Zehn Plagen

Nur Einer ist allmächtig

Zehn Plagen: Blut, Frösche, Mücken, Stechfliegen, Viehpest, Blattern, Hagel, Heuschrecken, Finsternis und der Tod aller Erstgeborenen Foto: Thinkstock

In der Pessach-Haggada werden die zehn Plagen aufgezählt, die Gott über die Ägypter brachte. Dann heißt es: »Rabbi Jehuda gab dafür Zeichen: DaZaCh, ADaSch, BAChaW«. Was ist der Sinn dieser drei Zeichen, die man gar nicht übersetzen kann? Die gewöhnliche Erklärung lautet, dass es sich um eine Gedächtnishilfe handelt, damit man sich die richtige Reihenfolge leicht merken kann: Die zehn hebräischen Buchstaben der Zeichen stehen für die hebräischen Namen der zehn Plagen.

Nach Ansicht von Don Yizhak Abravanel (1437–1508) sind die Zeichen mehr als nur eine Eselsbrücke. Rabbi Jehuda lehrte, wie die Plagen einzuteilen sind, nämlich in drei Gruppen. Die ersten drei Plagen (DaZaCh) sollten Gottes Existenz demonstrieren, die Pharao leugnete. Die nächsten Plagen (ADaSch) sollten die göttliche Vorsehung beweisen und die letzten Plagen (BAChaW) dem ungläubigen Pharao Gottes Allmacht vor Augen führen. Ausdrücklich sagt die Tora, dass die Plagen nicht nur den ägyptischen Herrscher, sondern auch Menschen späterer Zeiten zum Erkennen Gottes erziehen sollen (Schemot, 2. Buch Mose 10,2).

hagel Die Darstellung der zehn Plagen, die in unserer Parascha beginnt, erstreckt sich über insgesamt 124 Verse. Die Beschreibung der siebenten Plage, des Hagels, nimmt mit 23 Versen den größten Raum ein (9, 13–35). Einige Punkte dieses langen Abschnitts verdienen eine sorgfältige Betrachtung.

Bemerkenswert ist, dass die Ägypter vor den Folgen des angekündigten Hagels gewarnt wurden: »Trittst du noch mein Volk nieder, dass du sie nicht entlässest: Siehe, so lasse ich regnen um diese Zeit morgen einen sehr schweren Hagel, desgleichen nicht gewesen in Mizrajim, von dem Tage seiner Gründung bis jetzt. Und nun schicke hin, bringe unter Obdach deine Herde und alles, was du auf dem Feld hast; alle Menschen und Tiere, die auf dem Feld sind und nicht ins Haus gebracht worden, auf die fällt der Hagel, und sie sterben« (Verse 17–19).

Die Tora berichtet, was nach dieser Warnung geschah: »Wer von den Knechten Pharaos das Wort des Ewigen fürchtete, flüchtete seine Knechte und seine Herde in die Häuser. Wer sich das Wort des Ewigen aber nicht zu Herzen nahm, ließ seine Knechte und seine Herde auf dem Feld« (Verse 20–21).

Rabbiner Joseph Hurwitz (1847–1919) aus Novogrudok, einer der großen Mussar-Lehrer, wirft die Frage auf, warum nur diejenigen, die das Wort des Ewigen fürchteten, ihre Herden in die Häuser trieben. Nach der Erfahrung mit den ersten sechs Plagen hätte doch jeder vernünftige Mensch die Warnung ernst nehmen müssen.

Rabbiner Hurwitz antwortet auf seine Frage: Die Schrift will uns am Beispiel des Hagels zeigen, dass Menschen nicht immer rational handeln. Wenn irgendwelche Interessen ins Spiel kommen, wird unser Urteil getrübt; wir rationalisieren und treffen Entscheidungen, die unvernünftig sind. Wer das Wort Gottes fürchtet, befindet sich in einer anderen Position; er folgt dem göttlichen Ratschlag in jedem Fall.

Die Tora stellt ausdrücklich fest, dass die Gottesfurcht sich lohnte: »Und der Hagel erschlug im ganzen Land Mizrajim alles, was auf dem Feld war, Mensch wie Vieh« (Vers 25). Wir ziehen daraus den Schluss: Die gottesfürchtigen Ägypter traf der Hagel nicht!

sturheit Nach der siebenten Plage änderte Pharao seine störrische Haltung. Er sprach zu Mosche und Aharon: »Ich habe gesündigt dieses Mal! Der Ewige ist der Gerechte, und ich und mein Volk sind die Frevler. Flehet zum Ewigen, dass es genug sei des Donners Gottes und des Hagels, und ich will euch ziehen lassen, und ihr sollt nicht länger bleiben« (Verse 27–28). Hier gibt der ägyptische König einen Fehler zu – so etwas hatte er bisher nicht getan. Offensichtlich ist Pharao bewusst geworden, dass er nicht unfehlbar ist. Er fühlte sich nun gezwungen, sein ganzes Weltbild zu revidieren.

Der Jerusalemer Talmudist Rabbiner Adin Even-Israel Steinsaltz hat einmal angemerkt, dass Pharaos Verhalten ein zugespitztes Beispiel darstellt, und zwar nicht ein Beispiel für einen Bösewicht, sondern für einen ganz normalen Menschen. Erst wenn jemand – wie Pharao – plötzlich erkennen muss, dass er nicht vollkommen ist, kann ein therapeutischer Umdenkungsprozess in Gang kommen, der dann viele Lebensbereiche erfasst.

Wäre Pharao bei seinem Versprechen geblieben – »Ich will euch ziehen lassen« –, dann würden wir heute nur von sieben Plagen reden. Allerdings hat Mosche Rabbenu vorhergesagt, dass Pharao nach dem Aufhören des Hagels seine Haltung revidieren würde: »Und du und deine Knechte – ich weiß, dass ihr euch noch nicht fürchtet vor dem Ewigen, Gott. Und der Flachs und die Gerste waren zerschlagen, weil die Gerste Ähren hatte und der Flachs Knospen. Aber der Weizen und der Dinkel waren nicht zerschlagen, denn sie sind spät reif« (Verse 30–32).

Nachmanides, der Ramban (1194–1270), erörtert die Frage, warum Mosche Rabbenu überhaupt die unumstrittene Tatsache erwähnt, dass der Flachs und die Gerste zerschlagen waren, nicht jedoch der Weizen und der Dinkel. Rambans Antwort lautet, Pharao sollte durch den Hinweis auf die bevorstehende Weizen- und Dinkelernte gewarnt werden, dass Gott bei weiteren Sünden die spät reifen Getreidesorten zerstören könnte – was dann bei der Plage der Heuschrecken tatsächlich eintrat (10,15 ).

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) deutet die zwei Getreide-Verse wie folgt: »Sie enthalten den Grund, weshalb Pharao und seine Diener noch fern davon sind, Gott zu fürchten. Ihr wisst sehr wohl, sagt Mosche, dass, wenngleich Flachs und Gerste vernichtet sind, so haben doch gerade die wichtigsten Erzeugnisse der ägyptischen Fruchtbarkeit, Weizen und Dinkel, nicht gelitten. Ihr glaubt, unser Gott hätte sich geirrt, hätte den Hagel einige Wochen später eintreten lassen müssen. Und darum, weil euch das Wichtigste geblieben, seid ihr noch fern davon, in Wahrheit Gottes Macht zu fürchten.«

gottesfurcht Die Schrift bezeugt, dass Mosche Rabbenus Vorhersage sich schon bald als richtig erwies. Dem ägyptischen König und seinen Dienern fehlte es an Gottesfurcht: »Und Pharao sah, dass aufgehört der Regen und der Hagel und der Donner, und er sündigte fort und verstockte sein Herz, er und seine Diener« (Vers 34).

Der mittelalterliche Torakommentator Rabbenu Chiskia Ben Manoach (Chiskuni) fasst die Moral der Geschichte zusammen: So ist der Weg der Frevler; in der Stunde der Not lenken sie ein, doch sobald sie erkennen, dass die Gefahr vorüber ist, kehren sie zu ihrem früheren Leben ohne Gottesfurcht zurück. Kein Wunder, dass weitere Plagen zur Belehrung und Bekehrung Pharaos notwendig waren.

Der Autor ist Psychologe und lehrte an der Universität zu Köln. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Verknüpfungspunkte« (2010).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Waera erzählt, wie die Kinder Israels Mosche und Aharon kein Gehör schenkten, obwohl G’ttes Name ihnen von Mosche offenbart worden war. Mosche verwandelt vor den Augen des Pharao seinen Stab in ein Krokodil und fordert den Herrscher auf, die Kinder Israels ziehen zu lassen. Der Pharao aber bleibt hart, und so kommen die ersten sieben Plagen über Ägypten: Blut, Frösche, Ungeziefer, wilde Tiere, Viehseuche, Aussatz und Hagelschlag. Auch danach bleibt der Pharao hart und lässt die Kinder Israels nicht ziehen.
2. Buch Mose 6,2 – 9,35

Lech Lecha

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