Talmudisches

Rabbi Elasar und der hässliche Mensch

Inbegriff des Bösen und Hässlichen: Lord Voldemort in den »Harry Potter«-Spielfilmen Foto: dpa

Rabbi Elasar, der Sohn von Rabbi Schimon, kam aus Migdal Gdor vom Haus seines Rabbiners. Er ritt auf einem Esel am Flussufer entlang, war voller Freude und sehr stolz auf sich, denn er hatte viel Tora gelernt.

Unterwegs begegnete er einem Menschen, der hässlich war. Dieser Mensch rief Elasar zu: »Schalom, Friede sei mit dir, Rabbi!« Der Rabbi antwortete ihm nicht, sondern sagte zu ihm: »Wie hässlich dieser Mensch ist! Ob an deinem Ort alle so hässlich sind wie du?«

Der Mensch sagte: »Ich weiß nicht. Geh, sag dem Künstler, der mich erschaffen hat: ›Wie hässlich ist das Gefäß, das Du erschaffen hast.‹«

Esel Da verstand Rabbi Elasar, dass er gesündigt hatte. Er stieg vom Esel, beugte sich vor dem Menschen nieder und sagte: »Ich habe zu viel gegen dich gesagt, bitte verzeih mir.« – »Ich verzeihe dir nicht, bis du dem Künstler, der mich erschaffen hat, nicht gesagt hast: ›Wie hässlich ist doch dieses Gefäß, das Du erschaffen hast.‹«

Der Rabbi ging hinter dem Menschen her, bis er zu dessen Stadt kam. Die Einwohner kamen ihm entgegen und grüßten: »Schalom, Rabbi, mein Lehrer, mein Lehrer!«

Da fragte der hässliche Mensch: »Wen nennt ihr Rabbi?« Sie antworteten: »Den, der hinter dir läuft.« – »Wenn ihr ihn Rabbi nennt, dann sollen sich solche in Israel nicht vermehren.« – »Warum nicht?« – »So und so hat er mir angetan.« – »Trotzdem, verzeih ihm, denn er ist ein großer Gelehrter der Tora.« – »Für euch verzeihe ich ihm, allerdings soll er nicht gewohnt sein, so etwas zu tun.«

Rabbi Elasar ging sofort in ein Lehrhaus und lehrte: Ein Mensch soll immer weich wie Schilf sein und nicht hart wie eine Zeder. Deswegen wurde das Schilf belohnt: Man macht aus ihm eine Schreibfeder, mit der man Tora, Tefillin und Mesusot schreibt (Taanit 20).

Jede talmudische Erzählung verbirgt einen tieferen Sinn in sich. Es treten Fragen auf, die helfen, die Geschichten besser zu verstehen.

Gesicht Die Mischa sagt: »Wenn du viel Tora gelernt hast, halte dir das nicht zugute« (Sprüche der Väter 2,8). Eben noch hat Rabbi Elasar viel Tora gelernt, und jetzt ist er stolz auf sich. Der Mensch war hässlich – in welcher Hinsicht, wird nicht erwähnt. Aber es ihm ins Gesicht zu sagen? Die Bewohner bitten ihn, er solle ihm trotzdem verzeihen.

Den ganzen Weg lang hatte der Rabbi den hässlichen Menschen um Verzeihung gebeten. Wieso verzieh der ihm nicht? Ging es ihm darum, dass der Rabbi solche Taten nicht zur Gewohnheit werden lassen oder dass er so etwas nie wieder tun soll?

Im Talmud geht es in den Passagen zuvor um Flüche und Segensworte gegenüber dem jüdischen Volk. Der Fluch von Achiha Haschiloni gegen das jüdische Volk ist besser als der Segen von Bileam. Achiha hat das jüdische Volk verflucht, es solle wie Schilf sein (1. Könige 14,15), der Wind kommt und bläst den Halm um. Bileam hat das jüdische Volk gesegnet; sie sollen wie Zedern sein, die nicht an Gewässern wachsen müssen und mit wenig Wurzeln auskommen.

Die Weisen lehrten daraufhin: »Ein Mensch soll immer weich wie ein Schilfhalm sein und nicht hart wie eine Zeder.« Wenn Wind auf einen zukommt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man bleibt stehen und kämpft dagegen, oder man beugt sich. Ist es danach wieder windstill, richtet man sich auf.

Vorfall Rabbi Elasar hatte anfangs eine kämpferische Haltung, später wurde ihm bewusst, dass er falsch gehandelt hatte und glich bis zum Ende der Erzählung in seiner Haltung einem Schilfhalm im Wind. Als der hässliche Mensch den Stadtbewohnern den Vorfall schilderte, wurde Rabbi Elasar gedemütigt, doch hatte er aus seinem Fehler gelernt und verteidigte sich nicht.

Natürlich soll der Rabbi anderen gegenüber nicht so reden. Aber es geht hier vor allem um den Stolz, den er nicht zu seiner Charaktereigenschaft werden lassen soll, denn er führt zu unüberlegtem Handeln.

Der Segen, wie eine Zeder zu sein, ist in der falschen Anwendung ein Fluch, aus dem Schlimmes erwachsen kann. Andererseits kann ein Fluch in einer anderen Situation ein großer Segen sein: nämlich wenn man weiß, wann es Zeit ist, sich zu beugen.

Feiertag

Mut zur Ungewissheit

Das Laubhüttenfest zeigt: Nichts ist selbstverständlich – weder Wohlstand noch Freiheit

von Rabbiner Jonathan Sacks  11.10.2019

Laubhüttenfest

Wer jetzt kein Haus hat ...

Gedanken eines Rabbiners über steigende Miet- und Immobilienpreise in deutschen Städten

von Rabbiner Boris Ronis  11.10.2019

Sukkot

»Alle werden ein Bund sein«

Was die Arba Minim des Feststraußes mit dem Volk Israel gemeinsam haben

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  11.10.2019

Ha'asinu

Kurz vorm Ende noch ein Lied

Warum die letzte Bestimmung Gottes an sein Volk gesungen werden soll

von Rabbinerin Elisa Klapheck  10.10.2019

Aw-Melachot

»Der Schabbat ist eine Insel«

Rabbiner Avraham Radbil über die 39 Arbeiten, die am Schabbat verboten sind

von Ayala Goldmann  06.10.2019

Kol Nidre

Aufgelöste Schwüre

Um das bekannteste Gebet am Abend von Jom Kippur gab es jahrhundertelange Kontroversen

von Yizhak Ahren  06.10.2019