Fasten

Nicht übertreiben

An den vorgeschriebenen Tagen sollen Juden dem Essen und Trinken entsagen – darüber hinaus ist Selbstkasteiung eher unnötig

von Rabbiner Raphael Evers  16.07.2018 20:58 Uhr

Der Kühlschrank bleibt zu. Aber: Fasten soll niemals Selbstzweck sein. Ziel ist es, eine gestörte Beziehung zu G’tt wiederherzustellen. Foto: Thinkstock

An den vorgeschriebenen Tagen sollen Juden dem Essen und Trinken entsagen – darüber hinaus ist Selbstkasteiung eher unnötig

von Rabbiner Raphael Evers  16.07.2018 20:58 Uhr

Die Alternativmedizin weist auf den Nutzen des Fastens hin: Giftstoffe, die über die Nahrung oder das Einatmen von verunreinigter Luft in den Körper gelangen, werden hauptsächlich in den Fettschichten gespeichert. Fasten reinigt daher den Körper und entfernt Giftstoffe.

In den alten jüdischen Quellen hingegen wird die positive Wirkung des Fastens auf den Körper nicht beschrieben. Laut Maimonides, dem berühmten Arzt und Philosophen aus dem Mittelalter, werden die meisten Krankheiten durch übermäßiges Essen verursacht. Deshalb rät er, nur dann zu essen, wenn man wirklich hungrig ist. Ein weiterer Gesundheitstipp ist, nicht so lange zu essen, bis man pappsatt ist. Sorgen Sie stattdessen immer dafür, dass Sie nur zu drei Vierteln satt werden!

Jom Kippur Die Tora kennt ausschließlich das allgemeine Fasten an Jom Kippur, das jeder Jude zu beachten hat. Darüber hinaus gibt es weitere Fastentage in der rabbinischen Literatur, die jeder berücksichtigen sollte. Dies sind hauptsächlich Tage, die zum Gedenken an die Zerstörung des Tempels eingeführt und nach dem Wiederaufbau des Zweiten Tempels nicht mehr beachtet wurden.

Doch nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n.d.Z. wurden diese »alten« Fastentage wieder eingesetzt. Es sind Tischa beAw (der 9. Aw), Schiwa Asar beTamus (der 17. Tamus), Asara beTewet (der 10. Tewet), und Zom Gedalja (am 3. Tischri).

Darüber hinaus dient Fasten verschiedenen Zwecken: Zum Beispiel versucht man dadurch, von G’tt Vergebung und Mitgefühl zu erlangen. Häufig geschieht dies, nachdem eine Person eine Übertretung begangen hat und eine Bestrafung befürchtet oder bereits teilweise erfahren hat. Fasten ist oft Teil eines Gesamtregimes, in dem der Körper »geläutert« wird: Man schläft auf dem Boden, wechselt seine Kleidung nicht und wäscht sich auch nicht.

Sack und Asche Der Ausdruck »Sitzen auf Sack und Asche« stammt ursprünglich aus der Tora und bezieht sich auf Menschen, die nicht nur fasteten, sondern auch Lumpen anzogen und in Asche saßen, als Zeichen von Trauer, Bedauern oder Demut. Indem man sich auf diese Weise herabließ, hoffte man auf Vergebung der Sünden. Aber auch ein ganzes Volk konnte fasten, zum Beispiel zur Vorbereitung auf einen Krieg oder zur Abwendung eines Krieges. Auch landwirtschaftliche Katastrophen wie Ernteausfälle konnten ein Grund für Fastentage sein.

Und schließlich konnte auch der Tod eines Königs, Propheten oder anderer großer Führungspersönlichkeiten einen Grund zum Fasten darstellen.

Wichtig ist: Fasten soll niemals Selbstzweck sein. Ziel ist es, eine gestörte Beziehung zu G’tt wiederherzustellen. Das Fasten dient der Buße; nur, wenn man die Übertretung wirklich bereut, ist man bereit für die Vergebung. G’tt sorgt dafür, dass eine Katastrophe, die nach Ansicht der Tora oft als Warnung dient, nicht eintritt oder ein (gutes) Ende nimmt. In der Vision der Tora geschehen Katastrophen niemals »einfach so«; sie sind das Ergebnis des Verhaltens der Menschheit. Wenn ein Volk sündigt, kann das körperliche Folgen haben: Krieg, Krankheit oder Dürre. Durch Buße werden diese Folgen beseitigt.

Der Prophet Jeschajahu kritisierte Menschen, die besonders auf das äußere Erscheinungsbild ihres Fastens achteten: »Sie sind schief wie Schilf und verstecken sich in ihren Taschen und der Asche.« Doch einem hungrigen Menschen Brot zu geben und verarmte nackte Menschen zu bekleiden, führt dem Propheten zufolge zu einem echten Fasten.

Sinai Zudem scheint Fasten ein Mittel zu sein, mit der geistigen Welt in Kontakt zu kommen. Mosche erzählt uns, dass er 40 Tage auf dem Berg Sinai ohne Wasser und Brot verbrachte. Am Ende dieser 40 Tage gab G’tt ihm die Steintafeln, die von Ihm selbst mit den Zehn Geboten beschrieben wurden.

Zur Zeit des Zweiten Tempels legten verschiedene jüdische Gruppen großen Wert auf das Fasten als asketisches Ideal. Der Talmud lehnt dies tendenziell ab; einige Gelehrte glauben sogar, dass eine Person, die diesem Ideal nacheifert, ein Sünder sei.

Denn ein Mensch sollte genügend spirituelle Inspiration in den Geboten und Verboten der Tora finden. Sich noch weiter zu verleugnen, wird als »sündig« angesehen. Außerdem ist das Studium der Tora wichtiger als Fasten. Aus diesem Grund wäre es besser, wenn ein Talmudgelehrter nicht fastet – außer an den Fastentagen, die für alle obligatorisch sind. Denn durch das Fasten wäre er so geschwächt, dass er die Tora nicht mehr richtig studieren kann.

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