Wajeschew

Nichts geschieht zufällig

Die Geschichte von Josef lehrt, dass auch Gerechte Leid erdulden müssen

von Rabbiner Joel Berger  16.12.2022 12:21 Uhr

Alle gegen einen: Josef hatte die Wut seiner Geschwister heraufbeschworen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Geschichte von Josef lehrt, dass auch Gerechte Leid erdulden müssen

von Rabbiner Joel Berger  16.12.2022 12:21 Uhr


Das 37. Kapitel des 1. Buches Mose beginnt damit, dass Josef seine Geschwister bei Jakow, ihrem Vater, anschwärzte. Er war der Lieblingssohn des alten Vaters, der seine Liebe und sein Vertrauen auf Kosten der Brüder ausnützte und missbrauchte. Als Günstling des Vaters provozierte er im Weiteren die gekränkten Brüder. Josef erzählte ihnen seine Träume, in denen er ihnen als Herrscher und Gebieter erscheint.

Eines Tages wurde Josef von seinem Vater Jakow beauftragt, seine Brüder mit ihren Herden aufzusuchen, um ihm über ihr Treiben Bericht zu erstatten. Zunächst fand Josef ihre Spuren nicht. Da erkundigte er sich bei einem Mann auf dem Feld nach ihnen. Der Mann hatte zufällig gehört, wohin die Brüder gehen wollten, und zeigte Josef die Richtung. Dieser Übereifer rächte sich.

rache Josef hatte die Wut seiner Geschwister heraufbeschworen. Wut und Rache können zu Gewalt führen. So auch hier. Die Aggressivsten unter den Brüdern wollten Josef ganz aus dem Weg räumen. Doch Jehudas zynisch klingender Einwand »Was nützt es uns, wenn wir unseren Bruder (Josef) umbringen?« (1. Buch Mose 37,25) rettete dem jüngeren Bruder das Leben.

Die Tora schildert zunächst die Gefühllosigkeit der Geschwister, die Josef zuerst in eine Zisterne warfen und sich dann wie nach getaner Arbeit zum Essen hinsetzten. Plötzlich erblickten sie Kaufleute, die mit Gewürzen, Balsam und Lotus nach Ägypten unterwegs waren. Die Brüder wurden sich schnell darüber einig, dass es besser wäre, Josef zu verkaufen, als sein Blut zu vergießen.

Der mittelalterliche Torakommentator Raschi fragt sich, warum die Tora so detailliert beschreibt, mit welcher Art Waren die Karawane unterwegs war.

fürsorge Es war damals nicht selten, dass Handelsreisende auch mit übel riechenden Produkten auf Reisen gingen. Raschi meint, es sei ein Zeichen der Fürsorge G’ttes gewesen, dass Josef auf der langen Reise nicht auch noch unter einem üblen Geruch leiden musste.

Raschi erklärt zu dieser Stelle, wie wir den Gedanken von der »Belohnung der Gerechten« verstehen könnten. Er meint, wir sollten nicht denken, dass der Zaddik, der Gerechte, auf dieser Welt von G’tt bevorzugt und belohnt wird. Denn würde es dem Gerechten immer gut ergehen, dann könnte er nicht mehr als Gerechter bezeichnet werden.

Hinter Raschis Aussage stecken die Überlegungen unserer Weisen. Sie gingen davon aus, dass auch die Strafe G’ttes nicht über das Maß hinaus bemessen sein darf. Sogar der Herr der Welt muss seine Strafe genau abstufen. Auch Er darf nicht mehr, aber auch nicht geringer bestrafen, denn Er allein ist der G’tt der Gerechtigkeit! Ein jeder Sünder muss sich darauf verlassen können.

Daher meinten die jüdischen Gelehrten, das Maß bei Josef sei mit dem Verkauf durch die Brüder bereits voll gewesen, er habe daher nicht noch mehr Leiden auf sich nehmen müssen. In der Erwähnung des angenehmen Geruchs der Gewürze fanden die Weisen den Hinweis darauf, dass Josef für seine Untreue gegenüber den Brüdern genug gelitten hatte.

träume Josef hatte die Brüder an den Vater verraten und demütigte sie durch die Erzählung seiner hochtrabenden Träume. Vielleicht wurde er aus diesem Grund bestraft und musste Sklave in Ägypten werden.

Dann kam er auch noch ins Gefängnis, doch völlig schuldlos. Die Frau seines Herrn Potiphar wollte ihn verführen. Josef widerstand ihr. Die beleidigte Frau verklagte ihn, doch man glaubte ihr, genauso wie sein Vater einst ihm Glauben schenkte, als er die Brüder angeschwärzt hatte. Daher also dieser Tiefpunkt seines Schicksals, das genau festgesetzt worden zu sein schien.

Der nächste Abschnitt berichtet davon, wie Josef auf Geheiß des Pharaos aus dem Kerker geholt wird. Der jüdische Leser weiß: Es geschah auf G’ttes Geheiß hin. Wie auch der Talmud lehrt: Ohne g’ttlichen Ratschluss kann niemand auch nur einen Finger rühren (Chullin 7b).
Es ist schwer zu fassen, warum häufig auch gerechte Menschen schlimmes Leid erdulden müssen. Verstehen können wir es nicht. Aber vielleicht könnte es manchmal tröstlich wirken, dass nichts zufällig geschieht.

Von Raschi lernen wir, dass sogar, wenn G’tt dem Gerechten Leid auferlegt, Er ihm Seine Liebe dennoch nicht entzieht. Raschi macht den verborgenen G’tt hinter den Ereignissen sichtbar und spürbar. Und darauf kommt es dem Menschen oft an.

verrat Viele Jahre später, als Josef zu Amt und Würden gelangt und Vizekönig von Ägypten ist, wertet er die Ereignisse um seinen Verkauf und Verrat durch die Geschwister so: »Nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern G’tt« (1. Buch Mose 45,8).

Einige unserer Denker meinen, dass ein zu pflichtbewusstes Streben des Menschen auch unredliche Gründe haben kann – wie bei Josef, der die Geschwister beim Vater anschwärzen wollte und daher eine harte Vergeltung erleiden musste. Doch seine bittere Strafe führte schließlich dazu, dass er seiner Familie während der Hungersnot wie ein von G’tt gesandter Retter dienen konnte. Deshalb meinte Josef, dass letztlich G’tt ihn nach Ägypten geschickt hatte. Die Strafe diente der späteren Gerechtigkeit.

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeschew erzählt, dass Josef davon träumt, wie seine Brüder sich vor ihm verneigen. Eines Tages schickt Jakow Josef zu den Brüdern hinaus auf die Weide. Die Brüder verkaufen ihn in die Sklaverei nach Ägypten. Dort steigt Josef auf. Doch nachdem ihn die Frau seines Herrn der Vergewaltigung beschuldigt hat, wird Josef ins Gefängnis geworfen. Dort lernt er den königlichen Obermundschenk sowie den Oberbackmeister des Pharaos kennen und deutet ihre Träume.
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