Talmudisches

Rabba bar bar Chana und der Riesenfisch

Ein Fisch war so groß, dass das Schiff von Rabba drei Tage und drei Nächte von einer Flosse des Fisches bis zur anderen segelte. Foto: Thinkstock

Unglaubliche, ja fantastische Geschichten überliefert uns der Talmud (Bawa Batra 73) von Rabba bar bar Chana. Er reiste durch die Wüste und das Meer und erlebte dabei Märchenhaftes. »Bar bar« ist übrigens kein Schreibfehler, sondern hat mit seinem Vater zu tun, der seinerseits »Abba bar Chana« hieß.

Eine Geschichte kennen Leser, die dem Talmud das erste Mal begegnen, vielleicht aus dem Buch Tausendundeine Nacht von Sindbad dem Seefahrer. Der Talmud gibt die Geschichte nahezu genauso wieder.

Rabba bar bar Chana erzählt: »Ich sah einen Fisch. Sein Rücken war so groß, dass Sand auf ihm lag. Es war ein schöner Strand, und dahinter eine schöne Wiese. Wir haben natürlich nicht gewusst, dass es ein Fisch war, und stiegen aus. Wir dachten, es sei eine Insel. Dann machten wir ein schönes Lagerfeuer und kochten uns etwas zu essen. Irgendwann wurde es aber für den Fisch zu heiß auf dem Rücken, und er drehte sich um. Wenn unser Schiff nicht direkt bei uns gewesen wäre, dann wären wir wahrscheinlich ertrunken.«

Sprachbild Für viele spätere Kommentatoren, wie etwa den Maharscha, Rabbiner Schmuel Eideles (1555–1631) aus Krakau, war es offensichtlich, dass Rabba hier nur ein sprachliches Bild verwendet, um etwas anderes zu erzählen.

Denn es könnte das jüdische Volk im Exil gemeint sein. Man kommt an einem bestimmten Ort an, hält ihn für »sicher«, richtet sich ein, und dann »wirft« einen der Ort ab. Die einzige Rettung ist das »Schiff« in der Nähe.

Damit ist das Judentum gemeint mit seinen Mizwot, mit denen das jüdische Volk außerhalb des eigenen Landes unterwegs ist. Auch die übrigen Geschichten seien so zu verstehen. Für andere Kommentatoren waren Rabba bar bar Chanas Geschichten so unglaublich, dass sie stattdessen meinten, hier müsse es sich um traumhafte Begegnungen auf ihrer Reise handeln. Dieser Meinung war etwa der Ritwa, Rabbiner Jom Tow aus Sevilla (um 1250–1330). Wann immer es im Talmud heiße: »Ich selbst sah«, sei damit ein Ereignis im Traum gemeint.

Dimensionen Ein anderer Fisch war so groß, dass das Schiff von Rabba drei Tage und drei Nächte von einer Flosse des Fisches bis zur anderen segelte. Und das, obwohl der Fisch aufwärts schwamm und das Schiff abwärts – das Schiff also der Flosse entgegenfuhr. Dabei sei das Schiff derart schnell gewesen, dass es einen abgeschossenen Pfeil überholt hätte! Etwas später erzählt Rabbi Papa ben Schmuel die Geschichte eines Fisches, der von einem Parasiten getötet wurde. Aber die Dimensionen des Fisches waren riesig.

»Ich sah einen Fisch, der war unglaublich riesig. Er wurde ans Ufer gespült, und er war so groß, dass er 60 Städte zerstörte. 60 Städte haben dann von ihm gegessen, und 60 Städte haben aus ihm Vorräte gemacht. Nach zwölf Monaten kamen wir wieder in die zerstörten Städte, und die Menschen dort hatten sich aus den Gräten des großen Fischs neue Häuser gebaut.«

Aber nicht nur Fischen begegneten Rabba und Papa. Sie begegneten auch einem Vogel, der im Meer stand: »Seine Knöchel im Wasser, und der Kopf ging bis in den Himmel.«

Also glaubten die Seeleute, sie befänden sich in seichtem Gewässer und wollten aussteigen. Aber eine Stimme aus dem Himmel hinderte sie daran: »Verlasst das Schiff nicht! Einem Zimmermann fiel hier seine Axt ins Wasser – vor sieben Jahren, und sie hat noch immer nicht den Grund erreicht.«

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026