Frühjahr

Segen für die Bäume

Wir danken G’tt für die Schönheit der Natur. Foto: Thinkstock

Frühling heißt auf Hebräisch Aviv, was seinen Ursprung in dem Wort Reife hat. Der Frühling ist eine Saison der Erneuerung und der Blüte. Blumen entfalten ihre Schönheit, angenehmes Wetter erfreut uns, die Tage werden länger, viele Tiere erwachen aus ihren Winterschlaf. Vogelgezwitscher, Nektar sammelnde Bienen und das Vorbereiten auf die kommende Generation erfüllen die Tierwelt.

Eine spezielle zeitlich gebundene Halacha für das Erblühen der Bäume noch vor Pessach finden wir im Schulchan Aruch, Orach Chajim 226, 1: »Wer in den Tagen des Nissan nach draußen geht und Bäume sieht, die Blüten herausbringen, sagt: ›Gelobt seist Du, Ewiger, unser G’tt, der es hat an nichts fehlen lassen in Seiner Welt und der gute Kreationen und gute Bäume schuf, von denen die Menschheit genießen kann.‹«

Der »Herausgehende« steht für den Ruf an die Menschen, uns in die Natur zu begeben, die Häuser des Winters, der Dunkelheit, der Kälte zu verlassen und uns am Erwachen der Natur zu erfreuen. Bei genauer Betrachtung sehen wir, dass der Segensspruch nicht auf den kommenden Ertrag der Bäume ausgerichtet ist, sondern allein auf die Tatsache, dass die Bäume blühen.

Schönheit Es handelt sich hier nicht um eine Danksagung für Früchte, die die physische Existenz des Menschen gewährleisten. Vielmehr segnet der Mensch die von G’tt erschaffene Schönheit und Ästhetik. Unser Dank an G’tt gilt der Schönheit der Natur, mit der er uns beschenkt hat. Der Nutzen, den der Mensch daraus zieht, ist ein seelischer.

»Geh heraus«, auf Hebräisch »tzeh«, ist nicht nur ein Aufruf zur örtlichen Veränderung, sondern auch zum mentalen Wandel. Im 1. Buch Mose 8,16 steht geschrieben: »Da sprach G’tt zu Noach: Geh aus der Arche, du, deine Frau und deine Söhne!« Noach wird also aufgefordert, mit seiner gesamten Familie aus der bestehenden Situation auszubrechen und zu versuchen, die Welt mit guten Taten und Energien zu erfüllen, sie zu bebauen – und sich zu vermehren.

Im 5. Buch Mose 20,19 lesen wir: »weil der Mensch dem Baum des Feldes gleicht«. So wie sich der Baum im Frühling für die kommende Zeit erneuert, sich seine Wurzelspannweite vergrößert und seine Äste, Zweige und Blätter wachsen, so steht auch der Mensch gerade in dieser Periode vor einem Neuanfang. Beide, Baum und Mensch, beginnen eine neue Epoche.

Nachweislich fand der Auszug aus Ägypten im Frühling statt. Da sich der jüdische Kalender nach dem Mond richtet, würde sich das Pessachfest ohne kalendarisches Korrektiv von Jahr zu Jahr verschieben und irgendwann nicht mehr in die Frühlingszeit fallen.

Auszug Wir sind jedoch verpflichtet, das Fest im Frühling zu begehen. Daher müssen wir jedes vierte Jahr einen Schaltmonat einfügen, Adar Bet genannt, damit Pessach immer wieder im Frühlingsmonat gefeiert wird. So wie für die Natur im Frühling eine neue Ära beginnt, so ist das Ereignis des Auszugs aus Ägypten in jedem Jahr ein Neubeginn.

Gerade in der Jahreszeit, in der sich die beiden Elemente treffen, das Erwachen der Natur und das religiöse Erwachen, der Beginn einer neuen Epoche, der Beginn der Freiheit und der Glaube an G’tt, geben uns auch beide Kraft für das neue Jahr – so wie auch die Bäume auftanken. Das Judentum steht im Einklang mit der Natur: Das Erwachen der Natur soll uns an die Existenz des Ewigen erinnern, unseren Glauben an ihn festigen und vertiefen. Das Religiöse wiederum soll uns die Natur nahebringen – in dem Sinn wie schon erwähnt: »Geh hinaus, hinaus in die Natur!«

Der Frühling ist eine Zeit der Ausflüge. Sie lassen uns das Ausmaß unserer Umwelt, die Kräfte der Natur wahrnehmen und betrachten. So können wir G’ttes Größe sehen und fühlen und Dankbarkeit empfinden für das, was für uns geschaffen wurde. Also: Geht hinaus und entdeckt die Schönheit und Kraft des Frühlings!

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

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