Memoiren

Shlomo und die Blumenkinder

Aryae Coopersmith berichtet vom Einfluss des singenden Rabbis Carlebach auf sein Leben

von Yizhak Ahren  28.02.2012 10:00 Uhr

Shlomo Carlebach Foto: cc

Aryae Coopersmith berichtet vom Einfluss des singenden Rabbis Carlebach auf sein Leben

von Yizhak Ahren  28.02.2012 10:00 Uhr

Was ist aus den jungen Frauen und Männern geworden, die vor mehr als 40 Jahren in den USA eine Erneuerungsbewegung in Gang brachten, die man als jüdische Gegenkultur bezeichnet hat? Darauf gibt es keine einfache Antwort, denn die Hippies, die politischen Aktivisten und die religiösen Sucher von damals gingen nach dem Abebben der Protestbewegung nicht in die gleiche Richtung, sondern schlugen sehr verschiedene Wege ein.

Welche Mühen es bereitet, die Nachwirkungen eines einzigen Projektes dieser jüdischen Gegenkultur zu erfassen, verdeutlicht die Autobiografie des amerikanischen Publizisten und Management‐Trainers Aryae Coopersmith.

Der Autor hat mehr als zehn Jahre an dem Buch gearbeitet und berichtet von einer heftigen Opposition gegen die Veröffentlichung. Er dankt Rabbiner Zalman Schachter‐Shalomi, der ein freundliches Vorwort schrieb und trotz des Drucks der Gegner von Coopersmiths Darstellung bei seiner Empfehlung blieb.

Liedermacher Welche Erlebnisse bewegten Coopersmith, seine Lebensgeschichte zu schreiben? Im Jahre 1965 traf der Autor, Jahrgang 1943, auf Rabbiner Shlomo Carlebach (1925–1994), der zugleich ein bekannter Liedermacher und Sänger war und nur Shlomo genannt werden wollte.

Die Begegnung mit dem charismatischen Happening‐Künstler, der einer bekannten deutschen Rabbinerfamilie entstammte, veränderte das Leben von Coopersmith. Shlomo wusste, wie man junge, ihrer Religion entfremdete Juden anspricht, und sein Programm, den »großen Schabbat des Friedens« herbeizuführen, hat viele jüdische Blumenkinder tief berührt und bewegt.

Um einen Treffpunkt für die Spiritualität und Gemeinschaft suchende Jugend zu schaffen, wurde in San Francisco ein »House of Love and Prayer« (Haus der Liebe und des Gebets) aufgebaut. Coopersmith war Mitbegründer dieser Institution und schildert ihre wechselhafte Geschichte. Er beschreibt das ekstatische Singen und Tanzen und auch die Konflikte, die aufkamen.

Es kursieren zahlreiche Geschichten über Shlomo, die ihn wie einen Wunderrabbi aussehen lassen. Der Verfasser erzählt aufschlussreiche Anekdoten und lässt mehrere Frauen und Männer ausführlich zu Wort kommen, die jahrelang begeisterte Anhänger des Rabbis waren. Wir erfahren, dass Shlomos Güte und Hilfsbereitschaft keine Grenzen kannte, aber auch, dass er häufig unpünktlich war und manchmal flunkerte.

Schattenseite Der Widerstand gegen die jetzt vorliegende Veröffentlichung zeigt, dass Coopersmiths Sicht der Dinge einigen Mitstreitern nicht gefällt. Nach dem Tod des Rabbis behaupteten einige Frauen gar, Shlomo hätte sich ihnen gegenüber ganz und gar nicht wie ein Gentleman benommen.

Die Beurteilung dieser schwerwiegenden Vorwürfe führte sogar zu einer Spaltung der jüdischen Gemeinde, in der Coopersmith Mitglied war. Doch gerade, weil der Autor die Schattenseiten des Meisters nicht verschweigt, ist seine Darstellung glaubwürdig.

Oft und gern erzählte Shlomo chassidische Geschichten. Der singende Rabbiner pflegte keine religionsgesetzlichen Handlungsanweisungen zu geben, und er war in vielen Punkten erstaunlich liberal. Aber es gab Grenzen: So war er nicht bereit, Coopersmith und seine zweite Frau zu trauen, weil diese nicht zum Judentum übertreten wollte.

Shlomo wirkte auf die amerikanischen Blumenkinder wie ein Katalysator. Der Kontakt mit ihm führte bei einigen Genossen zu einer Revision ihrer Weltanschauung. Aber umgekehrt wurde auch er durch den lockeren Lebensstil der Hippies beeinflusst. Am Beispiel einiger seiner besten Freunde, die heute als Toralehrer in Israel wirken, zeigt Coopersmith, dass die Erfahrungen im House of Love and Prayer den Weg zu einem gesetzestreuen Leben ermöglicht haben.

Ein angesehener orthodoxer Rabbiner bekannte im Rahmen einer Feierstunde, Coopersmith sei in San Francisco sein erster Lehrer gewesen und habe ihm beigebracht, was es bedeutet, ein Jude zu sein. Diese Episode erzählt der Verfasser, um eine wichtige Lehre von Shlomo zu illustrieren: Eine kleine spirituelle Hilfe kann unvorhersehbare Folgen haben und sich als segensreich erweisen.

Aryae Coopersmith: »Holy Beggars. A Journey from Haight Street to Jerusalem«. One World Lights, El Granada 2011, 414 S., 14,99 €

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