Schabbat

Niemand lebt für sich allein

In der Wüste ist einer auf den anderen angewiesen. Das schweißt zusammen – und bringt gleichzeitig auch die inneren, eher verborgenen Charakterzüge eines jeden ans Licht. Foto: Thinkstock

Wer einmal die Erfahrung der Wüste gemacht hat, sie nicht nur im Film oder im Fernsehen gesehen, sondern wirklich erlebt hat, der weiß: Es ist ein unwirtlicher Ort, und doch voller Faszination.

Die Londoner Judaistin Mehri Niknam beschreibt sie so: »Die Wüste ist ein extrem einsamer Ort, denn sie ist so leer. (…) Es gibt nichts, was du sehen oder berühren kannst. Gerade deshalb ist sie so erfüllt, denn du spürst nur dich in dieser Weite, ein zartes, zerbrechliches Ich in ihrer Mitte, und diese Weite ist erfüllt durch dich. Du empfindest diese gegensätzlichen Gefühle: ›Ich bin alles‹ und: ›Ich bin nichts‹.«

In dieser Umgebung wandern die Kinder Israels ihrem Bestimmungsort entgegen, dem verheißenen Land Kanaan. Sie wandern nicht nur äußerlich, Fuß vor Fuß, sondern sie machen auch eine innere Entwicklung durch: von einem mehr oder weniger ungeordneten Haufen Menschen hin zu einem Volk.

zusammenhalt In der Wüste ist einer auf den anderen angewiesen. Das schweißt zusammen. Und gleichzeitig bringt es auch die inneren, eher verborgenen Charakterzüge eines jeden ans Licht, im Positiven wie im Negativen.

Die Erfahrung des Lebens in der Wüste wirft die Menschen zurück auf ihr ureigenes Selbst; jedes einzelne Individuum muss mit sich selbst ringen, wie es einst Jakow mit dem Engel tat. Und ein jeder wird verändert aus diesem Kampf hervorgehen.

Gleichzeitig ringt ein jeder aber auch mit der Gemeinschaft, in der er sich befindet und auf die er letztlich angewiesen ist. In der Wüste kann einer allein kaum überleben. Er ringt mit der Gemeinschaft um seinen Platz in ihr. Manch einer glaubt, er stünde am falschen Platz, manch einer fühlt sich übergangen oder betrogen.

Es ist nicht von ungefähr, dass von den zehn Paraschiot des Buches Bemidbar (deutsch: »In der Wüste«) ganze acht von Streit und Kämpfen handeln, inneren wie äußeren. Und erst am Ende dieser Kämpfe wird Israel als ein Volk bereit sein, in das verheißene Land einzuziehen: Nach der Rebellion des Korach, nach den wiederholten Beschwerden der Israeliten über Wassermangel und einseitige Verpflegung, nach der verhängnisvollen Sache mit den Kundschaftern, nach den Kämpfen mit Emoritern und Moabitern, nach der Regelung um die Erbrechte von Frauen und nach Streitigkeiten um die künftige Aufteilung des Landes. 40 Jahre werden dann seit dem Auszug aus Ägypten vergangen sein.

Marschordnung In der Parascha Bemidbar, dem ersten Kapitel des gleichnamigen Buches, geht es um die Marsch- und Lagerordnung der Israeliten, und es geht um die Verteilung von Aufgaben. Kol Jisrael arevim se-la-se – ganz Israel ist füreinander verantwortlich. Diesen Grundsatz veranschaulicht uns diese Parascha sehr eindrücklich.

Sie beginnt mit der Aufzählung zahlreicher Namen, und wir sehen: Der Ewige kennt nicht nur Mosche und Aharon, Er benennt auch die einzelnen Leute, die die beiden für bestimmte Aufgaben auswählen sollen – mit Vor- und Zunamen und nach Stammeszugehörigkeit. Und Er weiß auch um ihre jeweiligen Fähigkeiten und Schwächen, wie wir an anderen Stellen in der Tora erfahren. Er kennt uns also, jeden Einzelnen, und nicht nur »vom Namen her«, also vom Hörensagen.

Das ist durchaus kein bedrohlicher Gedanke (wie in »Der Ewige sieht alles!«), sondern eine sehr tröstliche Vorstellung. Er kennt uns, und Er kennt den Wert eines jeden Einzelnen von uns. Es gibt für ihn keinen wertlosen Menschen. Ein jeder hat seinen festen Platz in der Gemeinschaft, ist ein Individuum, kein Namenloser in einer anonymen Menge, und für jeden Einzelnen zeigt sich der Ewige verantwortlich, für den Obersten in der Hierarchie genauso wie für den »kleinen Mann«.

Kol Jisrael arevim se-la-se. Die Lagerordnung der Stämme ist dafür ein Beispiel. In der Mitte das Stiftszelt mit den Levi’im – sie sorgen für den G’ttesdienst, und alle anderen Stämme haben direkten Kontakt zu ihnen und damit zum Ohel Mo’ed.

Midrasch Der Midrasch beschreibt es uns so: Im Osten lagern Jehuda, der Königsstamm – er ist politisch und geistig führend –, Jissachar, der astronomisch gebildete Stamm – er ist ein Vertreter der Wissenschaft – und Sevulun, der Stamm des See- und Binnenhandels. »So wie im Osten die Sonne aufgeht, so erstrahlt vom Osten des Lagers her das Licht der Tora.« Hier finden sich die geistigen Grundlagen des Volkes.

Im Norden lagern Dan, Ascher und Naphtali, symbolisch für die materiellen Güter des Volkes. Sie stehen für den Lebensunterhalt, für die »Parnosse«; so waren auch die zwölf Schaubrote auf einem Tisch an der Nordseite des Ohel Mo’ed ausgestellt.

»Die Schechina ist im Westen«, sagt uns der Talmud (Baba Batra 25b), und damit die spirituelle Unterstützung für das Volk der Israeliten. Hier lagern die Stämme Benjamin, Ephraim und Menasche.

Und im Süden lagern Re’uven, Schimon und Gad. »Vom Süden kommt der segenbringende Regen« und mit ihm die materielle, tatkräftige Hilfe. Vor allem Re’uven und Gad waren die Stämme der »Frontkämpfer« in der Armee der Israeliten. Sie standen damit symbolisch für Macht und Stärke, aber auch für den Schutz und die Verteidigung des Volkes.

Kol Jisrael arevim se-la-se. Auch wenn wir heute kein geschlossenes Volk mit einem fest umgrenzten Lager in der Wüste mehr sind: Seien wir einander gegenüber achtsam. Ein starker Mensch ist nicht immer stark, ein schwacher nicht ausschließlich schwach. Wir alle haben unsere Stärken und Schwächen. Setzen wir sie ein für unsere Gemeinschaft, und seien wir nicht zu stolz, Hilfe auch anzunehmen, wenn wir sie brauchen. Denn: Kol Jisrael arevim se-la-se.

Die Autorin ist rabbinische Leiterin des Egalitären Minjans »Mischkan ha-Tfila« in Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

Paraschat BeMidbar
Am Anfang steht die Zählung aller wehrfähigen Männer, mit Ausnahme der Leviten. Sie sind vom Militärdienst befreit und nehmen die Stelle der Erstgeborenen Israels ein. Ihnen wird der Dienst im Stiftszelt übertragen. Bei ihnen soll von nun an jeder Erstgeborene ausgelöst werden. Zudem wird geregelt, welche Familien für den Auf- und Abbau des Stiftszelts verantwortlich sind.
4. Buch Mose 1,1 – 4,20

Wajera

Lots Töchter

Wie in der Tora über Inzest und sexuelle Gewalt gesprochen wird

von Paige Harouse  30.10.2026

Talmudisches

Sonnenanbeter

Was unsere Weisen über die Macht lehren, die wir dem Zufall zuschreiben

von Vyacheslav Dobrovych  30.10.2026

Mobilität

Scootern am Schabbes?

Was Rabbiner über Fahrräder, Roller und die Belohnung für jeden Schritt lehren

von Rabbiner Dovid Gernetz  29.10.2026

Aleeza Ben Shalom

»Wir suchen nach Körper und Seele«

Als Star der Netflix-Serie »Jewish Matchmaking« ist sie international bekannt und kommt auch nach Deutschland. Funktioniert die jüdische Liebe hierzulande anders?

von Mascha Malburg  26.10.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  26.10.2026

Lech Lecha

Mut zur Veränderung

Unsicherheit ist Teil jedes neuen Anfangs – doch manche Wege öffnen sich erst, wenn wir sie betreten

von Rabbiner Boris Ronis  23.10.2026

Talmudisches

Das Gebet am Ende der Mahlzeit

Tischgebete kennen alle Weltreligionen. Doch während sich beispielsweise Christen vor dem Essen für das »tägliche Brot« bedanken, steht in der jüdischen Tradition der Dank am Ende der Mahlzeit. Aus einem ganz besonderen Grund

von Detlef David Kauschke  23.10.2026

Talmudisches

Bier

Was unsere Weisen über Getränke und ihre Wirkung lehren

von Rabbinerin Yael Deusel  21.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026