Giur

»Respektvoll nacharbeiten«

Gesa Ederberg Foto: Uwe Steinert

Frau Rabbinerin, Zehntausende »Vaterjuden« ohne jüdische Mutter werden in deutschen Gemeinden nicht als Juden anerkannt. Masorti Deutschland hat mit dem Zentralrat und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz das Pilotprojekt »Machon le‐Giur« ins Leben gerufen. Was ist das?
Wir wollen Menschen, die sich selbst als jüdisch verstehen und teilweise in ihrer Heimat auch als Juden diskriminiert worden sind, den formellen Eintritt ins Judentum ermöglichen. Wir arbeiten vor allem mit kleinen Gemeinden zusammen, in denen es keinen eigenen Rabbiner gibt. Die Teilnehmer kommen für fünf Seminare nach Berlin. Ende August findet das Abschlussseminar mit dem Beit Din, dem formellen Übertritt, statt.

Wie viele Menschen nehmen teil?

Beim ersten Seminar Ende November waren elf Menschen dabei, für Anfang Januar erwarten wir einige mehr. Wir planen bereits einen Fortsetzungskurs.

Welche Menschen kommen zu Ihnen?

Es sind alles Zuwanderer – die Seminare finden mit Rabbiner Alexander Lyskovoy auf Russisch statt. Damit ist es für die Teilnehmer leichter, über persönliche Dinge wie ihre jüdische Identität zu sprechen. Wir haben alle Altersgruppen, auch Eltern mit Kindern, die ebenfalls übertreten wollen. Manchmal sind es Leute in »zweiter Generation« – zum Beispiel Leute, deren Vater jüdisch ist, deren Mutter einen jüdischen Vater hatte und die in einem ganz jüdischen Kontext leben. Halachisch fehlt diesen Menschen also noch etwas – und das wollen wir in einer respektvollen Weise nacharbeiten.

Fühlen sich diese Menschen von jüdischen Gemeinden ausgegrenzt?
Dazu kann ich noch nichts sagen, in diesem ersten Kurs haben wir uns an jüdische Gemeinden gewandt, die uns Kandidaten empfohlen haben – und uns bestätigen, dass sie die Kandidaten nach dem Beit Din als Mitglieder aufnehmen. Sie sind also familiär zugehörig und eingebunden. Wir nehmen auch nur Giur‐Kandidaten auf, wenn die Gemeinden uns bestätigen, dass sie nach dem Übertritt Mitglieder werden können. Diejenigen, die sich ausgegrenzt fühlen und den Kontakt zu den Gemeinden abgebrochen haben, haben wir noch nicht erreicht. Das wäre dann der nächste Schritt. An einem deutschsprachigen Angebot arbeiten wir gerade.

Auch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz hat unlängst versucht, auf patrilineare Juden zuzugehen. Warum wurde diese Zielgruppe nicht zu Beginn der großen Zuwanderung in den 90er‐Jahren angesprochen?
Ja, man hätte diese Menschen vor 20 Jahren erreichen sollen. Es hat damals einfach niemand gemacht.

Ist den Teilnehmern des Kurses bewusst, dass das orthodoxe israelische Oberrabbinat ihren Übertritt nicht anerkennt?
Ja, das haben wir deutlich gemacht. Aber aus unterschiedlichen Gründen kommt für sie ein orthodoxer Giur nicht infrage.

Mit der Berliner Gemeinderabbinerin sprach Ayala Goldmann.

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