücken, denen wir einen besonderen Platz in unserem Leben einräumen. Es geschieht schneller, als wir gemeinhin annehmen.

Selbst Religion, ja auch das Judentum, kann an die Stelle G’ttes treten. Es gibt unbestritten diejenigen, denen beispielsweise Ritus über alles geht und die sich ausschließlich mit derartigen Fragen beschäftigen – auf der anderen Seite aber Dinge vernachlässigen, die G’tt uns durch die Tora mitgeteilt hat: Den Aufbau einer Welt, in der alle das Privileg der Freiheit haben, eine Welt ohne Götzendienst, die sich an Werten orientiert.

Am Sederabend heißt es, jeder solle sich betrachten, als sei er selbst aus Ägypten hinausgezogen. Es heißt nicht, wir sollen eine möglichst vollständige wissenschaftliche Abhandlung darüber lesen. Viel über jemanden zu wissen, heißt noch nicht, dass wir eine Beziehung zu ihm haben. So ist es auch mit der Tora und dem Pfad, den G’tt vorgegeben hat. Wir können ihn studieren, aber wir können ihn auch nachvollziehen.

Theorie und Praxis gehören zusammen. Zu den Wallfahrtsfesten sollen wir drei Mal im Jahr nach Jerusalem hinaufsteigen, heißt es in den letzten Zeilen unseres Abschnitts. Wir bewegen uns also auf G’tt zu. Der Schabbat hingegen, die Braut, die wir am Freitagabend begrüßen, kommt zu uns, wir verneigen uns symbolisch vor ihr. Und am Schabbat Chol haMoed ist es so, dass wir uns praktisch aufeinander zu bewegen. Es ist also kein Zufall, dass genau dieser Toraabschnitt zu dieser Gelegenheit gelesen wird.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen und Begründer des egalitären Minjans Etz Ami im Ruhrgebiet.

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