Slichot

Pforten der Tränen

Frauen beten Slichot an der Kotel in Jerusalem. Foto: Flash 90

Vom Beginn des Monats Elul bis Jom Kippur, dem Versöhnungstag, widmen wir uns zunehmend dem Gedanken der Teschuwa – der Umkehr und Rückkehr zu G’tt. Sowohl aschkenasische als auch sefardische Juden stimmen sich darauf in ihrem Ritus ein, allerdings auf unterschiedliche Art und Weise.

Sefarden beginnen unmittelbar nach Rosch Chodesch Elul mit den Gebeten um Vergebung, den Slichot, begleitet vom Blasen des Schofars, des traditionellen Horns. Aschkenasen dagegen rezitieren täglich zweimal, morgens und abends, den Psalm 27 (»Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?«) und blasen dazu morgens das Schofar.

Somit »steigert« man die Gebete ähnlich wie Mosche Rabbeinu, der 40 Tage lang von Rosch Chodesch Elul bis Jom Kippur, dem Versöhnungstag, im Gebet vor dem Ewigen verharrte – bis der Ewige das Vergehen des Volkes verziehen und neue Bundestafeln übergeben hatte. Da auch wir in diesen Tagen um Vergebung bitten, ahmen wir Mosche nach, genau wie die Weisen es uns überliefert haben.

So ist es alter Brauch in sefardischen Gemeinden, 40 Tage lang Slichot zu beten, wobei an Rosch Chodesch selbst und auch am Schabbat keine Bußgebete rezitiert werden. In den aschkenasischen Gemeinden dagegen beginnt man mit den Slichot immer am Sonntag vor Rosch Haschana. Falls aber Rosch Haschana auf einen Montag oder Dienstag fällt, so wie in diesem Jahr, werden die Slichot schon eine Woche früher – auch ab Sonntag – gesagt. Dies wird so gehandhabt, um vor Rosch Haschana mindestens vier Mal Slichot beten zu können.

»Vier‐Tage‐Regel« Zwei Gründe führen unsere Weisen an, um diese »Vier‐Tage‐Regel« zu erklären. Früher war es üblich, in den »zehn Tagen der Umkehr« zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur zu fasten. Doch dabei fehlen immer vier Fastentage, denn an den beiden Tagen von Rosch Haschana darf nicht gefastet werden. Und dann gibt es noch den Schabbat zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur – Schabbat Schuwa –, an dem ebenfalls gegessen werden muss.

Am Vortag von Jom Kippur wiederum verpflichtet uns ein Gebot der Tora zum Essen, um Kraft zu haben, an Jom Kippur selbst zu fasten (Raschi zum Traktat Joma 81b). So wurden die »fehlenden« vier Tage vor Rosch Haschana gelegt, damit insgesamt an zehn Tagen gefastet werden kann.

Um eine gewisse Vereinheitlichung für alle aschkenasischen Gemeinden zu schaffen, wurde der Sonntag als Beginn der Slichot bestimmt, was sich auch im ersten Pismon – der Lieddichtung – der Slichot widerspiegelt. Dieser beginnt mit den Worten »Mit dem Ausgang des Ruhetags (Schabbat) treten wir vor Dich zuerst«.

Opfertiere Als weiteren Grund führen die Weisen die Vier‐Tage‐Regel bei den Opfertieren an. Als vor fast 2000 Jahren in Jerusalem der Tempel stand und dort tägliche Opfer dargebracht wurden, wurde jedes Tier vier Tage vor seiner Opferung auf mögliche Fehler untersucht, weil nur fehlerlose Tiere geopfert werden durften.

Interessant zu erwähnen ist auch die Tatsache, dass die Tora bei allen Opfern im Abschnitt Pinchas die Worte »Ganzopfer darbringen« verwendet. Nur bei Rosch Haschana steht wörtlich »Ganzopfer machen« (4. Buch Mose 29,2). Daraus leiten unsere Weisen ab, dass jeder Einzelne sich an Rosch Haschana so betrachten sollte, als würde er sich selbst dem Ewigen darbringen. Deshalb wurde diese Vier‐Tage‐Regel eingeführt, damit jeder sich selbst vor Rosch Haschana – dem Tag des Gerichts – auf Fehler untersucht und Teschuwa macht.

Ein weiterer Unterschied zwischen dem sefardischen und dem aschkenasischen Ritus besteht in der Formulierung der Slichot. Bei den sefardischen Juden werden täglich die gleichen Slichot gesagt, wobei fast alle Gebete gesungen werden, und nur zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur kommen stellenweise zusätzliche Gebete hinzu. Nach dem aschkenasischen Ritus gibt es für jeden Wochentag besondere Slichot, hinzu kommen noch Slichot eigens für jeden Tag der zehn Bußtage. Innerhalb des aschkenasischen Ritus gibt es auch verschiedene Varianten von Slichot. Die drei am weitesten verbreiteten Riten sind der litauische, der polnische und der deutsche Ritus. Zu bemerken ist, dass im Grunde alle Riten die gleichen Slichot enthalten, nur die Reihenfolge ist anders.

Die Gebete um Vergebung werden von allen Juden allgemein Slichot genannt. Dazu schrieb der bedeutende Kabbalist Rabbiner Alexander Süsskind aus Horanda (heutiges Grodno in Weißrussland) im 18. Jahrhundert, dass in den Slichot nicht nur um Vergebung gebeten wird, sondern auch um Barmherzigkeit des Ewigen uns gegenüber.

Reue Dabei darf nicht aus den Augen verloren werden, dass der Mensch, noch bevor er um Vergebung betet, seine Vergehen bereuen und sich fest vornehmen muss, sich zu bessern. Erst dann kann auch um Vergebung gebetet werden. Mit anderen Worten lenkt Rabbiner Süsskind unser Augenmerk darauf, dass es bei den Slichot keineswegs nur um eine Entschuldigung geht, sondern auch um Reue, Barmherzigkeit und Vergebung.

Da Slichot auch von Vergebung handeln, müssen diese Gebete zur entsprechenden Tageszeit gelesen werden. Denn nach dem kabbalistischen Verständnis ist die Zeit ab der halachischen Mitternacht bis zur Morgendämmerung die wohlwollende Zeit vor dem Ewigen (Sohar, Teil 2, 173a). Daher eignet sich gerade diese Tageszeit für Slichot.

Doch nicht immer ist es möglich, so früh aufzustehen, aber auch nicht in jeder Stadt wird so früh ein Minjan – Quorum aus zehn Erwachsenen – organisiert. Daher trifft man sich in den Synagogen früher als üblich, um noch vor dem Morgengebet Slichot sagen zu können.

Auch unser heutiges Verhalten deutet darauf hin, dass früher ausschließlich vor der Morgendämmerung Slichot gesagt wurden. Denn noch heute, wenn die Betenden Slichot sagen, wird kein Tallit getragen, und es werden auch keine Tefillin gelegt – ganz einfach aus dem Grund, weil diese Gebote erst dann erfüllt werden können, wenn es draußen hell wird.

Und obwohl es schon hell ist, wenn wir heute Slichot sagen, beten wir die Slichot ganz wie damals – ohne Tallit und Tefillin. Nur der Vorbeter spricht die Slichot, in seinen Tallit gehüllt – das erfordert sein Status als »Schaliach Zibbur«, als Gesandter aus der Mitte der Betenden.

Minjan Slichot werden im Minjan gesagt, denn immer dann, wenn der Name des Ewigen geheiligt wird, bedarf es des Quorums von zehn Männern. So verfahren wir auch beim Kaddisch. Außer dem Kaddisch bilden die 13 Eigenschaften der Barmherzigkeit des Ewigen einen integralen Teil der Slichot. Diese werden zwischen einzelnen Slichot gesagt und bedürfen wie das Kaddisch eines Quorums.

Diejenigen, die Slichot nicht im Minjan beten, dürfen somit neben dem Kaddisch auch die 13 Eigenschaften der Barmherzigkeit nicht aufsagen. Außerdem soll der allein Betende die Gebete, die in Aramäisch verfasst sind, wie »Mache umasse« (»G’tt, Du schlägst und heilst«) oder »Maran Diwischmaja« (»Unser Herr im Himmel«), nicht aufsagen (Traktat Schabbat 12b).

»Pismon« ist die letzte Slicha und wird abwechselnd vom Kantor und der Gemeinde im Refrainstil gesungen. Auch hier erhebt der Kantor seine weinende Stimme, denn nach Rabbi Eleazar (Traktat Brachot 32b) sind die Pforten der Tränen nicht verschlossen, auch dann nicht, wenn die Tore des Gebetes verschlossen sind.

Außerdem bringt die weinende Stimme wie auch das Schofar die Herzen der Betenden zur Erschütterung und somit auch zur Teschuwa. Nach dem Pismon werden die »Sichronot« aufgesagt. Dabei bitten wir darum, dass der Ewige der Verdienste unserer Vorfahren gedenken und sie uns anrechnen soll. Auf die Sichronot folgt »Schma Kolejnu« (»Erhöre unsere Stimme«). Dabei wird der Aron Hakodesch – der Toraschrein – geöffnet.

sündenbekenntnis Nachdem der Toraschrein wieder geschlossen ist, gehen die Betenden zum Widuj – dem Sündenbekenntnis – über. Und obwohl wichtige Bücher aus dem 12. Jahrhundert (Harokeach) und dem 16. Jahrhundert (Halewusch) überliefern, dass das Widuj dreimal gesagt wurde, hat sich doch generell ein Brauch nach dem Wilnaer Gaon aus dem 18. Jahrhundert etabliert, das Widuj nur einmal zu sagen, denn es gehört sich nicht, auch eigene Vergehen mehrmals zu wiederholen.

Nach dem Widuj werden vier Knechte des Ewigen und deren Beziehung zu G’tt erwähnt, beginnend mit König David. Darauf folgen Micha, Daniel und zum Schluss Esra. Vor dem abschließenden ganzen Kaddisch wird noch Tachanun – Bitte um Erbarmen – sitzend gesagt. Sonst ist es üblich, während der gesamten Slichot zu stehen.

Wem dies schwerfällt, der darf sich setzen, soll aber nach Möglichkeit während Schma Kolejnu, Widuj und den 13 Eigenschaften der Barmherzigkeit des Ewigen stehen.
Ziemlich ähnlich werden auch Slichot nach dem sefardischen Ritus beendet. Nur das Kaddisch enthält einen ganz besonderen Vers. Dabei wird der Segen von Mosche aus dem 5. Buch Mose 1,11 wiederholt: »Er, der Gott eurer Väter, füge zu euch tausendfach so viel, wie euer sind, Er segne euch, wie Er geredet hat für euch.«

Mit einem solchen Kaddisch beenden die Betenden die Slichot. Ihnen ist dabei klargeworden, dass das, was der Ewige seinem Volk gesagt hat, bedeutet: Trotz unserer Vergehen hat Er Gefallen an Seinem Volk.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß‐Dortmund und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

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