Gemeinsam

Nicht ohne meine Mutter

Über die Kindheit hinaus: Für jeden bleibt die Mutter ein Leben lang wichtig. Foto: imago

Im Wochenabschnitt Bamidbar begegnen wir 23 Mal dem Ausdruck Beit Avotam, Haus ihrer Väter. Weiter sehen wir, dass 16 Personen mit ihren vollen traditionellen Namen erwähnt werden, das heißt mit ihrem Vornamen und dem Namen ihres Vaters, zum Beispiel Elasar ben Aharon. Auf genau diese Weise werden wir heutzutage zur Tora aufgerufen, deshalb klingt das sehr vertraut. Merkwürdig ist es jedoch angesichts der Tatsache, dass Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt (oder vor einem Beit Din zum Judentum übertritt), wir uns also nach der Matrilinearität richten. Die Mutter bestimmt über unser Judesein. Aber der Vater gibt den Namen?

Die Namensgebung nach dem Vater hat, außer den soziohistorischen Erklärungen, auch einen biblisch begründeten praktischen Grund. Die Namensgeber der zwölf Stämme Israels haben vier verschiedene Mütter, die Schwestern Lea und Rachel und ihre Mägde Bilha und Silpa. Als Bnej Jisrael, als Söhne Jakows, sind sie nun aber als eine Familie zu erkennen, deshalb werden sie nach dem Vater benannt.

Obwohl das Judentum, wenigstens sein religiöser Aspekt, eher männerorientiert ist, hat es die Wichtigkeit und die Bedeutung der Mutterschaft und der Mutter nicht ganz verdrängt. Beim Mischeberach leCholim, dem Gebet für die Kranken während oder nach der Toralesung, werden die Kranken namentlich genannt und zwar mit Vornamen und dem Namen der Mutter, zum Beispiel Benjamin ben Rachel. Begründet wird dies mit Hinweisen in verschiedenen Stellen unserer Schriften. So heißt es in den Psalmen: »Wende dich zu mir und sei mir gnädig … und hilf dem Sohn deiner Magd« (86,16). Der Radak, Rabbi David Kimchi (1160–1235) führt eine Stelle aus dem Propheten Jeremia an: »Und so sprach der Ewige, Klagegeschrei und bitteres Weinen ist zu hören aus Rama, Rachel weint über ihre Kinder« (31,14).

Krankheit Weil im Tanach die Mutter diejenige ist, die sich um die kranken Kinder kümmert und für sie betet, wird ihr Name genannt, wenn es um Krankheit und Genesung geht. Im Talmud (Schabbat 66b) berichtet einer der Rabbinen, Abaje, seine Mutter habe ihm erklärt, »alles was zur Heilung die Rezitation von bestimmten Formeln braucht, da benutzen wir den Namen der Mutter (des Kranken)«.

Solange wir gesund sind, benutzen wir den Namen des Vaters, desjenigen, dessen Verdienste wir uns rühmen. So beginnen wir unser Gebet mit den Worten »G’tt meiner Väter, G’tt Awrahams, G’tt Jakows und G’tt Jitzchaks«, benutzen die Namen dieser drei Großen als Visitenkarte, um uns vorzustellen und uns Eintritt und Gehör beim Schöpfer zu verschaffen. Sobald wir jedoch krank darniederliegen, eines Teils unserer physischen Kräfte beraubt, und auf Pflege und Fürsorge angewiesen sind, erinnern wir uns (plötzlich) wieder der Hand, die unsere Stirn kühlte und uns vorsichtig löffelweise die Hühnersuppe einflößte.

bezugsperson Ist diese festgelegte Rollenverteilung heute immer noch aktuell? Bis vor nicht allzu langer Zeit war der Vater das Oberhaupt und der Ernährer seiner Familie. Die Mutter kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt. Die meisten Familien in unserer modernen Gesellschaft sehen aber mittlerweile anders aus. Oft sind beide Elternteile berufstätig und die Kinder verbringen einen Großteil des Tages in Kindertagesstätten oder bei Tagesmüttern. Mehr und mehr Paare entscheiden sich dafür, dass der Mann zu Hause bleibt, während die Frau arbeiten geht. Nicht zuletzt ändert immer häufiger die Scheidung einer Ehe die Familienkonstellation. Wir erleben, dass die Hauptbezugsperson für ein Kind nicht mehr zwingend die Mutter ist.

Schön wäre es, wenn sich diese Umstände in der Liturgie aller Gemeinden niederschlügen. Täten sie es nicht, würde die Kluft zwischen real Ge- und Erlebtem und den Inhalten sowie der Form des Gebets irgendwann so groß, dass die Liturgie und der G’ttesdienst im Lauf der Zeit zu einer leeren Hülle, ohne jeglichen Bezug zur Gegenwart und unserem Leben, werden würden.

egalitär Die ausschließlich der Überlieferung der Tradition verpflichteten Bewegungen innerhalb des Judentums behalten die Aufteilung bei, wonach beim Aufruf zur Tora nur der Name des Vaters verwendet wird und beim Mischeberach für die Kranken nur der Name der Mutter. Bei einigen Strömungen hat sich, aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen, der Egalitarismus etabliert, das heißt, Frauen und Männer werden gesellschaftlich und religiös als gleichberechtigt angesehen. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass auch Frauen zur Tora aufgerufen werden.

Der egalitäre Gedanke drückt sich aber auch in der Namensgebung aus. Es werden nach dem Vornamen die Namen beider Elternteile genannt. Der Tradition verbunden zu sein, ohne die Veränderungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung auszublenden, diesem Standpunkt wird der Minhag, der Brauch, gerecht, beim Aufruf zur Tora beide Namen der Eltern zu verwenden, und zwar den Namen des Vaters und der Mutter, und beim Gebet für die Kranken auch beide Namen, hier jedoch erst den der Mutter und dann den des Vaters.

Der Autor ist Rabbinatsstudent am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam.

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