Beschalach

Selbst wirksam werden

Foto: Getty Images/iStockphoto

Der Belzer Rebbe, Aharon Rokeach von Belz (1880–1957), war so bekannt als Wunderrabbi, dass er zu den von den Nazis meistgesuchten Juden Europas gehörte. Seine Gefangennahme würde als moralischer Sieg gegen das jüdische Volk und den Glauben an den gʼttlichen Schutz betrachtet werden. Bis Mai 1943 hatte der Rebbe auf wundersame Weise in Polen im Versteck überlebt, doch dann erkannte er, dass er nicht länger stillhalten konnte, es war Zeit zu handeln, wenn er überleben wollte.

In einer sorgfältig geplanten Operation wurden er und sein Bruder, getarnt als gefangene russische Generäle, von einem ungarischen Hauptmann in seinem Militärfahrzeug durch das von den Nazis besetzte Land gefahren. Er hatte vor, nach Ungarn zu fliehen, aber für Juden war es schwierig, unter den Augen der Nazis durch Polen zu reisen.

Auf der abenteuerlichen Fahrt war ihr Auto in seltsamen Nebel gehüllt. Vor ihnen war die Straße im hellen Mondlicht klar zu erkennen, doch beide Seiten und das Heck des Wagens waren in einen fast unwirklichen feuchten Nebel getaucht, der die Sicht auf sie trübte. Selbst wenn sie auf den von SS-Patrouillen überwachten Straßen fuhren, näherte sich niemand ihrem Wagen, um die verdächtigen Passagiere zu kontrollieren. Es war, als ob der seltsame Nebel, der das Fahrzeug umgab, es vor feindlicher Beobachtung schützen würde. Schweigend auf dem Rücksitz eines ungarischen Militärwagens gelang dem Belzer Rebben auf diese Weise die Flucht.

Von der wundersamsten Flucht der Geschichte

Wir lesen diese Woche von der wundersamsten Flucht der Geschichte. Die Israeliten stehen am Rande der Vernichtung und sollen von den Ägyptern, die sie verfolgt haben, zurück in die Knechtschaft gebracht werden. Vor ihnen tosen die Wellen des Schilfmeers und hinter ihnen die Ägypter – die Israeliten wissen nicht, wohin sie gehen sollen.

Sie geraten in Panik, schreien und beschweren sich bei Haschem und bei Mosche: »Gab es in Ägypten nicht genug Gräber?« Mosche beruhigt sie und sagt: »Habt keine Angst, haltet still, und ihr werdet die Rettung des Ewigen sehen, die Er euch heute erweisen wird.«

Mosche sagt die Worte: »Haschem jilochem lachem, ve’atem tacharischun« – »Haschem wird für euch kämpfen, und ihr werdet schweigen« (2. Buch Mose 14,14). Die chassidische Tradition übersetzt diesen Vers nicht wörtlich, sondern deutet ihn als: »Haschem wird euch Brot bringen, aber ihr müsst zuerst pflügen.« Wie kann es sein, dass Mosche die Hebräer mitten in ihrer Not aufruft zu »pflügen«?

Obwohl es keinesfalls ein hilfreicher Vorschlag zu sein scheint, zu diesem Zeitpunkt zu pflügen, können wir, wenn wir Haschems Reaktion auf die Panik der Israeliten sehen, Einblick in diese Interpretation gewinnen: zu pflügen. Haschem sagt zu Mosche: »Warum schreist du zu mir?« Sprich mit den Kindern Israels und geh ins Schilfmeer.

»Dies ist nicht die Zeit für ein Gebet, es ist Zeit zu handeln!«

Der berühmte mittelalterliche Kommentator Raschi (1040–1105) meint, Haschem übe an dieser Stelle Kritik an Mosche, indem er sagt: »Dies ist nicht die Zeit für ein langes Gebet, dies ist nicht die Zeit für ein Gebet, wenn die Israeliten in solchen Schwierigkeiten stecken, es ist Zeit zu handeln!«

Haschem wartete darauf, dass die Kinder Israels handeln würden. Sie mussten in die tosenden Wasser, ins wilde Meer gehen, sie mussten bereit sein, ihr Leben für die Freiheit aufs Spiel zu setzen.

Erst als Haschem sah, dass sie ins Schilfmeer stiegen, also das Risiko eingingen zu ertrinken, um frei zu sein, war Er bereit, sie zu befreien und ein Wunder zu vollbringen. Ein Wunder, das sicherstellte, dass sie nicht wieder als Sklaven nach Ägypten zurückgebracht würden.

Die wichtigste theologische Lektion der jüdischen Geschichte

Daraus lässt sich die vielleicht wichtigste theologische Lektion der jüdischen Geschichte lernen: Wir haben nur dann das Recht, uns auf Haschem zu verlassen, wenn wir alles tun, was wir können, auch wenn wir dabei unser Leben riskieren. Das haben die Chassidim verstanden und deshalb Mosches Antwort an die klagenden Hebräer auf neuartige Weise interpretiert: »Haschem jilochem lachem« – »Der Ewige wird euch Brot geben, aber ihr müsst zuerst pflügen«.

Wenn ihr den Nutzen ernten wollt, müsst ihr zuerst pflügen, handeln, die Meere umpflügen und zeigen, wie wichtig euch die Freiheit ist. Ihr müsst alles tun, was ihr könnt, auch euer Leben riskieren, dann wird es gelingen, und ihr erhaltet die Belohnung für die Anstrengung.

Abraham Ibn Ezra (1089–1164) schreibt zu diesem Vers, dass Haschem zu Mosche sagt: »Verlasst euch nicht auf mich!« Eines der einzigartigen Merkmale des Judentums ist, dass der Mensch frei ist und die Erlösung letztlich von der Initiative des Menschen abhängt. Als die Kinder Israels erkannten, dass sie handeln müssen, bevor Haschem handeln würde, sprangen sie ins Wasser. Als sie dies taten, überlebten sie nicht nur, sondern sie setzten sich durch.

Verzweifelte Lage des Wunderrabbis

Im Jahr 1943 befand sich der Belzer Rebbe in einer verzweifelten Lage. Der Wunderrabbi war für seine langen Gebete bekannt, er verbrachte jeden Tag viele Stunden damit. Doch erkannte er, dass er in diesem Fall zuerst selbst etwas tun musste, damit ein Wunder geschehen kann.

Als der Rebbe durch Polen fuhr, waren die deutschen Kontrollposten wegen des strömenden Regens nicht besetzt, sodass das ungarische Militärfahrzeug ungehindert passieren konnte. Weil der Belzer Rebbe aktiv wurde, ja sogar sein Leben aufs Spiel setzte, wurde er mit der Freiheit belohnt und schaffte es schließlich bis ins Heilige Land.

Die Botschaft ist: Haschem wird uns Erfolg bringen, aber zuerst müssen wir uns selbst anstrengen und handeln, denn nur dann werden wir echte und dauerhafte Ergebnisse sehen, und nur dann werden wir Wunder erleben.

Wir sind für unsere Erlösung selbst verantwortlich. Erst wenn wir anfangen, das zu verstehen, entsprechend handeln und daran glauben, dann wird die Erlösung endlich kommen.

Der Autor ist Rabbiner in London.

inhalt
Der Wochenabschnitt Paraschat Beschalach erzählt, wie die Kinder Israels auf der Flucht vor dem Pharao und seinen Truppen trockenen Fußes das Schilfmeer durchquerten. Es öffnete sich vor ihnen und schloss sich hinter ihnen wieder, sodass die Männer des Pharaos in den Fluten ertranken. Danach beginnt der eigentliche Weg Israels durch die Wüste. Es wird berichtet, wie der Ewige die Menschen mit Manna und Wachteln versorgt und sie auffordert, Speise für den Schabbat beiseite zu legen. Dennoch fehlt es an Wasser, und die Kinder Israels beschweren sich bei Mosche. Der lässt daraufhin Wasser aus einem Felsen hervorquellen.
2. Buch Mose 13,17 – 17,16

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026

Tagung

Europäische Rabbiner diskutieren interreligiösen Dialog in Jerusalem

Wie viel Religion braucht der Frieden? Diese Frage stand im Zentrum einer Podiumsveranstaltung der Europäischen Rabbinerkonferenz bei deren Tagung in Jerusalem

 28.01.2026

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026