Tagung

Nicht ohne den Tanach

Unter christlichen Theologen umstritten: die Bedeutung des Tanach, des »Alten Testaments«. Foto: dpa

Tagung

Nicht ohne den Tanach

In Berlin diskutierten Juden und Protestanten über den Zustand des interreligiösen Dialogs

von Ingo Way  14.12.2015 18:26 Uhr

Im April dieses Jahres sorgte ein Aufsatz des protestantischen Theologen Notger Slenczka, der bereits zwei Jahre zuvor veröffentlicht worden war, für heftige Debatten (vgl. Jüdische Allgemeine vom 23. April). Darin hatte Slenczka die These vertreten, dass der Tanach, das Alte Testament (AT) in christlicher Diktion, nicht als heiliger Text des Christentums gelten könne.

Er regte daher an, den Tanach unter die Apokryphen einzuordnen, also jenen Texten des Judentums, die für Christen nicht zum biblischen Kanon zählen. »Sie – die christliche Kirche – ist als solche in den Texten des AT nicht angesprochen«, schrieb Slenczka. Sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite war ihm daraufhin Antijudaismus vorgeworfen worden.

Nun wollte die Evangelische Akademie zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) auf der Tagung »›Nicht ohne das Alte Testament‹. Die Bedeutung der Hebräischen Bibel für Christentum und Judentum« gemeinsam mit Notger Slenczka dessen umstrittene Thesen diskutieren.

»Scherbengericht« Kurz vorher sagte dieser seine Teilnahme jedoch ab, weil er der Meinung war, dass seine Haltung falsch dargestellt werde. Die Veranstaltung sei im Lichte des Ankündigungsflyers als »Scherbengericht« über eine ihm fälschlicherweise zugeschriebene Position angelegt, hieß es in seinem Schreiben an die Akademie.

Also diskutierten die verbliebenen Experten unter sich über den Zustand des jüdisch-christlichen Dialogs – unter ihnen neben zahlreichen protestantischen Theologen auch Rabbiner Andreas Nachama und der Publizist Micha Brumlik. Konsens war, dass sich die Kirche stärker mit ihren antijüdischen Traditionen auseinandersetzen muss.

Dabei müsse die »tragende Funktion des jüdischen Glaubens für den christlichen Glauben« deutlich gemacht werden, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge.

Bei der Aufklärung über die Schuldgeschichte der christlichen Theologie gebe es »ungeheuren Nachholbedarf«, meinte auch der evangelische Theologe Christoph Markschies. Wenn die Bedeutung des Alten Testaments für die Kirchen in den Hintergrund gerate, »dann löst man die Grundlagen der christlichen Theologie auf«, betonte Markschies.

Mehrere Wissenschaftler äußerten sich skeptisch über nachhaltige Erfolge des christlich-jüdischen Dialogs, sprachen sich aber zugleich für eine Fortführung aus. »Jeder Dialog ist zu begrüßen«, sagte der Direktor des MMZ, Julius Schoeps. Kurz nachdem Erfolge erzielt würden, seien jedoch häufig Rückschläge zu beobachten.

Rückfälle
Rückfälle in antijüdische Denktraditionen seien wie ein Fieber, das alle 20 bis 30 Jahre wiederkehre, bemerkte Micha Brumlik. »Anfang der 80er-Jahre war der Dialog schon einmal viel weiter«, sagte Schoeps im Anschluss an die Veranstaltung der Jüdischen Allgemeinen: »Irgendwie ist das alles wieder im Rückfall.« Das liege an »nicht verarbeiteten Problemen« innerhalb der evangelischen Kirche, so Schoeps. »Im Grunde sind das Probleme, die die Protestanten unter sich ausmachen müssen.«

»Es gibt Richtungskämpfe innerhalb der Kirche«, etwa bei der Haltung zur Judenmission, bestätigt auch Rabbiner Joel Berger. »Da stehen etwa die Pietisten in Schwaben und Württemberg gegen die Liberaleren, Aufgeschlosseneren.« Strittiges sollte erst einmal innerkirchlich geklärt werden, »dann erst kann man mit Juden ein intensiveres, aufrichtigeres Gespräch führen«, so der Rabbiner.

»Aber die christlichen Tagungsteilnehmer waren ehrlich genug, diese Stagnation einzugestehen, und möchten, dass wieder eine positive Wende kommt«, fügte Berger hinzu. Die Thesen von Slenczka jedenfalls fanden auf der Tagung einhellige Ablehnung, das bestätigen sowohl Berger als auch Schoeps. (mit epd)

Talmudisches

Neid

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Ein Kommentar von Daniel Neumann

von Daniel Neumann  02.03.2026

Krieg zwischen Iran und Israel

»Als sich das Blatt wendete«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zum Tod von Ali Chamenei: »Dies ist der Moment, auf den das iranische Volk seit einem halben Jahrhundert gewartet hat«

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Tezawe

72 Buchstaben

Jedes Wort der heiligen Sprache trägt eine innere Essenz in sich. Der Zahlenwert eines jeden Begriffs hat eine besondere Bedeutung

von Vyacheslav Dobrovych  27.02.2026